> > > LIBREAS. Library Ideas # 20

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Einspruch Eurer Zeiten. Arlette Farges archivarische Reverie gibt es endlich auch in deutscher Übersetzung. Rezension zu: Arlette Farge: Der Geschmack des Archivs. Göttingen: Wallstein, 2011. ISBN: 978-3-8353-0598-4, € 14,90


Zitiervorschlag
Ben Kaden, "Einspruch Eurer Zeiten. Arlette Farges archivarische Reverie gibt es endlich auch in deutscher Übersetzung. Rezension zu: Arlette Farge: Der Geschmack des Archivs. Göttingen: Wallstein, 2011. ISBN: 978-3-8353-0598-4, € 14,90". LIBREAS. Library Ideas, 20 ().


„Wie soll man also eine Sprache erfinden, die sich an jene Bewegung des Suchens annähert, die sich im Archiv anhand unendlich vieler Spuren von Herausforderungen, Rückschlägen und Erfolgen vollzieht?” (S. 94)

Zweifellos: Das Archiv ist ein Bremsklotz im Fortstürmen und Drängen der Kultur durch die Zeit. Und auch des eigenen. Mehr noch als der Lesesaal einer Bibliothek ist die Vergessenheit des Archivs buchstäblich eine Zeitkapsel und wer selbst einmal Stunden in dieser verbrachte, weiß sicher um den seltsamen Zustand, wenn man nach einem intensiven Quellenstudientag mit der frisch in vielfältigen Vergangenheiten verschobenen Selbstwahrnehmung zurück in den Hauptstrom des Gegenwartsgeschehen tritt.

Das Archiv schnappt etwas aus dem Geschehen der jeweiligen vergangenen Gegenwarten auf und entführt zugleich den, der sich mit diesen Gegenwarten befasst. Das Archiv sichert das Geschehen dieser Zeiten nicht selbst. Aber es legt einen Hinweis auf das, was geschah, an und konserviert ihn, so gut es kann. Es erzeugt Spuren.

Über die Spuren (oder auch Zeugnisse) kann der, der sucht dem Geschehenen (bzw. dem Bezeugten) nachspüren. Möglicherweise stimuliert das Archiv eine unbewusst angelegte sehr ursprüngliche (archaische?) Begabung des Fährtenlesens, die uns ständig auf der Suche nach einem Sinn in eine mehr oder weniger strukturierte semiotische Aufzeichnungsumwelt treibt. Die Archive repräsentieren eine solche Umwelt. In ihnen hoffen wir, über die Repräsentanten vergangener Gegenwarten Erkenntnisse für unsere gegenwärtigen Gegenwarten aufzufinden. (Museen erfüllen als in die Öffentlichkeit gestülpte Archive eine ähnliche Funktion.)

Die Nutzung eines Archivs ist also nicht zuletzt eine Distanzierungserfahrung und zwar nicht nur intellektuell, sondern spürbar gesamtsinnlich. Möglicherweise schwächt sich diese Sensation mit der Zeit ab. Bei Arlette Farge ist dies aber mutmaßlich nicht der Fall, denn ansonsten wäre das archivphilosophische Kleinod Le goût de l'archive (1989) sicher nicht entstanden.

Die Autorin hat sich buchstäblich dem Archiv verschieben und zwar anders als Jaques Derrida, vielleicht aber diesen komplementierend. Das Thema, das sie sich mit ihm teilt, lässt sich in einer Einsicht fassen: „Kein Archiv ohne Draußen.” (Jaques Derrida: Dem Archiv verschrieben. Berlin: Brinkmann und Bose, 1997, S. 25) Das Archiv ist eine Variante, etwas zu erinnern. (Derrida nennt es hypomnestisch). Es ist nicht Gedächtnis. Und es ist – hier kommen wir zu Arlette Farge – nicht Abbild der Wahrheit.

Treten wir mit der Autorin in den Raum des Archives – der in diesem Fall das Gerichtsarchiv zu Paris ist – dann versenken wir unseren Blick in ein Kaleidoskop semiotischer Sedimente:

„Man muß sich von der Vorstellung lösen, die Verfügung über ein Archiv komme dem Besitz der Wahrheit gleich.”,

betonte die Autorin in einem französischen Historikerstreit Mitte der 1990er Jahre. (vgl. Jürg Altwegg: Wenn die Erinnerung entgleist. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.1995, Nr. 44, S. 37) und dieses Thema wird in ihrem Buch in diversen Variationen ausgeführt.

Das Archiv ist für Arlette Farge Sammelpunkt und Werkbank der De- und Rekonstruktion von Geschichte aus Spuren bzw. Zeugnissen:

„Die Ereignisse sind verschwindend, die Vorfälle mehr als gewöhnlich, die Personen einfach und die zu ihnen gesammelten Ordner sind nur Fragmente. Fragmente des Lebens, Fetzen von Streitereien, die, wahllos zusammengebunden, die Herausforderungen und das menschliche Unglück reflektieren.” (S. 63)

Die Überhöhung zum „mehr als gewöhnlich” ist durchaus als bewusst gesetzt zu lesen: Der Blickwinkel richtet sich auf die Singularität und also das Besondere im scheinbar völlig Banalen. Es geht um das Verhältnis von Abweichung und Norm. Der Raum des Archives wird zum – in der Sprache Arlette Farges sogar sehr poetischen –Raum der Sinnsuche und Sinngenese mit all den damit zusammenhängenden und damit auch ethischen Implikationen.

Die sich dabei vollziehenden Prozesse entsprechen immer einem Schwanken zwischen Fiktion und Wahrheit und Arlette Farge offenbart sich ganz als auf Seiten Foucaults stehend, mit dem sie zeitweilig eng zusammenarbeitete, wenn sie schreibt:

„Man kann sich von allen Illusionen einer Universalität, einer totalen und definitiven Wahrheit trennen, die es als Ganze wiederherzustellen gelte. Dennoch kann man die Wahrheit weder verabschieden noch gar verachten, man darf sie niemals verdrehen und der Raum zwischen den beiden Polen ist oft eng. Die Beziehung zum Archiv erlaubt es, diesen beiden Imperativen gegenüber sehr sensibel zu sein und sie beieinanderzuhalten.” (S. 75)

Das Archiv in Benutzung ist ein Spiel mit Wahrheit und Wirklichkeit, eine Feier von Interpretation und Kontingenz. (vgl. Farge, S. 25) Es repräsentiert die Wahrheit, in dem sie von ihr „erzählt”. (S. 2) Es ist dabei keineswegs. Wo Arlette Farge schreibt:

„Das Wirkliche des Archivs wird nicht nur eine Spur, sondern eine Anordnung der Figuren der Wirklichkeit; das Archiv entfaltet stets unendlich viele Beziehungen zur Wirklichkeit.” (S. 28),

sollte man das Wort „Anordnung” nicht überlesen: In ihr verbirgt sich das Dispositiv, das vielleicht zahlenmäßig unbegrenzte Relationen zulässt, die Eigenschaftlichkeit und Form selbiger aber immer reguliert.

Das abstrakte Große und das konkrete Kleine mit den jeweiligen Wechselwirkungen zusammen zu betrachten ist der Nukleus dieses Verständnisses eines Umgangs mit den Spuren des Vergangenen. Das Ziel dieser Feinmechanik des Denkens liegt darin, die Besonderheiten, den Eigensinn und die singulären Bedeutungen hinter dem typischen zu identifizieren, die Ausreißer, die Bruchstellen, die querfegenden Besen im System. Diese Analyse vor dem Gewebe dessen, was uns Geschichte ist, wird nur durch ein Hin-und-Her zwischen den Mustern und den Knoten, die diese ergeben, möglich. Die daraus zu gewinnenden Einsichten sind immer spezifisch und auf diese Spezifizität kommt es an:

„Es geht hier nicht darum, ein für alle Mal einen vergrabenen Schatz zu heben, der den Schlausten und Neugierigsten geschenkt wurde; vielmehr muss man in ihm einen Grundstock sehen, der es dem Historiker erlaubt, zu wenig bekannte, andere Formen des Wissens zu erforschen.” (S. 45)

Die Arbeit im Archiv vollzieht sich, jedenfalls wenn man der Linie von Foucault und Farge folgt, als Subversion des Archivs, das als Institution der geordneten, eindeutigen Zeugnisgebung über das Geschehen, als Abbild des darstellbaren gewünschten Wissens eines Kontexts, als Kontrollgedächtnis der Autorität angelegt wurde, als Bezugsort für die Organisation von Gemeinschaft und das sich während es den geregelten Abläufen der Registratur und Verwahrung des Materials folgt, stetig zu einem Assemblage von „Boten von Fragen und Widersprüchen” (S. 83) entwickelt.

Insofern ist das Wissen um die archivarischen Praxen zum Zeitpunkt der Bestandsaufnahmen ein weiteres Merkmal zur Rücksicherung der Analyse. Und es liegt nicht sonderlich fernab von dem, was sich bei der Arbeit im Archiv vollzieht. Die Verknüpfung von Archiv und Psychoanalyse, die Derrida unternimmt, scheint vor diesem Hintergrund mehr als naheliegend: Wo man von einer kollektiven Vergangenheitsbewältigung sprechen kann, sind die Zugänge zur Vergangenheit Teil dieser psychohygienischen Praxen der kulturellen Gemeinschaft. Auch deren Ziel ist nicht das der Wahrheit, sondern das des Zurechtkommens in den unentrinnbaren Lagen der Gegenwart.

Zurück zur Arbeit im Archiv: Das ziel- und zweckgerichtete Sichten, Filtern, Umklassieren, Reorganisieren und Anreichern der Fundmaterialien erzeugt vor allem auch eine Interpretation des Archivs. Die Tätigkeit im Archiv archiviert das Archiv also zugleich in jedem Arbeitsergebnis mehr oder minder verschlüsselt mit. Jeder Text legt selbst eine neue Spur und inkorporiert eine bestimmte Wechselbeziehung von Autor, Archiv und Zeit als Subtext.

Folglich ist die Arbeit im Archiv und mit dem Archivgut immer ein singuläres und unwiederholbares Ereignis, ein einzigartiger Dialog zwischen einem konkreten Menschen, einem konkretem Material und der Maschinerie in Gestalt der Regeln und Ordnungen des Archivs. Das Sammeln, mittelbar im Archiv an sich und unmittelbar im Archiv für mich (dem Autor) kumuliert den „notwendige[n] Mutterboden, auf dem man sein Denken gründen kann.” (S. 57) Beziehungsweise auf dem es zwangsläufig gründen muss.

Das Buch lässt sich daher nicht zuletzt als ein vielleicht so einzigartig aufrichtiges wie aufschlussreiches Making-Of der anderen, archivgestützten Arbeiten der Autorin zu diversen Fragestellungen der französischen Geschichte lesen. Und natürlich ist es gleichzeitig eine Narration, deren dahingehend deutlicheren Passagen, die buchstäblich erzählenden Stellen kursiv gesetzt sind. Die Handlungslinie dieser Prosa: Die Protagonistin Arlette Farge erlebt das Gerichtsarchiv von Paris.

Der Wert des Buches geht aber weit über diese Erlebnisschilderungen hinaus. Er zeigt sich besonders in den Anschlussfragen, die sich bei der Lektüre vor dem Horizont anderer sehr heterogener und oft äußerst lebendiger Auseinandersetzungen mit dem Archiv von der Kunst Christian Boltanskis und anderer über retronautische Internetprojekte (http://www.retronaut.co/) bis hin zu den institutionalisierten Digitalarchiven, die eben dieses Verhältnis von Mensch, Material und Maschine in verschiedener Hinsicht verändern, einstellen. Alf Lüdtke thematisiert dieses Ausfransen der Archivischen in seinem Nachwort teilweise (S. 112f.), allerdings bleibt die Rolle der Digitalisierung dort deutlich unterreflektiert, wobei diese Erweiterung auch den Rahmen des Textes überdehnt hätte. Für Jaques Derrida war das Thema in seinem fünf Jahre später erscheinenden Archivbuch auf der Agenda:

„Man kann über die geo-techno-logischen Erschütterungen sinnieren oder spekulieren, welche die Landschaft des psychoanalytischen Archivs seit einem Jahrhundert unkenntlich gemacht hätten, wenn […] Freud, seine unmittelbaren Zeitgenossen, Mitarbeiter und Schüler, anstatt Tausende Briefe mit der Hand zu schreiben, über telephonische Kreditkarten von MCI oder ATT, tragbare Tonbandgeräte, Computer, Drucker, Fax, Fernseher, Telekonferenzen und vor allem elektronische Post (E Mail) verfügt hätten.” (Derrida, S. 34)

Das sich anschließende Sinnieren und Spekulieren Derridas zur Kommunikationsform E-Mail ist interessanter, als es das Zitat vielleicht andeutet. Eine Auseinandersetzung damit muss allerdings vertagt werden. Denn hier geht es um Arlette Farge, deren Archivtheorie Ende der 1980er noch völlig unbeeindruckt von Digitaltechnologie blieb. Vermutlich wäre ihr Buch anders geworden, wären digitale Online-Archive und digitalisierte Archivgüter, wie wir sie kennen, bereits vorstellbar gewesen. So ist es, wie es ist, auch ein buchgewordenes Archiv der Archivkultur vor dieser Zäsur. Und es löst das ein, was die Autorin für jedes Archiv feststellt:

„Das Archiv ist immer dann Exzess des Sinns, wenn sein Leser Schönheit, Betroffenheit und einen gewissen affektiven Stoß verspürt.” (S. 29)

An dieser Stelle verbindet es sich mit dem anderen großartigen Kultur- und Zeitspeicher, den wir haben: Der Literatur.


Ben Kaden [Text]