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Editorial #20: Scheitern


Zitiervorschlag
Redaktion LIBREAS, "Editorial #20: Scheitern". LIBREAS. Library Ideas, 20 ().


Kulturen und Prozesse des Scheiterns diskutiert der Soziologe Wolfram Backert in seinem äußerst lesenswerten Beitrag im Band Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens, 2004 herausgegeben von Matthias Junge und Götz Lechner, und schickt eingangs voraus, dass „in jedem Versuch […] das Element der Niederlage bereits eingebaut [ist], Scheitern ist […] nicht die Ausnahme, sondern nur einer der Optionen, die als potentieller Ausgang einer Handlung angelegt ist.” [Fn 1] – Und damit eine völlig natürliche Beigabe unseres Seins. Die Art und Weise, wie wir damit umgehen, ist jedoch abhängig von Kultur, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Erfahrungen, Erwartungen und so weiter. Hier geht es um die soziale Reputation, der Diskreditierung des Individuums, das in der / an der jeweiligen Gesellschaft scheitert und den unterschiedlichen Umgang der Kulturen damit. Während der Fokus in Deutschland auf die Person gelegt wird, die nach dem Scheitern auf dem Abstellgleis gestellt wird, keine Glaub- und Kreditwürdigkeit mehr erlangt, so Backert, schaut man in der amerikanischen Kultur auf den Prozess, darauf, wie es zum Scheitern kommen konnte. (Backert, S. 65) Die Bewertungs- und Bedeutungsmuster sind verschieden, die Konsequenzen also immer wieder andere. Inwiefern sich diese Erkenntnisse auf die bibliothekarische und Wissenschaftspraxis übersetzen lassen, wird mit dieser Ausgabe versucht – immer mit der Option zum Scheitern – Sie wissen ja.

Scheitern als Titelthema einer Ausgabe zu wählen, impliziert selbstverständlich naheliegende Scherze. Wird die Ausgabe jemals erscheinen oder scheitert sie? Ist die Ausgabe ein Symbol für das Scheitern des gesamten Projektes? Mehr als Scheitern kann man nicht? – Die Aufzählung ließe sich beliebig erweitern. Umso ermutigender ist es, zu merken, dass man sich nicht allein auf weiter Flur befindet, sondern mittlerweile sogar eine (Open Access!) Zeitschrift existiert, die sich ausschließlich dem Scheitern in der Wissenschaft widmet und eine Plattform für die Reflexion gescheiterter Forschungsprojekte bietet: JUNQ – Journal of Unsolved Questions. (Siehe: http://junq.info/).

Nun: Vollständig gescheitert sind wir nicht, aber (wie wir als Redaktion in einem in dieser Ausgabe noch mal publizierten Text darlegen) wie immer zu einem gewissen Teil. Nachdem der Call for Papers für diese Ausgabe eine erstaunlich positive Aufnahme gefunden hat, die Bedeutung des Themas offenbar nicht nur von uns gesehen, sondern relativ breit bestätigt und zudem zahlreiche Themen vorgeschlagen wurden [Fn 2] – scheiterten die meisten Texte dann doch wieder. Obgleich unsere Hauptthese, dass Scheitern im Feld der Bibliotheken, Archive, Dokumentationseinrichtungen und der Bibliotheks- und Informationswissenschaft allgemein verbreitet, kaum thematisiert und deshalb auch nicht als Lerngelegenheit genutzt wird, offenbar eine Berechtigung hat, erwies es sich als schwierig, entgegen der genannten Tendenz Geschriebenes von unseren Kolleginnen und Kollegen über das weithin (unter der Hand) bekannte Scheitern zu erhalten.

Schon symptomatisch ist, dass eine Anzahl von Texten deshalb nicht geschrieben wurden, weil die Beteiligten hoff(t)en, Projekte doch noch irgendwo einzureichen, weiter zu führen oder auf andere Weise finanzieren zu können – und davon ausgingen, dass dies nicht möglich wäre, wenn sie in einem Artikel über das partikulare Scheitern, dass sie jeweils erfahren hatten, reflektieren würden. Sicherlich haben diese Kolleginnen und Kollegen unser Verständnis. Dennoch zeigt sich in diesen Absagen auch, dass irgendetwas am System nicht stimmen kann: Denn die Wissenschaft hat seit jeher vom Erkenntnisgewinn gerade auch durch das Scheitern profitiert. Misslungene Experimente haben zu neuen Materialien oder Techniken, Denkweisen oder Strategien geführt. Ideen, die zunächst an den Umständen der Zeit, fehlenden Kapazitäten beziehungsweise Wissen scheiterten, wurden von nachfolgenden Forschergenerationen gewinnbringend wieder aufgegriffen. Wenn aber die notwendige, öffentlich vollzogene – und damit auch weitere Sichtweisen einbeziehende – Reflexion von Arbeits- und Projektergebnissen nicht mehr möglich ist, weil dies den als Qualität beschriebenen Standards und Gepflogenheiten entgegenstehen würde, dann steht sich das Wissenschafts-, Bibliotheks-, Archiv- und (Projektförder-)System selber im Weg.

Redaktionsorte I (Berlin-Neukölln, Februar 2012)

Redaktionsorte I (Berlin-Neukölln, Februar 2012)

Nichtsdestotrotz haben etliche Beiträge ihren Weg in diese Ausgabe gefunden. Die Texte, die trotzallem geschrieben wurden, erinnern uns vor allem daran, dass Scheitern oftmals eine stark negative Bedeutung hat und deshalb nur selten als Lerngelegenheit oder – um das Motto Christoph Schlingensiefs noch unterzubringen – Chance wahrgenommen wird. Während wir gerne eine systemische Ebene einnehmen, die Scheitern als Entwicklungsschritte versteht, fehlt offenbar in Deutschland nicht nur eine Kultur der Akzeptanz von Scheitern, sondern auch ein soziales Netz, um problemlos zu Scheitern – und neu zu beginnen. Das ist auch ein Grund, warum nicht alle Texte zu diesem Thema eine positive Wendung haben. Manchmal ist Scheitern einfach Scheitern – und kein guter Ratschlag kann dann helfen.

Nach dem Scheitern geht es dennoch weiter, so oder so. Deshalb blicken auch wir in die Zukunft. Zum Ersten: LIBREAS ist nicht gescheitert, legt mit diesem Heft sogar eine Art Jubiläumsausgabe vor, und plant die Ausgabe 21 mit dem Titelthema „Visualisierung” (Vgl. den frischen Call for Papers).

Ferner: Auch wenn die bürokratischen Mühlen noch etwas mahlen, nimmt der LIBREAS-Verein seine Arbeit auf. Im August 2012 wird es zwei Tage lang in Potsdam und Berlin ein Programm geben, welches sich der Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation widmen wird. Am ersten Tag werden wir eine Summer School anbieten, die Methodiken der Wissenschaftskommunikation vermitteln soll. Zudem wird die jährliche Vereinssitzung durchgeführt werden, zu der alle bis anhin beigetretenen Mitglieder eingeladen werden. Am zweiten Tag werden wir, wie schon 2011, eine bibliothekswissenschaftliche Unkonferenz durchführen. Also machen wir weiter – so oder so.

 

Bis dato wünscht viel Erkenntnisgewinn bei der wissenschaftlichen Kommunikation

die LIBREAS-Redaktion

02.03.2012, Berlin, Bielefeld, Chur, Mannheim


Fußnoten

[1] Wolfram Backert (2004): Kulturen des Scheiterns. Gesellschaftliche Bewertungsprozesse im internationalen Vergleich. In: Matthias Junge, Götz Lechner (Hrsg.):Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 63-77. [zurück]

[2] Vgl. insbesondere die „Stimme” und die Kommentare bei Plan3t.info: http://plan3t.info/2011/09/20/bibliothekswesen-scheitern-nicht/. (Letzter Zugriff: 25.02.2012) [zurück]