> > > LIBREAS. Library Ideas # 16

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Rezension zu: Walther Umstätter (2009): Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum. Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktor der modernen Gesellschaft. Berlin : Simon Verlag für Bibliothekswissen. 340 Seiten, 28,50 Euro, ISBN 978-3-940862-13-6


Zitiervorschlag
Juliane Stiller, "Rezension zu: Walther Umstätter (2009): Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum. Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktor der modernen Gesellschaft. Berlin : Simon Verlag für Bibliothekswissen. 340 Seiten, 28,50 Euro, ISBN 978-3-940862-13-6". LIBREAS. Library Ideas, 16 ().


Das vorliegende Buch von Walther Umstätter, emeritierter Professor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Berlin, liefert einen Rückblick auf tief greifende gesellschaftliche und wissenschaftliche Umbrüche, die allesamt im Zusammenhang mit der „Online-Revolution” im Bibliotheks- und Informationswesen stehen.

Gefüllt ist das Buch mit wunderlichen Erkenntnissen und Beobachtungen, die sich nicht chronologisch aneinanderreihen, sondern mosaikartig arrangiert sind, so dass sich am Ende der Lektüre ein Gesamtbild der Bereiche ergibt, die von den Umwälzungen in der Bibliotheks- und Informationslandschaft betroffen sind. Die einzelnen Kapitel sind sehr kurz gehalten und mit prägnanten Stichwörtern und Konzepten versehen. Man mag sich fragen, wie Kapitel mit den Titeln „Kohlendioxid” und „Schlangestehen” in einem Buch über die Informationsflut und das Wissenswachstum zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Umstätter ist es hier gelungen, anekdotenartig Auswirkungen des Wandels von der Wissens- zur Informationsgesellschaft zu zeigen, die sich eben auf alle Lebensbereiche und Wissenschaftsdisziplinen erstrecken. Dabei wird der Leser oft ins Staunen versetzt und mit Paradoxa konfrontiert, die im Alltagsleben meist gar keine Verwunderung hervorrufen oder die man unter diesem Blickwinkel noch nicht betrachtet hat. So sieht Umstätter im Schlangestehen eine notwendige Beschäftigungstherapie innerhalb der Staaten, wie zum Beispiel der DDR, in denen die Kosten für das erstellte Produkt geringer sind als die Produktivkraft, die sie erzeugt

Im Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium [Fn 1] stellte Walther Umstätter sein Buch als autobiographisches Werk vor. Die anfängliche Verwunderung darüber wich schnell der Erkenntnis, dass viele Kapitel Erfahrungen und Erlebnisse des Autors aufgreifen. So bringt der Autor die Publikationen seiner wissenschaftlichen Karriere an passender Stelle an, was abermals den autobiographischen Charakter dieser Monographie unterstreicht.

Viele der im Buch beschriebenen Einsichten widersprechen gemeinläufigen Auffassungen über Bibliotheken und deren Einfluss auf die Wissenschaftsgesellschaft. So führt der Umstätter den Glauben vieler Politiker und Industriellen „sie seien Ihrer Zeit geistig voraus, wenn Sie im Zusammenhang mit dem Internet Bibliotheken schon für obsolet halten”(S. 245) an. Solche Fehleinschätzungen bestimmen das Bild der Öffentlichkeit von Bibliotheken. Umstätter versucht diese Mythen aufzudecken und sie als solche zu entlarven. Ähnlich wie dem Autor begegnen auch mir täglich solche Vorurteile, offensichtlich hervorgerufen durch Unwissen: Dies ist mir auch bei meinen letzten Arztbesuch bewusst geworden, als mich dieser fragte, was ich denn beruflich mache. Auf die Antwort ich sei Bibliothekswissenschaftlerin, lächelte er mitleidig und fragte mich, wo ich arbeiten werde, wenn alle Bibliotheken in fünf Jahren wegen der fortschreitenden Digitalisierung schließen würden.

So trifft der Autor provokative und klar positionierte Äußerungen, die im Hinblick auf die Diskussion um Bezahlinhalte im Internet sehr aktuell sind, ohne sich explizit darauf zu beziehen. Die Parallelen sind aber eindeutig zu erkennen und Umstätter mag in den Augen großer Verlage der „Freibiermentalität” [Fn 2] im Internet Vorschub leisten, wenn er feststellt: „Die bisherigen Versuche, Informationen und Wissen so zu verknappen, dass sie den herkömmlichen marktwirtschaftlichen Bedingungen gehorchen, ist auf Dauer gesellschaftspolitisch höchst gefährlich.” (S. 174).

Auch räumt Umstätter mit dem weit verbreiteten Mythos auf, unsere Gesellschaft würde in der Informationsflut ertrinken. Vielmehr versuchen wir „aus allen uns zugänglichen Quellen die Informationen herauszufiltern, die uns zu neuem Wissen verhelfen.” (S. 107) Dass gerade die Massenmedien dies noch nicht erkannt haben, zeigt die Flut (nicht zu verwechseln mit Informationsflut, da es in diesem Kontext schlichte Redundanz ist) an Veröffentlichungen zum Thema.

Wie beschrieben ist das Buch hochaktuell; kurzweilig im Aufbau plätschert es geradezu dahin. Man entdeckt neue Zusammenhänge und schüttelt verwundert den Kopf über offensichtliche Widersprüche, die Umstätter immer wieder aufdeckt. Viele Parallelen zu aktuellen Entwicklungen und eigenen Erfahrungen regen zum Hinterfragen und Diskutieren an.

Das Buch ist somit nicht nur eine interessante Lektüre für Bibliotheks- und Informationswissenschaftler, sondern spricht auch all diejenigen an, die sich mit den Veränderungen unserer Gesellschaft durch die „Online-Revolution” beschäftigen. Der Lesebuch-Charakter der Publikation lädt ein, das Buch portionsweise zu konsumieren und Kapitel eventuell mehrmals zu lesen. Fast nebenbei lernt man viel über die Entwicklung der Bibliothekswissenschaft und ihrer Institutionen in Deutschland.


Fußnoten

[1] http://www.ibi.hu-berlin.de/institut/veranstaltungen/bbk/bbk-material/abstracts/#umstaetter, Zugriff: 23.01.2010 [zurück]

[2] http://www.abendblatt.de/ratgeber/article1307619/abendblatt-de-gibt-es-seit-heute-im-Abonnement.html, Zugriff: 23.01.2010 [zurück]


Juliane Stiller hat Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universtät zu Berlin und Geschichte der exakten Wissenschaften und Technik an der Technischen Universität Berlin studiert. Zurzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Berlin am Institut für Informations- und Bibliothekswissenschaft im Projekt EuropeanaConnect.