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Rezension zu: Bibliothekspädagogische Klassenführungen: Ideen und Konzepte für die Praxis / Hrsg. Kerstin Keller-Loibl. – Bad Honnef : Bock + Herchen, 2008. – 183 S. : Ill


Zitiervorschlag
Jana Haase, "Rezension zu: Bibliothekspädagogische Klassenführungen: Ideen und Konzepte für die Praxis / Hrsg. Kerstin Keller-Loibl. – Bad Honnef : Bock + Herchen, 2008. – 183 S. : Ill". LIBREAS. Library Ideas, 16 ().


Neuorientierung eines außerschulischen Lernorts

Entsprechend dem in den letzten Jahren aufgrund von Neugestaltungen im Bereich der Allgemeinbildenden Schulen veränderten Bedarf an bibliothekspädagogischen Veranstaltungen erscheint mit diesem Buch eine aktuelle Materialsammlung für bibliothekarische Fachkräfte, die im Kinder- und Jugendbereich arbeiten. Angesprochen sind vor allem Öffentliche und Schulbibliotheken, aber auch wissenschaftliche Bibliotheken, in denen Veranstaltungen für ältere Schulklassen angeboten werden.

 

Zum einen wurden in einer Reihe von Bundesländern bereits für alle Klassenstufen neu strukturierte Rahmenlehrpläne und Prüfungsverfahren eingeführt, in denen von der Grundschule bis zur Abiturstufe in nahezu allen Fachbereichen die wiederholte Anforderung nach aufeinander aufbauenden Übungen zur selbständigen Informationsrecherche mit Hilfe verschiedener Ressourcen und Medien festgelegt ist. Bibliotheken verschiedenen Typs werden hier als schulische und außerschulische Lernorte ganz klar gefordert. Dabei geht es in erster Linie um Leseförderung sowie die Entwicklung von Grundkompetenzen im Umgang mit Medien und Informationen.

Im Prüfungsverfahren für den Mittleren Schulabschluss und das Abitur werden selbständige Facharbeiten beziehungsweise thematische Präsentationen verlangt. Dabei wird von Lehrkräften zunehmend Wert auf eine gute Recherche im Vorfeld und exakte Quellenarbeit gelegt.

Zum anderen gehört der alleinige Frontalunterricht weitgehend der Vergangenheit an. Bewährt haben sich gut strukturierte und vorbereitete Methodenmischungen, in denen die Lernenden in unterschiedlichen Formen selbst aktiv werden und partnerschaftlich mit den Lehrenden zusammenarbeiten. Infolge dessen ist der Bedarf an wiederholten und den Unterricht eng begleitenden bibliothekspädagogischen Übungen für alle Klassenstufen heute deutlich klarer formuliert, verlangt großes pädagogisches Können und besteht fächerübergreifend.

 

Die Herausgeberin hat mit ihren Studierenden Veranstaltungen konzipiert und erprobt, welche die klassische Bibliothekseinführung an neue Methodenkonzepte anpassen. Für die zusammengefassten Klassenstufen 1 bis 2, ab 3, 5 bis 6, ab 7 und 11 bis 13 werden Konzepte in unterschiedlichen thematischen und methodischen Varianten vorgestellt. Zu jedem vorgestellten Konzept werden Grundidee, Lernziele, benötigte Materialien, Zeitdauer und Ablaufbeschreibung ausführlich, aber in fassbarem Rahmen dargestellt, ergänzt durch Arbeitsblätter und Kopiervorlagen. Die Konzepte sind als beispielhaft gedacht, so dass sie in der Praxis auch variiert und mit abgewandelter Dramaturgie nachgenutzt werden können.

 

Die Veranstaltungen vermitteln vor allem Orientierungskompetenz, also den Ansatz zur Informationskompetenz: Orientierung in einem Raum und einer Ordnung anhand der spielerischen Führung durch die Bibliothek, Orientierung in einem Medium anhand der durchgespielten Informationssuche, Orientierung in einer Struktur anhand von Übungen mit Recherchemitteln und Informationsressourcen. Gleichzeitig sind sie dazu angelegt, Interesse am Lesen, zur Unterhaltung und zur Wissensaufnahme sowie zur Selektion von Information zu wecken.

Ein reichhaltiges Angebot

Für die Klassen 1 bis 2 finden sich Suchspiele, vielfach analog zum Aufbau von Computerspielen für Kinder dieser Altersgruppen, thematisch aber auf der Basis bekannter Kinderbuchklassiker. Ziel der Veranstaltungen ist die Orientierung im Raum und das Bewusstmachen der Existenz verschiedener Medienarten.

Ab Klassenstufe 3 beinhalten die Veranstaltungen thematische Recherchen. Inhaltliche Aufgaben sollen gelöst werden. Hier geht es nun um die Orientierung im Medium und das Auffinden konkreter Information. Der Sachbuchbestand dient als Basis für die gezielte Informationssuche und das Trainieren von ersten Recherchefähigkeiten. Anhand eines Themas, der gezielten Aufgabenstellung und vorgegebener Suchhilfen, durchlaufen die Kinder mehrere Erkenntnisstufen. Sie erleben die Informationssuche selbst. Sie durchdenken das Erlebte dann mit Hilfe eines Rätsels oder Arbeitsblattes. Anschließend formulieren sie das Erlebte und Durchdachte bei der Auswertung im Forum oder im Lehrgespräch.

Für die 5. bis 6. Klasse werden meist Veranstaltungen zu Lese- und Freizeitinteressen, wie Krimis und Comics, angeboten, durch welche aufbauend das Orientieren in Raum und Medium wiederholt wird. Diese Veranstaltungsvorschläge, aber auch das angewandte Durchspielen von Recherche- und Informationsprozessen, wie im Konzept „Rasende Reporter”, entsprechen dem Entwicklungsstand von Kindern dieser Altersstufen und den Lernanforderungen der entsprechenden Rahmenlehrpläne.

Ab der 7. Klasse gibt es ebenfalls Vorschläge, die sich thematisch mit individuellen Interessen der Jugendlichen dieser Alterstufen befassen, nun aber diese durch Rechercheübungen in größere kulturelle oder historische Zusammenhänge setzen. Zum Beispiel beschäftigt sich eine Veranstaltung mit dem Genre Manga, eingebunden in Landeskunde und Kulturgeschichte Japans. Den praktischen Lehranforderungen trägt eine Veranstaltung zur Berufswahl Rechnung.

Veranstaltungskonzepte für die Klassen 11 bis 13, wie das „Überlebenstraining für Wissensflut und Informationswüste” sollen auf das wissenschaftliche Arbeiten vorbereiten und mit verschiedenen Bibliothekstypen, der regelgerechten Quellenarbeit und dem kompetenten Benutzen diverser Rechercheinstrumente bekannt machen, dienen also der Orientierung in Strukturen. Auch hier gibt es ein sinnvolles Ineinandergreifen unterschiedlicher interaktiver Methoden, die alle notwendigen Verarbeitungsstufen des angebotenen Wissens absichern.

 

Die Materialsammlung ist klar und übersichtlich nach Klassenstufen gegliedert. Jede Konzeptdarstellung folgt einem einheitlichen Aufbau. Alle Veranstaltungen bieten einen Methodenmix vom Stationenbetrieb über Rätselaufgaben, Lückentexte, Plakate, Präsentationen bis zum Forum, so dass hier gleichzeitig eine Reihe in Bibliotheken anwendbarer und bei Lehrkäften bekannter interaktiver Lernmethoden in angewandter Form für die Praxis zu finden ist.

Der Aufbau der Konzepte folgt einem von Lehrenden häufig genutzten und bekannten Muster. Daher kann auch dieser gut nachgearbeitet werden und in der Kommunikation mit Lehrkräften sowie in der Werbung an Schulen zur besseren Verständigung beitragen.

Was noch fehlt...

Für bibliothekarische Fachkräfte fehlen allerdings kurze Angaben zum pädagogischen Hintergrundverständnis und Erläuterungen der Kompetenzen, deren Entwicklung mit der Veranstaltung und der Anwendung bestimmter Methoden und vor allem deren Mix und Abfolge angestrebt wird.

Statt des Begriffsindexes am Ende wäre ein Index der vorgestellten Lernmethoden sowie ein Glossar dazu hilfreich.

Die Veranstaltungen, von sehr engagierten Studierenden erarbeitet, sind vor allem für die unteren Klassenstufen mit einem hohen Material- und Bastelaufwand verbunden und setzen teilweise große pädagogische und schauspielerische Fähigkeiten voraus. In der alltäglichen Praxis werden sie eher in abgewandelter Form umsetzbar sein beziehungsweise für Anregungen dienen.

Die Veranstaltungskonzepte modernisieren die klassische Bibliothekseinführung, behalten aber deren Eventcharakter bei, auch wenn in einigen Konzepten mögliche Nachbereitungen durch Lehrkräfte in der Schule und Mitnahme von Bücherkisten angesprochen werden. Was außerdem beim Alten bleibt, ist die hauptsächliche Fokussierung der Veranstaltungsthemen auf die geisteswissenschaftlichen Bereiche. Das Einbeziehen der Lehrkräfte durch Vorabsprachen, Mitwirken, gemeinsame Nachbereitung und Evaluation spielt nur am Rande eine Rolle.

Mehr Ideen und Konzepte für bibliothekspädagogische Veranstaltungen zu naturwissenschaftlichen und mathematischen Themen sowie Anregungen zur kleinschrittigen und alltäglichen Einbindung von Bibliotheken in Unterrichtsabläufe wären Themen für weitere Projekte und vielleicht einen Folgeband.

Befremdlich und einseitig erscheint beim Lesen das alleinige Verwenden des Maskulinums. „Der Bibliothekar” ist schwerlich ein geeigneter Begriff für die Gesamtheit bibliothekarischer Fachkräfte, die auf diesem Gebiet tätig sind.

Resümee

Ergänzend zu den beiden auf dem Markt bereits vorhandenen und immer noch gut anwendbaren Materialien „So funktioniert eine Bibliothek” und „Lernwelten.net” [Fn 1] ist die vorliegende Publikation eine gut strukturierte und durchaus als Praxisleitfaden benutzbare Materialsammlung. Als methodische Ideen- und Vorlagensammlung für Veranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen aller Klassenstufen rundet sie das verfügbare Angebot an Handreichungen für Bibliotheksfachkräfte aktuell und sinnvoll ab. In Anlehnung an die vorgestellten Konzepte können sehr gut eigene Veranstaltungen entsprechend den neuen Rahmenlehrplänen und Kooperationsvereinbarungen zwischen Schulen und Bibliotheken entwickelt und beschrieben werden.


Fußnoten

[1] Fritz, Markus ; Elisabeth Mairhofer ; Michael Patreider: Lernwelten.net. - Bozen : Pädag. Institut für die Deutsche Sprachgruppe, 2008. // Kinzel, Anneli: So funktioniert eine Bibliothek : Erkundungen und Lernspiele. - Mülheim an der Ruhr : Verlag an der Ruhr, 2005 [zurück]


Jana Haase Bibliothek des Berufsausbildungszentrums Lette-Verein Berlin.