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Kinder in armen Erziehungsnetzwerken und Bibliotheken. Eine Annäherung


Zitiervorschlag
Karsten Schuldt, "Kinder in armen Erziehungsnetzwerken und Bibliotheken. Eine Annäherung". LIBREAS. Library Ideas, 16 ().


Der grundlegende Gedanke dieses Textes lautet, dass eine bibliothekarische Arbeit für und mit armen Menschen – und hier insbesondere Kindern in Armut –, welche sich nicht auf die soziale und emotionale Situation dieser Menschen einlässt, wenig sinnvoll und im schlimmsten Fall gesellschaftlich kontraproduktiv und für die betroffenen Menschen auch beleidigend ist. Dabei wird in diesem Text davon ausgegangen, dass es sehr wohl zum Aufgabenfeld von Öffentlichen Bibliotheken gehört, Menschen in Armut Angebote zu machen, die sie dabei unterstützen können, ihren Alltag zu gestalten, ihre gesellschaftliche Würde zu bewahren oder wiederherzustellen und gegebenenfalls aus der Armut aufzusteigen. Wir werden uns dabei hauptsächlich mit Kinderarmut beschäftigen, da sich für diese Personengruppe – also für Kinder und Erziehungszusammenhänge [Fn 01] von Kindern in Armut – darüber hinaus weitergehende Probleme stellen. Erst wenn wir die Defintionsprobleme von Armut erörtert, die vor allem sozialwissenschaftlichen Forschungen zur Kinderarmut gesichtet und versucht haben, das Verhalten von Erziehenden in Armut aus deren Situation heraus zu verstehen, werden wir am Ende dieses Textes Ansatzpunkte für eine notwendige Debatte über die Möglichkeiten, Zielsetzungen und Grenzen bibliothekarischer Arbeit für Kinder in Armut benennen können. Geführt werden muss diese Debatte dann von einer breiteren bibliothekarischen Öffentlichkeit.

Die Bedeutung der Problemdefinition

Obwohl Menschen in Armut daran interessiert sind, nicht auf diese soziale Situation reduziert zu werden, kann doch festgehalten werden, dass die Arbeit für Menschen in Armut zumeist weit problembeladener ist, als die Arbeit für Menschen ohne grundlegende ökonomische und gesellschaftliche Problemlagen. Der institutionelle Umgang mit einer problematischen Situation hängt allerdings immer damit zusammen:

  1. was überhaupt als problematisch an einer Situation definiert wird
  2. wie sich das Entstehen sowie die Reproduktion der Problemlage erklärt und damit auch mögliche Strategien zu deren Beendigung entworfen werden
  3. was als eine Situation definiert wird, in der die identifizierte Problemlage nicht mehr vorhanden ist
  4. welche Möglichkeiten und Grenzen man sich – als Person oder als Institution – bei der Behebung des Problems zuschreibt

Dies ist nicht bedeutungslos. Nehmen wir zwei einfache und zur Darstellung sehr grob gezeichnete Beispiele. In puritanischen Gesellschaften, wie sie beispielsweise in den frühen englischen Kolonien in Nordamerika zeitweise angestrebt wurden, definierte man Armut über den Zugang zu materiellen Dingen und über das Eingegliedert-Sein in die regionale Gemeinschaft, die als Hort des göttlichen Wirkens begriffen wurde. Wer also mehr als andere hungerte und sich durch sein Verhalten oder seine theologischen Ansichten aus dem Kreis der Gesellschaft bewegt hatte, galt als arm (Punkt a). Erklärt wurde sich diese Armut zumeist aus einem nicht gottgefälligen Verhalten der betroffenen Person. [Fn 02] Der Lohn der persönlichen Arbeit und der Wohlstand einer Gesellschaft wurde als Ergebnis des Wirkens Gottes begriffen (Punkt b). Nur wer sich gottgefällig verhält – was bekanntlich im Puritanismus unter anderem durch harte Arbeit, hohe Sparsamkeit und Hilfe für Bedürftige gelingt – und dadurch zu Wohlstand gelangt, galt als nicht mehr arm (Punkt c). Geholfen werden konnte diesen Menschen, indem ihnen einerseits eine kurzfristige materielle Hilfe zugestanden, sie aber gleichzeitig moralisch geläutert und zu puritanisch Gläubigen gemacht wurden. Hierbei konnte die Gemeinschaft unter anderem auf Bittgottesdienste für die Armen und die Organisation eines rudimentären Hilfesystems zurückgreifen (Punkt d).

Sichtbar ist, dass durch die Definition, dass ein Mensch, der nicht gottgefällig lebe, arm sei – wobei es hiervon auch wieder Ausnahmen gibt, die allerdings tiefer in theologische Debatten führen würden – und dass ein Mensch, wenn er gottgefällig lebt, nicht mehr arm ist, sich die Möglichkeit ergibt, Bittgottesdienste und die Ermahnung zu einem gottgefälligen Leben als eine Strategie der Armutsbekämpfung zu verstehen. Als Atheist, Atheistin und auch als säkular geprägte Gläubige würde man diese Vorstellung gewiss ablehnen. Eventuell würde man anerkennen, dass für einige Menschen ein moralischer Rückhalt in einer religiösen Praxis individuell positive Effekte haben kann. Aber daraus würde man nicht schließen, dass Bittgottesdienste und die Ermahnung zu einem Verhalten, welches aus einer Glaubenspraxis als moralisch abgeleitet wird, ein Mittel zur Bekämpfung der Armut darstellen würden. Dies sollte aber klar werden lassen, wie wichtig die Frage der Definition von „Armut” eigentlich ist, um über eine Arbeit für Menschen in Armut überhaupt reden zu können.

Dieses Beispiel ist historisch. Das nächste scheint etwas konstruiert, aber dies auch nur, weil die im Beispiel aufgezeigten Konsequenzen in der realen Welt kaum wirklich so radikal gezogen werden. Es gibt die vor allem in Großbritannien offensiv verbreitete Vorstellung, dass Kinderarmut insbesondere ein Problem bei Kinder allein erziehender Mütter sei (Punkt a). Dieses Bild ist empirisch nicht richtig, weder in Großbritannien, noch in Deutschland, aber weit verbreitet. [Fn 03] In dieser öffentlichen Debatte wird insbesondere der Alleinerziehenden-Status thematisiert. Dabei ist das nicht notwendig. Es wäre eigentlich interessant zu fragen, warum die Gesellschaft so eingerichtet ist, dass Frauen, wenn sie Mütter ohne unterstützenden Erziehungsteil werden, ein hohes Armutsrisiko haben. Dies ist nicht allein mit dem geringen Lohn einer Person zu erklären; es hat auch mit dem geschlechtlich differenzierten Arbeitsmarkt, dem weiterhin in der Entlohnung vorherrschenden Alleinerziehermodell und vor allem auch mit gesellschaftlichen Bildern und Vorstellungen von Menschen in Armut zu tun, die wir weiter unten betrachten wollen. [Fn 04] Dies wird in der öffentlichen Debatte in Großbritannien aber kaum thematisiert. Vielmehr herrscht die Vorstellung vor, dass das Aufwachsen mit der Mutter allein Kinder erstens in eine finanziell prekäre Lage bringt, ihnen zweitens ein Leben mit einem ständig durch die Suche nach und die Arbeit in prekären Arbeitsverhältnissen gestressten Elternteil aufgedrängt und sie deshalb tendenziell zu einer „zu kurzen” Kindheit verurteilt und ihnen drittens durch den fehlenden Vater eine männliche Bezugsperson fehlen würde (Punkt b). Dieses Bild ist erkennbar konservativ geprägt, insbesondere der letzte Punkt. Interessant ist aber, dass durch diese Definition, dass das Hauptproblem in der Alleinerziehung durch die Mutter bestehen würde, sich als Situation, die angestrebt werden könnte, um aus dieser Situation heraus zu treten, der Eintritt eines Ersatz-Vaters in die Erziehungskonstellation anbietet. Gänzlich die Frage missachtend, warum die betroffenen Frauen mit ihren Kindern allein leben, ließe sich deshalb schließen, dass die Vermittlung und Beförderung von neuen Beziehungen oder Ehen ein Ausweg aus der Armut der betroffenen Kinder und Mütter wäre (Punkt c). Selbstverständlich stößt diese Vorstellung in einer modernen Gesellschaft auf Ablehnung: Warum sollte von einer solchen persönlichen Entscheidung der Mutter für oder gegen bestimmte Beziehungen – die ja auch gute Gründe dafür haben kann – das Wohl des Kindes abhängen? Dennoch wäre es mit dieser Definition denkbar, beispielsweise die Organisation von Singlepartys und Kontaktbörsen für Singles als Beitrag zur Bekämpfung von Armut zu beschreiben (Punkt d). Wie gesagt, wird dies nicht getan. Es wäre aber zumindest folgerichtig.

Wir können festhalten: es reicht nicht aus, sich ungefähr vorzustellen, was Armut ist, wenn man für Menschen in Armut zum Beispiel bibliothekarisch arbeiten möchte, wobei unter bibliothekarisch arbeiten in diesem Problemaufriss erst einmal jede Tätigkeit von und in Bibliotheken, von der Bestandspolitik und den Benutzungsordnungen bis hin zu eigenständigen Veranstaltungen und Ausstellungen, gemeint ist. Wichtig ist, klar darstellen zu können, was man unter Armut versteht und welche Situationen man normativ als nicht-arm beschreiben würde. Hieraus ergibt sich zumindest ein Teil der möglichen Ansätze für eine solche Arbeit. Ein solches Verständnis der Situation von Armen wird umso realitätsnäher sein, je weniger man sich von einfachen, durch Medien vermittelten Vorstellungen leiten lässt und je mehr man sich auf die Lebenssituation armer Menschen einlässt.

Was ist Armut? Lebenslagen, Spielräume, Kriterien

Ein Schritt, sich in die Lebenswelten von Menschen in Armut einzuarbeiten, sollten die verschiedenen sozialwissenschaftlichen, politischen und sozialarbeiterischen Beschreibungen dieser Lebenswelten liefern. Zumindest sollten so empirische Daten sichtbar werden, um den Umfang der Armut in Deutschland – auf das wir uns hier beschränken wollen – umreißen zu können.

Dies ist allerdings nicht so einfach, wie es vielleicht den Anschein hat. Es gibt sehr unterschiedliche Ansätze davon, wie Armut zu beschreiben und zu messen sei. Einig sind sich alle diese Ansätze darin, dass das Einkommen einer Person oder eines Haushaltes eine wichtige Rolle bei der Bestimmung von Armut spielt. Zudem stimmen letztlich alle Ansätze darin überein, dass Armut immer in Relation zur umgebenden Gesellschaft zu bestimmen ist. Mit einem steigenden gesellschaftlichen Wohlstand und anderen sozialen Entwicklungen verschiebt sich auch die Vorstellung davon, was Armut bedeutet. Implizit bestätigen damit die unterschiedlichen Ansätze der Armutsbestimmung, dass Armut immer auch ein soziales Verhältnis ist, das sich nicht allein darauf reduzieren lässt, die Frage zu stellen, ob jemand hungern muss oder nicht, sondern immer auch thematisiert, ob jemand Teil der Gesellschaft und eines gesellschaftlichen Zusammenhangs sein kann oder nicht.

Nichtsdestotrotz bedient sich eine ganze Reihe von – insbesondere für die Politikgestaltung und Politikberatung genutzten – Armutsdefinitionen hauptsächlich des Einkommens einer Person oder eines Haushalts als Armutskriterium. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Ansätze. Der erste Ansatz nimmt einen eher politisch bestimmten Wert als Armutsschwelle an und versteht nur Personen unterhalb dieses Einkommens als arm. Der Vorteil für die Politik ist dabei, dass dieser Wert zumeist mit der Grundsicherung gleichgesetzt wird, in Deutschland also mit der Hilfe zum Lebensunterhalt nach SGB II (Hartz IV). [Fn 05] Dies reduziert selbstverständlich die Zahl der messbar Armen in Deutschland grundsätzlich, da – mit Ausnahme von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern – alle Menschen diesen Wert erreichen sollten, so sie vom Sozialsystem erreicht werden.

Während diese Form der Armutsbestimmung vor allem im politischen Bereich genutzt wird, nutzt ein Teil der sozialwissenschaftlichen Forschung das Einkommen in einer faireren Weise. Es wird angenommen, dass Armut am Durchschnittseinkommen orientiert bestimmt werden kann. Als arm gilt jemand, wenn er oder sie monatlich weniger als einen bestimmten Anteil des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Zumeist wird dabei von 60% oder 50% ausgegangen. Dieses Vorgehen orientiert sich am Gerechtigkeitsverständnis, welches in der Gesellschaft nachzuweisen ist: Zwar wird allgemein akzeptiert, dass es in der Gesellschaft ökonomische und soziale Unterschiede gibt, es wird allerdings skandalisiert, wenn diese Unterschiede zu groß werden und sich zu offensichtlich sozial vererben, also nicht durch erbrachte Arbeitsleistungen begründet werden können. Insoweit ist es richtig, Armut am allgemeinen Wohlstandsniveau, hier ausgedrückt als Durchschnittseinkommen, zu orientieren, ohne eine zu große soziale Gleichheit anzustreben. [Fn 06]

Dieses Vorgehen wird auch deshalb genutzt, da die dafür notwendigen Daten relativ einfach zu erheben sind und für viele Gesellschaften in relativ gleicher Qualität vorliegen. Ausgehend von der Annahme, dass jemand arm ist, wenn er oder sie weniger als 60% des Durchschnittseinkommens der Gesellschaft, in der sie oder er lebt, zur Verfügung hat, lassen sich sehr gut Zeitreihen und Vergleiche über unterschiedliche Nationen hinweg erstellen. Gleichwohl vermerkt fast jede Studie, welche mit diesen Daten arbeitet, dass das Einkommen nur ein, wenn auch wichtiges Merkmal von Armut darstellt. Beachtet man allerdings diese Einschränkungen, wird offensichtlich, dass es sich bei Armut in Deutschland nicht um ein Randthema handelt, sondern um ein Massenphänomen, wie in der Tabelle 1 zu sehen ist.

  1998 2003 2004 2005
Alte Länder 11% 12% 11% 12%
Neue Länder 17% 19% 16% 15%
Insgesamt 12% 14% 12% 13%
Dauerhaft Arm 7% 10% 10% 11%

Tabelle 1: Einkommensarmut (weniger als 60% des Durchschnittseinkommen) in Deutschland bezogen auf die Gesamtbevölkerung. [Nach Bundesregierung (2008), Tabelle A.1, Seite 305-306] Dauerhaft arm: mindestens 2 der letzten 3 Jahre weniger als 60% des Durchschnittseinkommens.

Umgerechnet auf die deutsche Bevölkerung heißt dies, dass 2005 rund 10,7 Millionen Menschen als einkommensarm zu betrachten waren. [Fn 07] Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Zahl durch die Wirtschaftskrise des Jahres 2009 – obgleich diese sich ebenso auf das Durchschnittseinkommen auswirkte – erhöht hat. Dabei ist beispielsweise durch das Sozio-Oekonomische Panel bekannt, dass ein großer Teil dieser Menschen für eine relativ kurze Zeit einkommensarm ist und dann wieder aus diesem Einkommensbereich heraustritt. [Fn 08] Allerdings tun sie dies nicht unbedingt für immer. Vielmehr bewegen sich mehrere Millionen Menschen in Deutschland mit ihrem Einkommen in einer Sphäre, in welcher sie zeitweise über 60% des Durchschnittseinkommens verdienen, aber beständig davon bedroht sind, unter diese Grenze zu fallen. Diese Menschen gelten zwar nicht immer als arm, ihr Wohlstand ist aber immer wieder davon bedroht, (wieder) arm zu werden.

Eine steigende Zahl von Menschen, die in der Tabelle 1 als dauerhaft arm bezeichnet werden, ist allerdings über einen längeren Zeitraum einkommensarm. Bei diesen Menschen besteht die Gefahr, dass sich diese Situation verstetigt und in der Folge auch sozial in die nächsten Generationen vererbt.

Daneben ist Armut in Deutschland vor allem jung und weiblich, das heißt mehr Frauen als Männer und mehr junge Menschen als Erwachsene oder Rentnerinnen und Rentner sind von Armut betroffen oder bedroht. Dies repräsentiert eine gewisse Trendwende: seit dem Beginn der Moderne war es vor allem das Alter nach dem Berufsleben, welches eine Armutsgefahr darstellte. Altersarmut war bis nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland und den beiden Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches eine Normalität. Dieser Trend wurde ab den 1960er Jahren umgedreht. Trotzdem immer noch Menschen im Rentenalter in Armut leben müssen und unbeachtet aller Debatten um die Sicherheit der Renten sind heute vor allem Menschen unter 30 Jahren – und damit gerade auch Kinder – einkommensarm. Die Ungerechtigkeit, dass Frauen – trotzdem sie im formellen Bildungswesen (Schule, Berufsausbildung, Hochschule) bekanntlich die Männer überholt haben – immer noch eher arm sind als Männer, hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar leicht entspannt, ist aber immer noch vorhanden. Daneben ist bekanntlich eines der größten Armutsrisiken die Geburt eines oder mehrerer Kinder.

Kinder und Jugendliche sind prozentual weit mehr als alle anderen Altersgruppen von Armut betroffen. Auch hier sind die Zahlen uneinheitlich, zumal durch die Wirtschaftskrise eine Verschlechterung der Lage zu erwarten ist, die allerdings erst im Laufe des Jahres 2010 in den Statistiken sichtbar sein wird. Dennoch handelt es sich wieder nicht um einige tausend, sondern um mehrere Millionen Kinder in Deutschland, die von Armut betroffen sind. Hock / Holz / Simmedinger / Wüstendörfer (2000) zitieren Angaben von mindestens einer Million dieser Kinder, finden die Zahl aber weit zu niedrig angesetzt. Butterwegge / Klundt / Belke-Zeng (2008) sprechen von rund 2,8 Millionen. So oder so reden wir von einer erschreckend hohen Zahl an Kindern in armen Lebensverhältnissen.

Doch wie gesagt finden nicht nur viele Forschende, sondern auch Menschen in Armut und Menschen, die für Menschen in Armut arbeiten – beispielsweise in der Sozialen Arbeit – den Ansatz, Armut nur über das Einkommen zu bestimmen, als unbefriedigend. Dies bildet die Lebenssituation Armut nur unvollständig ab.

Durchgesetzt hat sich in der Forschung zumindest theoretisch das Modell, Armut mit dem Begriff der Spiel- und Lebensräume zu beschreiben. Zum einen wird darauf Wert gelegt, eine längere Zeitperspektive zu betrachten. Armut zeichnet sich nicht durch eine einmalige schwierige Einkommenssituation aus, sondern durch eine konstant schwierige ökonomische Lage, oft verbunden mit einer Lebensperspektive, die durch Verlust-, Ausgrenzungs- und Mißerfolgserfahrungen geprägt ist. Es ist leicht ersichtlich, dass jemand, welcher – wie in letzter Zeit immer öfter berichtet wird – von staatlichen Transferleistungen lebt, während er oder sie eine Promotion schreibt, eine gänzlich andere Lebensperspektive hat, als ein Mensch, der oder die im gleichen Alter von den gleichen staatlichen Transferleistungen abhängig ist, aber keine Ausbildung abgeschlossen und auch sozial bis dahin vor allem gescheitert ist. Beide sind qua Definition arm. Aber während diese Situation in der Biographie der oder des Promovierenden eine Übergangssituation sein wird, in deren Anschluss mit hoher Wahrscheinlichkeit der Beginn einer Karriere steht, stellt sie für die andere Person voraussichtlich eine konstante Situation dar. Deshalb ist es in der Forschung zu Armut immer notwendig, die Armutssituation als Teil der Biographie eines Menschen oder einer Familie zu verstehen.

Gleichzeitig ist bekannt, dass sich Armut in sehr unterschiedlichen, wenn auch oft zusammenhängenden Kategorien auswirkt. Hier setzt der Lebenslagenansatz an. Als arm wird demnach jemand bezeichnet, wenn er oder sie in mindestens zwei der folgenden vier Kategorien einer Unterversorgung ausgesetzt ist:

  • Einkommen
  • Arbeit
  • Bildung / Ausbildung
  • Wohnen

In einigen Studien, beispielsweise Butterwegge / Klundt / Belke-Zeng (2008), werden diese Kategorien zu Spielräumen erweitert, die bei Menschen in Armut weit kleiner sind oder gar nicht zur Verfügung stehen:

  1. Versorgungs- und Einkommensspielraum
  2. Kontakt- und Kooperationsspielraum (mit anderen Menschen und mit Institutionen)
  3. Lern- und Erfahrungsspielraum
  4. Regenerations- und Mußespielraum
  5. Dispositions- und Entscheidungsspielraum

Wir sehen, dass sich die Wissenschaften und auch die Praxis, die sich mit Menschen in Armut beschäftigt, es mit gewiss guten Gründen für notwendig erachten, die Lage dieser Menschen sehr differenziert zu beschreiben. Warum? Weil sich Armut nicht als einfache Gesamtheit und auch nicht nur bezogen auf ein Kriterium beschreiben lässt. Kein Einkommen zur Verfügung zu haben, heißt nicht nur, wenig konsumieren zu können, sondern bedeutet auch eine massive Einschränkung in den Bereichen soziale Beziehungen, Lernen, Mobilität, Gesundheit, Partizipationsmöglichkeiten und weiterem – und zwar auf lange Sicht, teilweise für das gesamte Leben eines Menschen. Deshalb ist es aber, wie Brüning (2002) betont, nicht einfach möglich, vorauszusetzen, dass sich alle Menschen in Armut die ganze Zeit damit beschäftigen würden, diese Situation zu verlassen. Und dies nicht etwa, weil sie daran kein Interesse hätten, sondern vielmehr weil sie ihrer Lebenserfahrung folgen.

Aus Sicht der [von Ausgrenzung, K.S.] Betroffenen stellt sich Benachteiligung als eingeschränkte Teilhabe an der Gesellschaft im ökonomischen, kulturellen und politischen Bereich dar. Will er die Beschränkung aufheben, muss er die Gewissheit oder zumindest die Hoffnung haben, dass Benachteiligung auflösbar oder doch reduzierbar ist. Ansonsten würde er sich nicht auf den Weg machen; d.h., es müssen Ziele vorhanden sein, die zu erreichen realistisch erscheint. [Brüning (2002), Seite 12]

Wie lebt man als Kind in Armut?

Die allermeisten Kinder aus armen Familien leiden keinen Hunger. Sie haben fürsorgliche Eltern, die ihrer Aufgabe gewachsen sind und alle Mühen auf sich nehmen, um sie hinreichend zu ernähren. Doch das bedeutet nicht, dass es diesen Kindern gut geht und kein Handlungsbedarf besteht. Beim Kampf gegen Kinderarmut geht es in Deutschland nicht in erster Linie um das Vermeiden von Hunger. Wo es an Geld mangelt, müssen Kinder mit vielfältigen Einschränkungen leben. Sie werden schnell zu Außenseitern in einer konsumorientierten Gesellschaft.
Finanzielle Armut schlägt sich nieder im Fehlen von Freunden und sehr häufig auch in zu geringer Bildung: Nachweislich haben arme Kinder in Deutschland weit weniger Erfolg in der Schule als ihre Klassenkameraden aus wohlhabenden Familien. Das hat nur selten mit ursprünglich mangelnder Intelligenz zu tun. Die Ursache liegt in einem dichten Geflecht aus Diskriminierung und fehlender Förderung, aus schlechten Rahmenbedingungen im familiären Bereich und, schlimmer noch, im gesellschaftlichen Umfeld. [Meyer-Timpe (2008), Seite 9]

Redet man von Kindern in Armut, ist das selbstverständlich immer eine Verkürzung. Vielmehr redet man – solange es sich nicht um Heimkinder handelt – von Kindern, welche in Erziehungskonstellationen aufwachsen, die in Armut leben.

Ein solches Leben ist zwar strukturiert durch Grenzen, die sich durch einen finanziellen oder anderen Mangel ergeben – beispielsweise einen Mangel an Mobilität, was mit einer Begrenzung des Erfahrungsraumes einhergehen kann – und durch direkt und indirekt vermittelte Barrieren im sozialen Raum. Aber dies allein macht ein solches Leben nicht aus. Ebenso wie die Kindheit in gutbürgerlichen Verhältnissen ist auch eine Kindheit in armen Verhältnissen in verschiedenen Erfahrungs- und Spielräumen organisiert, wird von Spiel und dem beständig erweiterten Erfahren der Welt geprägt. Zum großen Teil ist ein Leben in Armut, wie auch das Leben in jeder anderen sozialen Position, von einem mehr oder minder strukturierten Alltag geprägt, von Ritualen und sich wiederholenden Verrichtungen. Und wie auch in anderen sozialen Situationen geht es bei einer Kindheit in Armut darum, sich in der eigenen sozialen Welt zurechtzufinden. Obgleich also Kindern in Armut weit engere Grenzen gesetzt sind, obgleich sie oft weniger Spiel- und Erfahrungsräume haben, als andere Kinder, ist es nicht so, dass sie beständig über diese Grenzen nachdenken und das Leben in anderen Verhältnissen anstreben würden.

Es wäre falsch anzunehmen, dass Kinder in Armut diese Grenzen nicht bemerken würden, wenn beispielsweise – wie dies relativ oft berichtet wird – Eltern ihre eintretende Armut vor ihren Kindern geheim halten wollen. Aber es ist zu bedenken, dass diese Kinder beständig sogenannte Cooping-Strategien entwickeln, also Verhaltensformen und psychologische Verarbeitungsstrategien, um mit diesen Situationen umzugehen. Im Gegensatz zu den Vorstellungen, die man aus einem Blickwinkel, der Armut vor allem als Defizitsituation wahrnimmt, gewinnen könnte, entwickelt der größte Teil von Menschen und auch Kindern in Armutssituationen eine überaus stabile Resilienz, also Widerstandsfähigkeit. Insoweit gleichen sich beispielsweise die Medieninteressen von Kindern und Erziehungsnetzwerken in Armut mit denen in anderen sozialen Verhältnissen in weiten Teilen.

Das alles heißt selbstverständlich nicht, dass man Armut gesellschaftlich hinnehmen dürfte, nur weil Menschen es schaffen, auch in Armut ihr Leben zu organisieren. Es heißt auch nicht, dass man die gesellschaftliche Arbeit für Arme, insbesondere solche, die keine ausreichende Resilienz entwickeln, einschränken dürfte. Armut bleibt ein zu überwindender Skandal. Doch beschreibt man den Alltag und das Selbstbild von Menschen und Kindern in Armut falsch, wenn man sie nur als Ausdruck einer Defizitsituation begreift.

Ausgrenzung, die in der sozialen Situation Armut erfahren wird, funktioniert zumeist perfider und diffiziler, als nur über das Anzeigen von Mangel oder Überfluss. Beispielsweise finden sich in der Presse immer wieder Darstellungen, dass arme Kinder und Jugendliche nicht die Marken und Technikprodukte besitzen, welche von den durchschnittlichen Kindern und Jugendlichen „erwartet” würden. Aber entgegen diesem Bild geht es nicht einfach um diese Produkte, vielmehr geht es um den Habitus, die Kompetenzen und Nutzungsweisen, die durch den ständigen Umgang mit bestimmten technischen Produkten erlernt und irgendwann in der Gesellschaft vorausgesetzt werden. Es sind nicht die Produkte, sondern die über sie vermittelten Umgangsweisen und Voraussetzungen, die das differenzierende Moment darstellen.

Eine andere Form der Ausgrenzung besteht, wenn Nicht-Arme Möglichkeitsräume errichten, die sie formal für alle zugänglich machen, obgleich der Zugang zu ihnen von Armen im Allgemeinen nicht angenommen werden kann. Beispiele dafür sind Indoor-Spielplätze, die zumeist in kinderreichen Wohngegenden mit einer reicheren Bevölkerung existieren und indirekt oder direkt zu einem Verzehr der – fraglos meist sehr kindgerechten – Getränke und Nahrungsmittel auffordern. Der stille Zwang zum als selbstverständlich angesehenen Geldausgeben und die Lage in einer unbekannten und zumeist von den eigenen Wohnquartieren weit entfernten Gegend, wirken gegenüber den meisten Erziehungsnetzwerken in Armut ausgrenzend, obgleich wohl niemand in diesen Indoor-Spielplätzen Arme aktiv ausgrenzen will.

In einer biographischen Perspektive ist das Leben in armen Verhältnissen eher von kurzfristigen Projekten und Entscheidungen geprägt. Dies entspringt zumeist der Erfahrung von Menschen in Armut, dass langfristige Ziele oder Veränderung kaum oder gar nicht zu erreichen sind und das Leben zudem – unter anderem verstärkt durch die Anforderungen der Agentur für Arbeit – von ständig möglichen radikalen Brüchen gezeichnet ist. Zu betonen ist, dass sich diese tendenziell eher kurzfristige Planung nicht aus Unwissenheit oder Interesselosigkeit an der Zukunft, sondern aus der Lebenserfahrung der meisten Armen ergibt. Wer vor allem damit beschäftigt ist, die eigene prekäre Existenz zu sichern und die Erfahrung macht, dass Versuche, aus der Armut auszubrechen, zumeist nicht zum Erfolg führen, wird wenig Interesse an einer langfristigen Zukunftsplanung haben. Dies wirkt sich selbstverständlich auf die Erziehung von Kindern aus. Bekannt ist beispielsweise, dass ein Großteil der armen Eltern bei Bildungsentscheidungen – Kindergarten oder nicht, Zeitpunkt der Einschulung, Auswahl der Schulen Unterstützung bei der Berufsperspektivwahl, Schultypwechsel – eher den Meinungen von Ausstehenden, also Lehrkräften, Amtspersonen oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, vertrauen, als andere Eltern. Da aber gerade Lehrkräfte erwiesenermaßen bei Hinweisen auf mögliche Bildungsentscheidung Kinder aus armen Haushalten oft schlechter einschätzen, als gleichstarke Kinder aus besseren ökonomischen Verhältnissen, führt dies oft zu schlechteren Bildungsentscheidungen für diese ärmeren Kinder. Erklärt wird sich dieses Phänomen der elterlichen Wahl auch dadurch, dass sozial besser gestellte Erziehungspersonen sich bei diesen Entscheidungen weit mehr für langfristige Perspektiven ihrer Kinder interessieren, als arme Eltern. Das heißt nicht, dass sich nicht auch arme Eltern eine gute Bildung für ihre Kinder wünschen oder die Hoffnung entwickeln würden, dass ihre Kinder durch Bildung aufsteigen könnten. Nur ist das Bildungssystem mit seinen Wahlmöglichkeiten eher auf den Habitus und das Denken sozial besser gestellter Menschen ausgerichtet, als auf das armer Menschen. Aber diese tendenzielle Kurzfristigkeit von Lebensplanungen betrifft auch alle anderen Bereiche des Lebens von Personen in Armut, beispielsweise der Konzipierung der Unterstützung der Lernprozesse von Kindern.

Hinzu kommt ein Erfahrungshorizont, welcher sich oft von Menschen, die für arme Menschen Projekte oder Unterstützungsstrukturen konzipieren, übergangen wird. Menschen in Armut haben in ihrer Biographie zumeist schon öfter Hilfsstrukturen und Ratschläge gutmeinender Menschen als negativ erfahren. Staatliche und quasi-staatliche Einrichtungen – als welche neben Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern beispielsweise auch Bibliotheken wahrgenommen werden – treten im Leben von sozial schwachen Menschen sehr oft als kontrollierende und strafende Instanz auf. Dies baut Barrieren auf, die nicht einfach von Seiten der Institutionen mit dem Argument, frei zugänglich zu sein und keinerlei überwachende Funktion auszuüben, überwunden oder negiert werden können. Gleichzeitig erfahren arme Menschen in ihrem Leben, dass Vorschläge zur Umgestaltung des eigenen Lebens sich für sie als Sackgassen, Zeitverschwendung oder Möglichkeiten des vorhersagbaren Scheiterns herausstellen. Auch hier spielt das Bildungssystem eine unrühmliche Rolle, insbesondere die ständigen Bildungsschleifen, in die sozial schwache Jugendliche im Anschluss an ihre Schulzeit geraten, bevor sie nach einigen Jahren der beständigen Berufsersatzschulbesuche, Maßnahmen und ähnlicher Kurse ohne in den Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt einsteigen zu können, in eine Zukunft aus Arbeitslosigkeit und schlechter prekärer Arbeit entlassen werden. [Fn 09] Aber auch andere Vorschläge, die beispielsweise argumentieren, dass Eltern auf eine gesunde Ernährung ihrer Kinder zu achten hätten, ohne dass die Eltern finanziell dazu – beispielsweise durch höhere Transferleistungen – in die Lage versetzt werden, sind Gründe, warum Menschen in Armut und damit auch die Erziehungsnetzwerke von Kindern in Armut, Distanz gegenüber Vorschlägen quasi-staatlicher und staatlicher Institutionen und derer Angebote wahren. Insgesamt entwickeln sie zumeist eine funktionale Einstellung gegenüber solchen Einrichtungen und Hilfsangeboten, verstehen sich also sehr wohl als eigenständige Handelnde, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten sinnvolle Entscheidungen treffen. Dass ist bei reichen Erziehungsnetzwerken, die auf ihre Möglichkeiten zurückgreifen, um beispielsweise ihre Kinder in Kitas mit gesundem und fair gehandeltem Essen unterzubringen oder im nahem Wohnumfeld Politik und Öffentlichkeit organisieren, um eine Bibliothek zu erhalten, nicht anders. Anders sind aber die Erfahrungen und Möglichkeiten. Reiche Menschen erfahren staatliche und quasi-staatliche Einrichtungen, bei allem Jammern über die angebliche Bürokratisierung in Deutschland, zu einem großen Teil nicht als kontrollierende Einrichtungen, sondern zumeist als Unterstützung oder als Entität, gegen die man sich, wenn nötig, wehren kann. Gleichwohl erfahren Reiche die meisten Vorschläge zur Umgestaltung des Lebens nicht als Gängelung, weil sie beispielsweise in ihrem sozialen Umfeld sehen können, dass sie tatsächlich durch Bildung aufsteigen können. Insoweit ist auch die Haltung von reicheren Erziehenden zu solchen Einrichtungen und Vorschlägen gänzlich anders, was sich selbstverständlich auf das Leben der Kinder auswirkt. [Fn 10]

Hinzu kommt, dass der Großteil von armen Kindern in einem sozialen Umfeld aufwächst, welches fast durchgängig durch solche Erfahrungen geprägt ist. Es gibt davon Ausnahmen und gerade deshalb ist der Lebenslagenansatz notwendig, um die Situation von Menschen in Armut zu verstehen. Zu einem Teil werden die negativen Einflüsse der ökonomischen Situation durch besondere Konstellationen ausgeglichen. Sozial und ökonomisch erfolgreichere Mitglieder von Erziehungsnetzwerken spielen dabei eine große Rolle, auch der Wohnort und die dortigen Angebote, oder auch ungewöhnliche Freundeskreise. Zudem ist gerade der Teil Armutsgefährdeten, welcher beständig zwischen Armut und relativen, aber prekären Wohlstand wechseln, zumeist mit einem hohen Bildungskapital ausgestattet und auch mit der Perspektive, einmal aus dieser Situation ökonomisch aufzusteigen. Gerade diese Menschen machen ihre gesetzlich oder sozial fundierten Ansprüche auf Unterstützung geltend.

Doch ein Großteil der Menschen und damit auch Kinder in Armut bewegen sich in sozialen Kreisen, die ihrer Situation ähnlich sind; wie das bei allen anderen sozialen Schichten bekannt ist, dort aber nur selten als Problem angesehen wird. Dieses Umfeld prägt selbstverständlich die Selbstwahrnehmung von Kindern. Es ist leicht zu sehen, dass ein Umfeld, welches unter anderem von Rückschlägen, Misserfolgen und einer erlernten Ferne zu staatlichen und quasi-staatlichen Unterstützungseinrichtungen geprägt ist, andere, zumeist nicht so aussichtsreiche Möglichkeitsräume eröffnen, als andere soziale Umfelder. Oft wird darauf verwiesen, dass in diesen sozialen Kreisen auch die sozial erfolgreichen Vorbilder, die das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen prägten, fehlen würden. Das heißt wiederum nicht, dass sich in Erziehungsnetzwerken in Armut nicht Gedanken um die unterstützten Kinder gemacht würde. Auch diese wollen das Beste für diese Kinder, wollen sie glücklich und erfolgreich sehen. Nur sind diese Perspektiven erfahrungsgemäß sozial beschränkt. Dagegen hilft nur sehr bedingt darauf zu verweisen, dass es auch Menschen aus diesen Kreisen manchmal geschafft hätten, aufzusteigen. Die soziale Erfahrung der Menschen in Armut ist anders. Sie gehen ganz realistisch davon aus, dass die Gesellschaft ihnen keine Chance gibt, ihr oder ihrer Kinder Glück wirklich zu suchen und zu verfolgen, sondern dass diese vielmehr so eingerichtet ist, dass Arme zumeist arm bleiben, egal was gutmeinende Menschen sagen. Und diese Überzeugung wird selbstverständlich direkt und indirekt an die Kinder weitergegeben.

Bilder von Armut

Wir haben gesehen, dass sich Menschen in Armut nicht wesentlich von Menschen in anderen sozialen Lagen unterscheiden. Sie versuchen, einen sinnvollen Alltag zu organisieren, ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen und lassen sich von Erfahrungen und ihrer Lebenswirklichkeit leiten. Schauen wir hingegen, welche Bilder von Menschen und Kindheit in Armut verbreitet und gerade in der Politik und der öffentlichen Diskussion verfolgt wird, können wir eine große Differenz bemerken.

Gough / Eisenschitz / McCulloch (2006) analysieren sehr treffend, dass die Politik gegenüber armen Menschen von negativen Bildern über diese Menschen geprägt ist. Grundsätzlich tendiert ihrer Meinung nach die Öffentlichkeit dazu – entgegen aller empirischen Fakten und soziologischen Erklärungsansätze – die Armen für ihrer Armut und Situation selber verantwortlich zu machen und die gesellschaftlichen Strukturen welche Armut bedingen, zu ignorieren. Sie differenzieren drei Strategien der Elite, Menschen in Armut darzustellen:

  1. Die Armut als soziales Verhältnis wird geleugnet und praktisch als unentrinnbarer Naturzustand beschrieben. Aus diesem Blickwinkel lässt sich argumentieren, dass Armut zwar gelindert, aber ehedem nie überwunden werden könnte und alle Anstrengungen in diese Richtung sinnlos wären.
  2. Armut wird nicht als Lebenssituation von Menschen, sondern nur anhand von Symptomen wahrgenommen, die bekämpft werden könnten, beispielsweise durch moralische Ermahnung, einseitige Hilfsprogramme oder polizeistaatliches Vorgehen. Somit werden selbstverständlich nicht die Grundprobleme der Armut angegangen, aber gleichzeitig auch nicht die Handlungsfähigkeit von Menschen in Armut erhöht. Dieses Vorgehen beschreiben Gough / Eisenschitz / McCulloch (2006) als eine indirekte Strategie, um eine Solidarität zwischen Armen zu verhindern.
  3. Die Armen werden für ihre Situation verantwortlich gemacht und ihnen unterstellt, sie würden sich – und ihre Kinder – durch ein angeblich schlechtes Leben (beispielsweise sexuelle Perversion, übermäßigen Drogenkonsum, Faulheit und dem Nicht-Aufnehmen von Lohnarbeit, aber auch einer gewollten Bildungsferne) selber in diese Lage bringen. Die meisten dieser Anklagen sind nicht einmal empirisch haltbar und selbst wenn, dann zumeist durch die Lage der Armen oder die spezifische Form der Datenaufnahme zu erklären; dennoch prägen diese Bilder die öffentliche Debatte.

Gough / Eisenschitz / McCulloch (2006) beschränken ihre Analyse auf die Politik und Debatten in Großbritannien, aber auch in Deutschland lassen sich Bilder von Armen finden, welche nicht mit der Realität dieser Menschen übereinstimmen, aber dennoch die Debatten, Politik aber auch die Konzipierung von Hilfsstrukturen für Menschen in Armut beeinflussen. Diese Bilder sind es zudem, aus denen heraus Problemdefinitionen vorgenommen werden. Bezogen auf Kinder und Erziehungsnetzwerke in Armut sind die bestimmenden Bilder folgende:

  1. Menschen in Armut wären nicht ausreichend über die Vorteile von Bildungsanstrengungen und Bildungsentscheidungen informiert und würden sich diesem Wissen teilweise aktiv verweigern. Wir haben gesehen, dass dies so nicht stimmt: Menschen in Armut wissen sehr wohl, dass ihren Kindern im Bildungssystem nur wenige Chancen eingeräumt werden und ein Großteil der Versprechen, die sich auf Bildung beziehen, realistisch gesehen nicht für sie gelten. Mit ihrer Distanz zur Bildung sind sie leider folgerichtig.
  2. Menschen in Armut wären zu faul – auch wenn dies eher umschrieben, als direkt öffentlich gesagt wird – oder hätten zu wenig Interesse an einer langfristigen Zukunftsplanung. Dies ist nicht nur beleidigend, sondern, wie wir gesehen haben, wenn überhaupt, ein Ergebnis des Lebens in Armut und der staatlichen Verwaltung von Armut. Wenn Menschen in Armut für sich und ihre Kinder eher kurzfristige Entscheidungen treffen, sind sie wiederum nicht etwa uninteressiert am Wohlergehen ihrer Kinder, sondern realistisch.
  3. Menschen in Armut würden nur nicht richtig angesprochen und würden deshalb die vorhandenen Hilfsstrukturen nicht nutzen. Diese Ansicht reduziert das Problem darauf, dass die unterstützenden Einrichtungen eine falsche Öffentlichkeitsarbeit und Ansprachestrategie verwenden würden. Ganz von der Hand zu weisen ist dies oft nicht, aber es beinhaltet die Tendenz, die Probleme der Armut auf einen Punkt zu reduzieren und alle weiteren Probleme auszublenden. Wir haben gesehen, dass Menschen in Armut sich und ihre Kinder von staatlichen und quasi-staatlichen Einrichtungen und deren Einfluss aufgrund kontinuierlich schlechter Erfahrungen möglichst fernhalten. Auch dies ist eine verständliche Haltung.
  4. Menschen in Armut würden aufgrund von Unwissen, Faulheit, der Unfähigkeit, das eigene Leben zu managen oder zu geringer Bildung ihre Kinder, deren Wohlergehen und Zukunftschancen gefährden. Auch das ist, wie wir gesehen haben, falsch. Genauso wie die Erziehenden anderer sozialer Schichten wollen die meisten Menschen in Armut das Bestmögliche für ihre Kinder. Dazu gehört auch, sie vor Situationen, in denen sie aller Voraussicht nach verlieren werden, fernzuhalten.

Die behauptete Bildungsferne von Armen ist weder so eindeutig nachgewiesen, wie dies in der öffentlichen Diskussion behauptet wird, noch wäre diese Bildungsferne als reiner Fehler von Menschen in Armut zu beschreiben. Ebenso wird die restliche Lebensgestaltung von Menschen in Armut, insbesondere für die Frage, wie sie versuchen, ihren Kindern Möglichkeitsräume zu eröffnen, sehr gut verständlich, versetzt man sich in die soziale Lage dieser Menschen. Und gerade deshalb ist es notwendig, sich nicht auf durch die Medien vermittelte Bilder von Armut zu verlassen, wenn man versucht, für Kinder in Armut Strukturen und Angebote zu etablieren.

Die Gründe für diese angebliche Bildungsferne sind komplex. An sich teilen fast alle Menschen, egal in welcher sozialen Situation, einen grundsätzlich positiven Bezug zu Bildung im Allgemeinen, weshalb Ermahnungen oder Werbekampagnen, welche mehr Bildungsaktivitäten – beispielsweise das Lesen – einfordern, oft fragwürdig sind. Vielmehr geht es um strukturelle Barrieren, die Angst vor und Erfahrung von direkter und indirekter Exklusion und Stigmatisierung als „Arme”, welche Menschen in Armut davon abhält, Angebote quasi-staatlicher Einrichtungen so zu nutzen, wie es ihnen zustehen würde. Auf der anderen Seite herrschen aber oft bei Menschen in anderen sozialen Situation Vorstellungen von den Möglichkeiten von Bildung und des Aufstiegs durch Bildung vor, welche auf Menschen in schwierigen sozialen Situationen, aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen nicht zutreffen, egal wie oft sie wiederholt oder als Grundlage der eigenen Arbeit angeführt werden.

Bibliotheken

Vor Kurzem wurde über die bibliothekarische Mailingsliste forumoeb folgende Anfrage verschickt:

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen (in spe),
wir, eine Gruppe von Studentinnen der Hochschule der Medien in Stuttgart, möchten im Rahmen eines Seminares ein Konzept zum Lebenslangen Lernen in ÖBs erstellen. Unser Fokus liegt auf den sogenannten "bildungsfernen" Schichten, die kaum Interesse an Bildung zeigen und naturgemäß schwierig zu erreichen sind.
Hier nun unsere Frage: gibt es öffentliche Bibliotheken, die bereits entsprechende Angebote bereitstellen? Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Zielgruppe gemacht?
Vielen Dank für eine kurze Rückmeldung.
[Judith Wolz, 19.11.2009, http://listen.hbz-nrw.de/pipermail/forumoeb/2009-November/006356.html]

Es ist nicht bekannt, ob es auf diese Mail Antworten gab. Aber nach dem in diesem Text Dargelegtem, beleuchtet diese Mail gerade, warum die Arbeit von Bibliotheken für Menschen in Armut schwierig und teilweise falsch ist. Niemand kann den Studierenden, welche die zitierten Fragen stellen, unterstellen, dass sie die Absicht hätten, arme Menschen zu diskreditieren oder gar zu beleidigen. Und dennoch geht die Fragestellung an der Realität von „bildungsfernen” Schichten – was hier unverkennbar ein Synonym für Menschen in Armut mit einer klaren Interpretationsrichtung ist – vorbei.

Sowohl die Unterstellung, dass diese Menschen „kaum Interesse an Bildung zeigen und naturgemäß schwierig zu erreichen” seien als auch die implizite Vorstellung, dass es sich bei diesen Menschen um eine „Zielgruppe” im Sinne einer definierbaren, mit gleichen Interessen ausgestattete Gruppierung von Menschen handelt, sind offensichtlich zurück zu weisen. Zwar engagieren sich diese Menschen nicht so, wie andere in vorgefertigten Bildungsetablissements, aber das tun sie eben nicht ohne Grund. Zudem gibt es einfach zu viele Menschen, die in Armut leben und ihre Kinder erziehen, als dass man sie als eine Zielgruppe im Sinne einer Marketingstrategie beschreiben könnte.

Bibliotheken, die sich von zu einfachen Vorstellungen über Bildung oder über Menschen beziehungsweise explizit Kindern in Armut leiten lassen, scheinen dazu verurteilt zu sein, an diesen Menschen vorbei zu arbeiten. Normierende Vorstellungen davon, wie Menschen mit Medien umgehen sollten; Bildungsangebote, die vor allem darauf abzielen, dass Lesen zu fördern und nicht andere Kompetenzen, obgleich sie mit den großen Versprechen vom Aufstieg durch Bildung verbunden werden; Ansprachestrategien, die sich nicht auf die reale Lebenswelt von Menschen in Armut einlassen, sondern den in der Öffentlichkeit vermittelten Bildern über sie folgen, sind leider zu oft zu finden, wenn sich im bibliothekarischen Rahmen Gedanken über Menschen in Armut gemacht wird. Ebenso folgen die meisten Angebote, die sich zum Ziel setzen, Menschen in Armut zu unterstützen, oft den einfachen Defizitmodellen, demzufolge diese Menschen beständig daran zu erinnern seien, dass sie einen Ausweg aus ihrer sozialen Lage suchen müssten, obgleich dies selten eine realistische Perspektive darstellt.

Bibliotheken werden nur begrenzt dazu beitragen, dass arme Menschen ihre soziale Situation verlassen können. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aber sie können diese Menschen dabei unterstützen, ein würdiges Leben zu führen und versuchen, eine verlässliche, nicht bevormundende und kontinuierlich verfügbare Infrastruktur zu bieten. Das ist vor allem für Kinder und Erziehungsnetzwerke notwendig, denn es verbessert ihre soziale Umwelt und hilft dabei, einen schwierigen Alltag strukturierter zu planen. Gerade die Angebote, die nicht sofort mit letztlich übertriebenen Versprechen vom Aufstieg durch Bildung oder der nachträglichen Vermittlung von Lesefähigkeiten, die in der Schule nicht erlernt werden, an Menschen herantreten und sie zudem nicht beständig daran erinnern, in einer prekären und teilweise aussichtslosen sozialen Lage zu sein, sind dafür sinnvoll.

Dabei ist es wichtig, die Situation, in der sich Menschen und Kinder in Armut befinden, zu verstehen, ohne sie deshalb als unüberwindbar zu beschreiben. Hierzu ist ein Rückgriff auf soziologische Daten und Forschungen notwendig, welcher mit einem ethnologischen Ethos und hoher Empathie das Handeln und Denken dieser Menschen aus ihrer Situation und Erfahrung heraus zu verstehen sucht, ohne zu verurteilen oder gleich Defizite oder gar moralische Verfehlungen benennen zu wollen. [Fn 11] Eine Arbeit für diese Menschen muss offen sein, ohne deshalb gleich unspezifisch und unthematisch zu werden. Selbstverständlich bedarf sie ihrer Ziele, aber sie muss freiwillig nutzbar und wieder abzubrechen sein – gerade nicht aufgezwungen. Insbesondere Erziehungspersonen reagieren sehr schnell negativ, wenn sie sich oder ihre Kinder bevormundet oder sich auf ihre soziale Situation reduziert fühlen. Dies alles erschwert die Arbeit für Menschen in Armut, aber nichtsdestotrotz ist es eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe von Bibliotheken, sie anzubieten. Wir haben es mit mehreren Millionen Kindern in Deutschland zu tun, die in Armut aufwachsen müssen. Deshalb erübrigt sich jede Frage danach, ob es notwendig ist, eine solche Arbeit zu konzipieren. Es geht dabei um ein Menschenrecht dieser Kinder, nämlich darauf, dass sie und ihre erziehenden Personen bestmöglich dabei unterstützt werden, in unserer reichen Gesellschaft einen würdevollen Alltag leben zu können.


Fußnoten

[01] Es ist gerade in der Familiensoziologie und den Erziehungswissenschaften heute unbestritten, dass Kindern nicht nur von ihren Eltern, sondern von einem Netz von Personen und teilweise auch Institutionen – vor allem Kindertagesstätten – betreut und gefördert werden. Dies wird, ohne die Bedeutung der Eltern negieren zu wollen, hier als Erziehungsnetzwerk oder -zusammenhang beschrieben. [zurück]

[02] Deshalb konnten auch ganz ernst gemeint die amerikanischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohner und die Bewohnerinnen und Bewohner der angrenzenden Kolonie Nieuw Nederland als arm gelten, obwohl sie es in den Anfangsjahren waren, welche mit ihren Hilfsgütern den puritanischen englischen Kolonien halfen, den Hunger zu bekämpfen. [zurück]

[03] Vgl. für die Situation in Deutschland Hock / Holz / Simmedinger / Wüstendörfer (2000). Zwar stimmt es, dass Kinder mit allein erziehenden Eltern einen prozentual höheren Anteil unter den Kindern in Armut stellen, als es ihrem Anteil unter allen Kindern entspricht. Insoweit ist es richtig, von einem höheren Armutsrisiko dieser Kinder auszugehen. Dennoch leben die meisten Kinder in Armut in „vollständigen” Familien mit zwei Elternteilen, zumeist sogar mit den biologischen Eltern, wobei bei diesen in der Regel ein Elternteil arbeitstätig ist, die Familien meist ein bis zwei Kinder haben und die Familienangehörigen allesamt einen deutschen Pass besitzen. Obgleich der Bildungsgrad, der Migrationshintergrund und der Aufenthaltsstatus nachweisbar einen Einfluss auf das Armutsrisiko von Kindern haben, orientiert sich die „durchschnittliche arme Familie” in Deutschland doch erstaunlich stark am konservativen deutschen Familienbild. [zurück]

[04] In Schweden wurde durch eine aktive Sozialpolitik, die nicht nur auf Transferleistungen, sondern auch auf einen Einfluss auf den gesellschaftlichen Konsens setzt, beispielsweise erreicht, dass es für das Armutsrisiko eines Kindes relativ unerheblich ist, ob es in einer Familie mit einem oder zwei Elternteilen aufwächst. Vgl. Butterwegge / Klundt / Belke-Zeng (2008). [zurück]

[05] „Hartz IV” basiert in Deutschland bisher auf einer Mischung aus empirischer Forschung und politischer Entscheidung. Die Grundlage bieten die Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), welche alle fünf Jahre erhoben wird. Die Werte des Konsums der untersten Einkommensgruppe werden genutzt, um dann politisch das soziokulturelle Existenzminimum festzulegen, welches Beziehenden dieser Transferleistung zustehen soll. Dabei wurde beispielsweise die Entscheidung getroffen – entgegen der Werte der EVS – die Ausgaben für Bildung im Monat und auch die für Zeitschriften-/Zeitungsabonnements auf 0 Euro festzulegen. Zwischen den einzelnen Wellen der EVS ist „Hartz IV” an die Rentenentwicklung – die auch politisch bestimmt wird – gekoppelt, nicht etwa an die Inflation oder durchschnittlichen Preissteigerungen. Insoweit ist zu fragen, ob die Höhe von „Hartz IV” tatsächlich etwas über die Armut oder Nicht-Armut einer Person aussagt. Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2009), Meyer-Timpe (2008), Butterwegge / Klundt / Belke-Zeng (2008). Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht am 09.02.2010 verkündet, dass diese Berechnung – und insbesondere die darauf basierende Berechnung des Bedarfs von Kindern und Jugendlichen – nicht verfassungskonform sei. Die Bundesregierung wurde angewiesen, bis zum Ende des Jahres 2010 ein transparentes – und damit in seinen Einzelposten gesellschaftlich diskutierbares – Berechnungssystem vorzulegen, welches den Anforderungen des Grundgesetzes genüge tragen soll. Insoweit ist die bisherige Berechungspraxis des Regelsatzes nur noch als Übergangsregelung zu verstehen. [zurück]

[06] Man könnte allerdings auch, wie das in der Geschichte von religiösen und politischen Bewegungen tatsächlich als Ideal formuliert wurde, fordern, dass alle ungefähr gleich viel verdienen sollen und dann als arm all diejenigen bezeichnen, die weniger als das Durchschnittseinkommen zur Verfügung haben. Problematisch ist bei der Orientierung am Durchschnittseinkommen allerdings, dass zur Bestimmung desselben auf den Arbeitslohn zurückgegriffen wird. Der Arbeitslohn ist für viele Menschen tatsächlich das einzige Einkommen, aber gerade bei Menschen, die ökonomisch besser gestellt sind, setzt sich das Einkommen aus weiteren Quellen (Prämien, unregelmäßige Zahlungen, Gewinnen aus Beteiligungen und Mieteigentum, nicht-geldwerten Vorteilen etc.) zusammen, so dass das statistische Durchschnittseinkommen generell als zu niedrig angesehen werden muss. [zurück]

[07] Dabei geht die Bundesregierung bei diesem Wert noch von sehr weichen Kriterien der OECD aus. Vgl. die Darstellung in Bundesregierung (2008) und die Kritik an diesen Kriterien in Butterwegge / Klundt / Belke-Zeng (2008). Diesen Zahlen stehen rund 5-7% der Bevölkerung (oder 4,1 bis 5,7 Millionen Menschen) gegenüber, die über 200% des Durchschnittseinkommens verdienen und als reich gelten. [zurück]

[08] Vgl. Gebauer (2007). [zurück]

[09] Vgl. Renowski / Steiner (2006); Meyer-Timpe (2006). [zurück]

[10] Vgl. für die Diskussion um die Wahrnehmung von Bibliotheken als quasi-staatliche Einrichtung Birdi, Briony ; Wilson, Kerry ; Cocker, Joanne (2008) und Klimaszewski, Cheryl ; Nyce, James M. (2009). Für Deutschland scheint diese Debatte noch nicht geführt worden zu sein. Aber siehe für die Beschreibung der Wirkung von Einrichtungen in einem ähnlichen Spannungsfeld, beispielsweise Jugendclubs und Nachbarschaftshäuser, Meyer-Timpe (2006) und Rätz-Heinisch, Regina (2006). Für eine Zusammenfassung der Ansätze der inklusiven Bildung siehe Weiß (2010). [zurück]

[11] Vgl. Birdi / Wilson / Cocker (2008). [zurück]


Literatur

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Gebauer, Ronald (2007) / Arbeit gegen Armut : Grundlagen, historische Genese und empirische Überprüfung des Armutsfallentheorems. – Wiesbaden : VS, 2007

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Karsten Schuldt Promotion zum Themenfeld Öffentliche Bibliotheken und Bildung. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Potsdam, Wiss. Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für Bildungsforschung (Humboldt Universität zu Berlin).