> > > LIBREAS. Library Ideas # 16

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Was ist und was kann Bibliothekspädagogik?


Zitiervorschlag
Jana Haase, "Was ist und was kann Bibliothekspädagogik?". LIBREAS. Library Ideas, 16 ().


Bibliothekspädagogik im Kontext

Die Frage nach einer Bibliothekspädagogik steht im Kontext der gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1990, der Bildungsdebatte und der Notwendigkeit, Finanzierung gemeinnütziger Bereiche nach Kosten/Leistungsprinzipien und geänderten Förderwegen neu zu gestalten. Eine Vielzahl außerschulischer pädagogischer Bereiche wie zum Beispiel die Museumspädagogik, die Theaterpädagogik, die Wildnispädagogik und die Verkehrspädagogik hat sich rasant entwickelt und manifestiert. Einerseits nutzen diese Arbeitsbereiche die Pädagogik für sich und andererseits verankern sie ihre Berufsfelder auf diese Weise im Bildungsbereich. Mehr als Museen oder Theater sind Bibliotheken seit jeher eng mit Bildungseinrichtungen verbunden, sehen sich aber derzeit – insbesondere durch die Transformation aller Bildungseinrichtungen und der Bildungsvorstellungen – mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich selbst als Lernort und Kooperationspartner neu aufzustellen.

Die auf Bibliotheken zukommenden Aufgaben im Zusammenhang mit der Forderung nach Vermittlung von Informationskompetenz zu Beginn der Umstrukturierungen im Hochschulbereich hat Uwe Jochum bereits 2003 umrissen und auf die notwendige Verzahnung der Bibliothekspädagogik mit der Fachpädagogik hingewiesen. Er stellt eine Reihe von Veranstaltungsmodellen im Hochschulbereich vor, bei denen bibliotheksrelevante Themen in Fachveranstaltungen eingebunden, mit und von Fachreferaten der Bibliotheken durchgeführt werden. [Fn 1]

Holger Schultka entwirft 2005 ein Grundgerüst für eine zu schaffende Bibliothekspädagogik, zeigt, was Bibliothekspädagogik nicht ist und schlägt Definitionsvarianten vor. Er beschreibt detailliert die möglichen Lernziele bibliothekspädagogischer Arbeit für alle Altersstufen und Bibliothekstypen. Er sieht als Aufgabenfeld entsprechend den neuen Anforderungen der Schulen und Hochschulen die Entwicklung einer Reihe von Kompetenzen, wie Lesekompetenz, Informationskompetenz, Selbstkompetenz und bettet die Bibliothekspädagogik in die übergeordnete Pädagogik demokratischer Werte ein. [Fn 2]

Was ist Pädagogik?

Zeitgemäß können wir die Pädagogik als erzieherisches Handeln mit dem Zweck des Herausführens von Menschen aus dem Zustand der Unmündigkeit sehen. Sie beinhaltet also das Lehren einer Ordnung und des Verhaltens in dieser Ordnung, um sie selbst bestimmt für sich zu nutzen. Theaterpädagogik lehrt Körperordnung und Körperverhalten, Museumspädagogik lehrt die Ordnung der abbildenden Vorstellungen und den Umgang damit, Wildnispädagogik lehrt die Ordnung der unzivilisierten Natur und das Verhalten in ihr, Verkehrspädagogik lehrt die zivilisierte Straßenverkehrsordnung und das Verhalten danach. Die Bibliothekspädagogik lehrt dann die mögliche Ordnung des fixierten Wissens der Menschheit und ein mögliches Verhalten zur Nutzbarmachung dieser Ordnung.

Zur Bibliothek als einer erschlossenen und öffentlich zugänglich gemachten Sammlung von Informationsträgern scheint der Auftrag des erzieherischen Handelns im Sinne des Herausführens aus der Unmündigkeit reibungslos zu passen, während viele der außerschulischen „Pädagogiken“ vermerken, dass ihr eigentliches Aktionsfeld im Widerspruch zur aktuell praktizierten Schulpädagogik steht. Außerschulische Pädagogik geht zumeist von partnerschaftlichem Handeln aus, während von der Schulpädagogik Handeln in autoritären Hierarchieformen vorausgesetzt wird. Wildnispädagogik und Theaterpädagogik verstehen sich mitunter auch als reformpädagogische Ansätze. [Fn 3]

Lehren und Belehren

Informelles Lernen und formelles Lernen sind zwei unterschiedliche Ebenen des Lernens, die wir alle schon erlebt haben und täglich erleben. Ein formelles Belehren über die Benutzungsordnung ergibt wenig Sinn, ein Spiel mit vertauschten Rollen in der Bibliothek wäre informell und könnte sich eindrucksvoll einprägen.

Selbst Theater spielen, selbst gestalterisch Arbeiten und Ausstellen stehen gegen das Sitzen im Theater und Schreiten durch Museen, um Bildungslücken zu füllen. Durch Parks spazieren steht gegen das Sich-selbst-empfinden in der Wildnis. Kleine Verkehrslotsen vor den Schulen verinnerlichen den Straßenverkehr und seine Regeln durch teilnehmendes Erleben. Wie Kinder mit wahrer Begeisterung in einer echten Bibliothek „Bibliothek“ spielen, habe ich bisher nur in einem Film über die Stadtbibliothek Frankfurt/Oder gesehen.

Seit der Öffnung von Magazinen und der Umstellung auf Freihandaufstellungen gibt es bibliothekspädagogische Veranstaltungen, die dazu dienen, Publikum anzuziehen und heranzubilden, die aber auch berechtigterweise das Ziel haben, das Publikum von Bibliotheken über Ordnung, Systematik und Regeln zu belehren. Hier wird seit den 1980er Jahren versucht, neue pädagogische Methoden zu nutzen, um die Zielgruppen besser zu erreichen. Lernen funktioniert durch eigenes Erfahren und Erleben von Beispielen oder Geschichten. Lehre schafft die Bedingungen für das Empfinden und Nachempfinden. Pädagogik im heutigen Sinn umfasst so Raum, Vorstellung, beispielgebende Menschen, Orientierungssysteme zum Trainieren von Verhalten. Der Lernprozess beinhaltet mehrere Stufen, die in wiederholter Begegnung mit dem Lerngegenstand stattfinden: 1. Erkennen von Ordnungen, 2. das Sich-zurecht-finden in Ordnungen und 3. das selbständige Nutzen von Ordnungen.

Lernen

Eine Bibliothek ist zunächst eine Umgebung, in der die Fähigkeit des Umgangs mit ihrer Ordnung erlernt werden kann. Es kann Können entwickelt werden. Können entwickelt sich vollkommen unabhängig vom Wissen um Regeln. Es entwickelt sich schrittweise und langsam durch vielfache Wiederholungen. Wiederholungen werden vom Menschen vorgenommen, solange in der Wiederholung immer wieder ein Reiz des Neuen liegt, er also noch nicht alle Facetten des betreffenden Gebiets entdeckt hat. Können entsteht durch das Verarbeiten von Beispielen, durch Erleben oder eindrucksvoll erzählten Geschichten. Aus Beispielen leiten wir selbständig die innewohnenden Regeln ab. Ist die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet oder eine Fragestellung gerichtet, wie zum Beispiel bei Schülern und Schülerinnen, die für ihre Präsentationsprüfung ein selbst gewähltes Thema ausarbeiten, so ist wahrscheinlich auch eine hohe Motivation da, hilfreiche Angebote wahrzunehmen und zu durchdenken. Positive Emotionen bewirken gutes Lernen. Treffen so motivierte Lernende in der Bibliothek auf Fachkräfte, die sie freundlich und aufmerksam beraten und ihnen sinnvolle Hilfestellungen zur eigenständigen Arbeit geben können, wird sich in ihrem Erfahrungsschatz die Bibliothek als positiver Lernort einprägen. Lernen findet immer statt. Wir können es nicht abschalten oder anschalten. Macht ein Mensch bei einem Bibliotheksbesuch negative Erfahrungen, lernt er, dass dies ein Ort ist, den es zu meiden gilt.

Nicht jeder Mensch kann und muss alles lernen, beispielsweise ist die Fähigkeit schnell und richtig alphanumerische Reihenfolgen, wie unsere Signaturen, zu sortieren, ein extrem hoher Spezialisierungsgrad und kann von Menschen mit nicht darauf trainiertem Gehirn überhaupt nicht geleistet werden. Für die Herstellung und Wahrung der Ordnung in Bibliotheken sind spezialisierte Fachleute da. Sie vermitteln und übersetzen dem Publikum die Bibliothek durch Gestaltung, Verhalten, Kommunikation. Daher ist es wichtig, Räume, Signaletik und Personalcoaching so zu gestalten, dass sich die Regeln und Ordnungen durch die Begegnung und Erfahrung mit ihnen im Besucher soweit reproduzieren, wie er sie erlernen und nutzen kann. Anfragen auf Augenhöhe entgegenzunehmen, zu steuern und zu eigenverantwortlichem Arbeiten hinzulenken, erfordert ein hohes Einfühlungsvermögen, großes Fachwissen und gute Kommunikationsfähigkeit.

All das wäre pädagogisches Handeln, begonnen bei der Ausgestaltung von Bibliotheken bis hin zur bibliothekarischen Beratung. Lernen geschieht nur aktiv, wir lernen immer durch Handeln – durch handgreifliches und durch begriffliches Handeln – durch das Hantieren mit Dingen oder das Hantieren mit Gedanken. Menschen sind grundsätzlich motiviert zu lernen. Davon auszugehen ist gut für ein Beratungsgespräch, aber auch für die Klassenführung. Die Kunst der Bibliothekspädagogik besteht darin, ihm das zu geben, womit er gerade hantieren will. In diesem Kommunikationsfeld können sich Fachkompetenz, Methodenkompetenz und Sozialkompetenz entwickeln. [Fn 4]

 

Veranstaltungen sind eher im Bereich des Marketings von Bibliotheken angesiedelt und können dazu mit pädagogischen Elementen ausgestattet werden, besonders, wenn sie in den Bildungsbereich zielen. Eine aktuelle und ausführliche Materialsammlung dazu hat Kerstin Keller-Loibl vorgelegt. [Fn 5]

Wenn von einer Bibliothek große homogene Zielgruppen anvisiert werden, sind bibliothekspädagogische Veranstaltungen ein wichtiges Mittel, um sich bei diesen Gruppen bekannt und einen ersten Eindruck zu machen, beziehungsweise im Gespräch, im Veranstaltungsanzeiger zu bleiben. Wichtig dabei sind die lerngerechte Dramaturgie und die Begeisterung, mit der die Veranstaltungen von Fachkräften durchgeführt werden. Einem Durchführenden, der von seiner Sache begeistert und bereit ist, diese Begeisterung mitzuteilen, Geschichten erzählen und das Publikum mitnehmen kann, werden lernbereite Menschen immer folgen. Wie aber schaffen wir es, jeden Tag aufs Neue über viele Jahre hinweg mit Begeisterung an diese Arbeit heranzugehen? Auch die Begleitung und methodische Anleitung der Kollegen und Kolleginnen ist eine Aufgabe der Bibliothekspädagogik. Gut umsetzbar in der alltäglichen Praxis sind dazu die von Detlef Dannenberg sehr handhabbar und präzise dargestellten 10 Schritte zu einem bibliothekspädagogischen Angebot. [Fn 6]

Die Klassenführung wird zum Erfolg, wenn durch Vorbereitung und Absprachen ein großer Teil der Gruppe eine Erwartung hat, auf die ein einzelner Durchführender eingehen kann. Bibliothekspädagogik fängt daher auch in der Schule und im Elternhaus an. Hier können Bibliotheksfachleute bestimmte Inputs geben. Sie können, wie es an einigen Orten schon geschieht, in Schulen gehen und dort bibliotheksrelevante Themen gemeinsam mit Lehrkräften vermitteln – immer entsprechend dem konkreten Unterrichtsbedarf – vom Nachschlagen in Duden und Leo.org bis zum Rechercheplan. Sie können Eltern und Lehrkräfte anleiten. Die Entwicklung von Kompetenzen beginnt in den Nahbereichen des Erlebens – zu Hause, in der Schule. Bibliothekspädagogisch gebildete Lehrkräfte werden ihre Schüler in die Bibliotheken schicken, die dann dort gute Fragen stellen und sinnvolle Hilfe bekommen.

Was ist und was kann Bibliothekspädagogik?

Bibliothekspädagogik kann als die Theorie und Praxis erzieherischen Handelns im Kommunikationszusammenhang der Bibliothek sowie die Befähigung von Bibliotheksfachkräften dazu bezeichnet werden.

Bibliothekspädagogik berührt alle Arbeitsbereiche der Bibliothek, vom Gestalten der Bibliotheken bis zum Begleiten des Publikums. Sie macht die Ordnung des fixierten Wissens erlebbar.

 

Nach innen gerichtet wären ihr zuzuordnen:

  • Gestaltung der Räume, der Leitsysteme, der Freihandbereiche, der Rechercheinstrumente
  • Kommunikationstraining der Fachkräfte in der Beratung
  • Methodische Anleitung für die Gestaltung von Veranstaltungsangeboten

Nach außen gerichtet

  • Marketing - Veranstaltungsangebot für den Bildungsbereich entsprechend den Lehr- und Lernanforderungen in Schulen und Hochschulen
  • Multiplikation - Anleitung von Lehrkräften zur Einbeziehung der Bibliotheken in den Unterricht
  • Modellspiel Bibliothek

Wenn eine Bibliothek mit relevantem Inhalt vorhanden ist, die Raumgestaltung dem Lernen nicht entgegensteht und das Personal die Besucher und Besucherinnen gut coachen kann, dann findet Bibliothekspädagogik statt. Wenn Bibliothekspädagogen und -pädagoginnen Veranstaltungen durchführen und mit Fachkräften in Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten, dann findet bibliothekspädagogisches Marketing statt. Einige Stellen für Bibliothekspädagogen und Bibliothekspädagoginnen sind bereits geschaffen worden. Auf die nächsten Praxisberichte und die Diskussion zur Bibliothekspädagogik dürfen wir gespannt sein.


Fußnoten

[1] JOCHUM, Uwe: Informationskompetenz, Bibliothekspädagogik und Fachreferate. – in: Bibliotheksdienst 37 (2003) 11 [zurück]

[2] SCHULTKA, Holger: Bibliothekspädagogik. – in: Bibliotheksdienst 39 (2005) 11 [zurück]

[3] HOFFMANN, Christel: Zum Verhältnis zwischen Theater und Pädagogik. – In: Jörg Richard (Hg.): Thaterpädagogik und Dramaturgie im Kinder- und Jugendtheater, Frankfurt/M., 1990; WESCHENFELDER, Klaus und Wolfgang Zacharias: Handbuch Museumspädagogik. Orientierungen und Methoden für die Praxis, Düsseldorf 1992; TROMMER, Gerhard: Wildnis – die pädagogische Herausforderung, Weinheim, 1992 [zurück]

[4] SPITZER, Manfred: Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens. – München, 2007 ; KLIPPERT, Heinz: Eigenverantwortliches Arbeiten und Lernen: Bausteine für den Fachunterricht. - Weinheim, u.a. 2001 [zurück]

[5] KELLER-LOIBL (Hg.): Bibliothekspädagogische Klassenführungen: Ideen und Konzepte für die Praxis. – Bad Honnef, 2008 [zurück]

[6] DANNENBERG, Detlev: Die kleine Öffentliche Teaching Library. In: Büchereiperspektiven 4 (2008) 1 [zurück]


Jana Haase Bibliothek des Berufsausbildungszentrums Lette-Verein Berlin.