> > > LIBREAS. Library Ideas # 14

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Wenn das Medium zum Inhalt wird: Bericht über den Abschluss-Workshop des DFG-Projekts 'Konzeptionelle Entwicklung einer Forschungsinfrastruktur für die e-Humanities in Deutschland' am 22. Januar 2009 in Göttingen


Zitiervorschlag
Najko Jahn, "Wenn das Medium zum Inhalt wird: Bericht über den Abschluss-Workshop des DFG-Projekts 'Konzeptionelle Entwicklung einer Forschungsinfrastruktur für die e-Humanities in Deutschland' am 22. Januar 2009 in Göttingen". LIBREAS. Library Ideas, 14 ().


Dass eines der Entwicklungspotentiale geisteswissenschaftlicher Praxis in elektronisch basierten Forschungsumgebungen liegt, lässt sich scheinbar nur aus einem Standpunkt heraus vertreten, der nicht originär aus den Geisteswissenschaften stammt. Die bisher vorliegenden Syntheseversuche, Forschungstätigkeit mit Informations-und Kommunikationstechnologien zu koppeln, stammen offenbar überwiegend aus den Naturwissenschaften oder der Informatik. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie eine technische bzw. infrastrukturelle Basis und einen organisatorischen Rahmen bilden, der die verteilte Erstellung, Speicherung und Nutzung hauptsächlich empirisch gewonnener Daten unterstützt. Zusätzlich fördern elektronische Publikations- und Kommunikationsplattformen nachweislich die Zusammenarbeit und den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnis. Nicht umsonst fragen sich daher wissenschaftliche Förderinstitutionen gemeinsam mit klassischen Infrastrukturanbietern wie Bibliotheken, inwieweit sich diese Ergebnisse auf die geisteswissenschaftliche Fächer übertragen lassen. Zwar ist konzeptionell und förderpolitisch der Mehrwert etwa von Open-Access-Modellen für die wissenschaftliche Kommunikation unbestreitbar. Ebenso beweisen naturalisierte Disziplinen wie die Altertumswissenschaft einen Bedarf an eine leistungsfähige elektronische Infrastruktur. Dennoch sollte die Übertragung auf die gesamte Geisteswissenschaft mit entsprechender Vorsicht betrachtet werden, solange der Technologietransfer nicht mit den epistemologischen Voraussetzungen einer ihrer vielfältigen Disziplinen korrespondiert.

Folgerichtig stand zu Beginn des Abschluss-Workshops der DFG-Projektes „Konzeptionelle Entwicklung einer Forschungsinfrastruktur für die e-Humanities in Deutschland“ die Pluralität und Diversität geisteswissenschaftlicher Forschung im Vordergrund. Heike Neuroth sieht im Anschluss an John Taylor die Fragmentierung der Geisteswissenschaften als einen der Gründe für die mangelnde fächerübergreifende Durchdringung elektronischer Arbeitsformen an. Sie führe zu einer großen Bandbreite an unterschiedlichen Ressourcentypen mit hochkomplexen semantischen Strukturen zwischen diesen. Zwar seien geisteswissenschaftliche Fächer im Vergleich zu den Naturwissenschaften weniger rechenintensiv. Dennoch wachse auch für einige geisteswissenschaftliche Fächer, wie die bereits erwähnte Altertumswissenschaft die Bedeutung von Datenroutinen, um perspektivisch an neue Hypothesen und Ergebnisse zu gelangen. In den Augen von Heike Neuroth sind mangelnde Ausstattung an Forschungsgeldern und fehlende IT-Expertise weitere strukturelle Defizite. Dass neue Forschungsmethoden nicht immer breit wahrgenommen werden und der Austausch nicht immer gewünscht sei, führte sie auf mangelnde, historisch wenig ausgeprägte Kollaborationsstrukturen zurück, deren Aufbau eine der Kernaufgaben sei.

Blick zurück auf's Buch? Die digitale Bildersammlung des Bundesarchivs ermöglicht uns den Blick zurück in den Lesesaal der Göttinger Universitätsbibliothek, wie er 1988 war. Für die digitalen Bildwissenschaften bietet dieses noch nicht ganz so lang online verfügbare Konvolut an diversen Aufnahmen in jedem Fall eine grandiose Quellensammlung.

Quelle: Bundesarchiv unter Wikimedia Commons


Ein anschließender Blick von Katja Meffert auf bereits existierende nationale und internationale e-Humanities Zentren sowie anderen Initiativen bzw. Ansätzen in diesem Bereich beweist, dass eine Verankerung innerhalb der Forschungsgemeinden das Erfolgskriterium für ein Gelingen darstellt. Obwohl beispielsweise die Plattform Virtual Environments for Research in Archaeology (VERA) sich derzeit noch in einer Beta-Phase befindet, bereitet sie die Bindung von Altertumswissenschaftlern über Wikis und Blogs vor, um die spätere Verwaltung archäologischer Daten auf eine breite Basis zu stellen. Auch in diesem Beitrag, der das Ergebnis einer State-of-the-Art Analyse ist, zeigte sich, dass Initiativen nur dann einen langfristige Perspektive haben, wenn sie es schaffen, ein akzeptierter Bestandteil einer ausdifferenzierten Fachgemeinschaft zu werden. Hingegen scheitern breit angelegte Versuche wie das von den meisten Anwesenden hochgelobte Arts and Humanities Data Service (AHDS) am mangelnden Förderwillen der Geldgeber. War AHDS anfangs national orientiert, so muss sich das Projekt nun auf seine intra-institutionelle Aufgabe unter dem Namen Centre for e-Research (CeRch) konzentrieren. Ohne einen tiefgreifenden Mentalitätswechsel bei Forschenden und den Haushaltsträgern ließe sich, so Katja Meffert zum Abschluss, eine übergreifende Forschungsinfrastruktur für die e-Humanities in Deutschland nicht aufbauen.

Dies befand anschließend auch Fotis Jannides, der das sogenannte Community-Building als eines der notwendigen Handlungsfelder benannte. Aus bibliothekswissenschaftler Sicht war insbesondere der Hinweis auf den Mangel an qualifizierten Personal interessant, welches geisteswissenschaftliches Methodenwissen bei gleichzeitiger informationstechnischer Kompetenz in die Projekte und bei der konkreten Umsetzung einbringen könnte. Zusammenfassend konzentrierten sich alle drei Vortragenden auf organisationale Handlungsfelder ohne dabei tiefer auf die epistemologischen Grundlagen oder auf eine empirisch gestützte Evaluierung eines tatsächlichen Bedarfs innerhalb der der heterogenen geisteswissenschaftlichen Landschaft einzugehen. Es wäre im Rahmen des Workshops interessant gewesen, Antworten darauf zu finden, inwieweit Informatik und geisteswissenschaftliche Praxis anschlussfähig sind.

Es blieb somit erstaunten Vertretern von Förderinstitutionen überlassen, auf mögliche Gefahren hinzuweisen. In der nachfolgenden Panel-Diskussion mit Vertretern von Förderorganisationen betonte Axel Horstmann von der Volkswagen-Stiftung, dass die Funktion der Geisteswissenschaften in ihrer Aufklärungs- und Deutungsleistung liege. E-Humanities dürfe nicht eine Materialanhäufung bedeuten, die die Kreativität geisteswissenschaftlicher Forschung behindere. Hans-Dieter Bienert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft betonte, dass Informationstechnologie nicht Forschungsfragen diktieren dürfe, sondern sich ihre Anwendung aus der Forschung heraus entwickeln müsse. Nichtsdestotrotz sahen alle Vertreter der Förderorganisation Handlungsbedarf bei der Standardisierung und Speicherung von Daten, um die bisher verteilten Initiativen tatsächlich zu bündeln und Synergieefekte zu schaffen. Mittelfristig wäre dies eine Aufgabe von Bibliotheken und Rechenzentren, die Förderorganisationen mittels Anschubfinanzierungen unterstützen würden.

Folgerichtig betonte zum Abschluss des Workshops Gerhard Lauer von der Universität Göttingen, dass e-Humanities nur dann ihre Potentiale ausschöpfen könne, wenn sie sich aus den entsprechenden Disziplinen heraus entwickelt und von ihnen selbst in Lehre und Forschung getragen wird.

Der Workshop offenbarte das gestiegene Interesse einiger geisteswissenschaftlicher Disziplinen an elektronisch basierten Forschungsumgebungen, aber auch die praktischen Probleme, die sowohl mit der Entwicklung von Einzellösungen sowie mit einer übergreifenden Infrastruktur verbunden sind. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, die Zurückhaltung nur auf einen mangelnden Willen seitens der Geisteswissenschaftler und die fehlende förderpolitische Unterstützung zurückzuführen. Die Kritik der e-Humanities-Infrastruktur scheint fundamentaler zu sein. Es ist die Befürchtung, dass Mittel in Zwecke der geisteswissenschaftlichen Forschung verkehrt werden. Eine elektronische Infrastruktur für die Geisteswissenschaften kann somit nur dann gelingen, wenn solche Einwände expliziert und gelten gelassen werden. Letztendlich bedienen sich geisteswissenschaftliche Lehre und Forschung nicht nur an Quellen, sondern orientieren sich im Denken.