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Hans Dampf hält Einzug ins Archiv der Zivilisation - die Zweite Moderne in Bibliothek und Museum

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Zitiervorschlag
Najko Jahn, Hannah Maischein, "Hans Dampf hält Einzug ins Archiv der Zivilisation - die Zweite Moderne in Bibliothek und Museum". LIBREAS. Library Ideas, 13 ().



Bis zur Schwelle zur Moderne galt Hans Dampf sprichwörtlich als Taugenichts, der, weil er zu nichts zu gebrauchen war, in die weite Welt ging.

Individualismus – Hans Dampf

Vormals als Herumtreiber mit mangelnder Bodenhaftung beschrieben, bedurfte es seiner zu Beginn des industriellen Zeitalters vermehrt: „Heut ist Hans Dampf der Abgott der Welt geworden, ohne den Glück und Civilisation kaum mehr denkbar ist". [Fn1] Mit diesem Namen kennzeichnen konnte man in einer funktional ausdifferenzierten Arbeitsumgebung allerdings nur Wenige: die Leistungsindividualisten, denen es möglich war, an mehreren Orten gleichzeitig zu agieren. Die Teilhabe der Masse an der sozialen Entwicklung sicherten hingegen Berufsausbildung und moderate Tarifabschlüsse, Baufinanzierung und sonstige staatliche Beihilfen.

Ein so herausgebildetes Standesbewusstsein erlaubte es den Daheimgebliebenen noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sich öffentlich über die Dekadenz und den Irrsinn des internationalen Jet Sets zu empören, aber im Kleinen den Urlaub in der Toskana zu verbringen und im Stillen von Weltgewandtheit zu träumen. Damit blieb Hans Dampf immer einer der unangreifbar Privilegierten, den anzutasten niemand für notwendig erachtete, gab es doch Möglichkeiten des sozialen Ausgleichs.

Die Teilhabe des Einzelnen an „Glück und Zivilisation" organisierten Bibliotheken und Museen durch Sammeln, Erschließen und Archivieren dessen, was sie in Lesesälen und Ausstellungen jedem frei zur Verfügung stellten. Die freie Kommunikation dieser Erkenntnisse sicherte Rückgriff auf Vergangenes, schaffte Konsens und garantierte damit Zukunft. Dauerhaftes Erinnern und Lernen gestattete es, sich gegenüber dem Anderen zu öffnen und zugleich die eigene Identität zu definieren.

In der Gegenwart gerät dieser Ausgleich allerdings ins Wanken – ein Wandel, der soziologisch als Zweite oder auch Flüchtige Moderne beschrieben wird.[Fn2] „Hans Dampf in allen Gassen" ist heutzutage der Inbegriff einer Entdifferenzierung, denn „jeder benötigt einen kompletten Werkzeugkasten und sämtliche Fähigkeiten, die erforderlich sind, um die Aufgabe zu erfüllen".[Fn3]

Ziel ist es nun nicht mehr, die gesellschaftlichen Spielregeln mitzubestimmen, sondern sich selbst einen möglichst guten Platz am Spieltisch zu sichern.[Fn4] Omnipräsenz, Rücksichtslosigkeit, ausgeprägter Individualismus und die Inszenierung der eigenen Person sind nun nicht mehr die Eigenschaften eines exotischen Zampano, den die Gesellschaft duldet und insgeheim sogar bewundert, sondern ein Imperativ für das Individuum, um in der Konsumgesellschaft zu bestehen.

Entdifferenzierung – in allen Gassen

Der Individualist von Gestern ist heute zum Konsens der Existenzgestaltung geworden. Gegenwärtig sind wir alle aufgefordert, die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen – unsere eigenen Bilder zu produzieren, sie zu exponieren und uns das Museum ins Wohnzimmer zu holen. Wenn vom Benutzer für die Teilhabe in der Bibliothek 2.0 aktive Kompetenzen in den Feldern Metadatenkompatibilität, inhaltliche Erschließung und die Bereitstellung von Dokumenten verpflichtend sind, dann begeben wir uns in neue Gassen, in denen wir keine Ortskundigen mehr sind.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisierte Max Weber Arbeitsteilung, Amtshierarchie, Normen zur Aufgabenerfüllung und Aktenmäßigkeit als positive Errungenschaften eines leistungsfähigen Staates, der Recht und Konvention garantieren und ein gesellschaftliches Korrektiv darstellen könne.[Fn5] Für das Museum, das aus den frühen Wunderkammern herausgewachsen war, bedeutete dies ein hohes Maß an Autorität, die Geschichts- und Kunstmuseen zukam, weil sie die Kulturnation repräsentieren durften. Der klassische Museumsbau war deshalb ein monumentaler Herrschaftsbau, weil er Öffentlichkeit darstellte und nach außen deutlich eine Schwelle markierte. Hier fand nicht nur Kunst seit der Neuzeit Raum und Wand, die in der Hoffnung, einstmals Einzug in die heiligen Hallen halten zu dürfen, geschaffen worden war, sondern auch Altar und Andachtsbilder, Fragmente antiker Tempel und sodann auch Alltagsgegenstände. Sie alle waren ihrem ursprünglichen Kontext entnommen und ihre Rekontextualisierung ist durch das Museum legitimiert, das als Institution für die Konstruktion von Geschichte und Geschichten verantwortlich ist. In dieser Tradition versteht sich auch das zeitgenössische öffentliche Museum, das laut der Satzung des International Council of Museums, keine kommerziellen Ziele aufweisen darf, fachlich geleitet und wissenschaftlich betreut sein muss.[Fn6]

Wenn Walter Benjamin sich in den dreißiger Jahren um das Verkümmern der Aura des Kunstwerkes sorgte, ist damit nicht nur die Relativierung des Originals durch seine Reproduzierbarkeit benannt, sondern eine tief greifende Statusveränderung von Kunst und ihren Rezipienten sichtbar gemacht worden: Das Kunstwerk wurde durch die Möglichkeiten der Vervielfältigung um seinen Sitz in der Gesellschaft, das heißt seine Historizität und die ihm eigene Topographie geschmälert, also um den Kontext und die Konnotationen, die Kunst bisher als unmittelbare oder authentische charakterisierten.[Fn7] War das Unternehmen der Publizistik zunächst dadurch gerechtfertigt, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, wurde es bald als künstlerisches Verfahren selbst entdeckt: Über seine auf Quantität statt Qualität zielende additive Serigraphie der sechziger Jahre sagte Warhol: „30 are better than one!“ Mit dieser Position ist nicht nur das Kunstwerk als Original, sondern auch der Künstler als dessen Autor in Frage gestellt. Revolutionär wirken diese Experimente nur vor dem Hintergrund einer tradierten Auffassung von Kultur, die ihren gesellschaftlichen Stellenwert stets im Medium der Kunst nicht selbst unterminiert, sondern reflektiert.

Die Ambivalenz zwischen der Autonomie von Kunst und Kultur auf der einen Seite und ihrer Bezogenheit auf den Staat aufgrund von Förderung und Institutionalisierung auf der anderen bestimmte die kulturpolitischen und -kritischen Debatten der ersten Moderne: Seit der industriellen Revolution machten es sich Kulturkritiker zur Aufgabe, die Freiheit des Individuums gegenüber der Masse, der Bürokratie oder dem Staat zu verteidigen. In den siebziger Jahren wurde schließlich eine Öffnung des Kulturbegriffs erreicht, der nun nicht nur „Kultur für alle“ propagierte, sondern sogar „Kultur von allen“. [Fn8]

Durch pädagogische Ansätze der Kulturvermittlung, die Verlängerung der Theaterbühne ins Leben, soziokulturelle Einrichtungen und Selbstverwirklichungskurse wurde der Bildungsbürger von seinem privilegierten Sessel gedrängt und Jedermann erhielt nicht nur Zutritt, sondern sollte auch Zugang zu sinnstiftendem Mehrwert bekommen. Ästhetische Bildung blieb nicht einer Elite vorbehalten und die hohen ästhetischen Kategorien des Wahren, Schönen und Guten öffneten sich jetzt auch der Alltagskunst. Damit rückte eigene Erfahrung in den Fokus. Solange die nationalstaatlichen Institutionen nicht wegzudenken waren, galt es, die Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums zu schützen und zu erweitern.

Dass die Verfahren und Spezialisten – oder wahlweise die Bürokratie und die Fachidioten – zur „Reduktion sozialer Komplexität“ [Fn9] beitragen, weil ihnen aufgrund ihrer Legitimität Vertrauen entgegengebracht wird, das den einzelnen von Entscheidungen entlastet, erschien zunächst als ein weniger schützenswertes Gut. Der erweiterte Kulturbegriff führte einerseits zur Pluralisierung, erhielt andererseits die Unterscheidung von Hoch- und Breiten- und Massenkultur durch institutionelle Trennung aufrecht.

Wenn wir diese Überlegungen auf die Bibliotheken anwenden, so zeigen sich Parallelen zum Museumsbereich. Auch in den Wissenschaften ist es eine späte Einsicht, dass Bibliotheken als regulativer Bestandteil der wissenschaftlichen Kommunikation geschützt werden müssen. In der Vormoderne häufig auf Initiative einer Person gegründet und aufrechterhalten, entschied diese lange Zeit autark über die Inhalte, die sie sammelte, erschloss und wem sie diese zur Verfügung stellte. Ihre Deutungshoheit ergab sich aus der mangelnden Konkurrenz; was sich nicht in der Bibliothek wiederfand, verschwand sehr rasch. Nur so lässt sich der mediale Aufschrei und die große öffentliche Anteilnahme nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek erklären, ist ihr Bestand doch von der Tätigkeit Goethes geprägt und für den Zeitabschnitt der Weimarer Klassik einzigartig. Ein solches Verständnis bibliothekarischer Tätigkeit, dessen Autorität und Originalität der wiedererbaute Rokokosaal repräsentiert, wäre allerdings für die moderne Wissenschaftskommunikation fatal.

Das auf Objektivität und Neutralität zielende implizite Regelfolgen innerhalb der modernen Wissenschaft erfordert Bibliotheken, die ebendiese Kriterien beachten. Nicht ohne Grund sah Merton [Fn10] in der arbeitsteiligen Wissenschaft, in der jeder relevante Beitrag referenziert wird, ein Musterbeispiel für moderne Demokratien. Erst die Professionalisierung der Wissenschaften definiert die internen Regeln und Strukturen, in denen Forscher arbeiten. Ebenso bestimmt sie das Verhältnis zur Gesellschaft, wenn sie anerkannte Repräsentanten auserwählt, die die wissenschaftliche Gemeinschaft gesamtgesellschaftlich vertritt. Zwar stratifiziert sich die wissenschaftliche Gemeinschaft im Zuge ihrer Professionalisierung, sie fand aber innerhalb des Systems Mechanismen wie die Mehrautorenschaft, um Anerkennung innerhalb dieser Gemeinschaft zu erlangen und aufrechtzuerhalten.[Fn11] Paradoxerweise führte jedoch die Explizierung der Verpflichtung zu Objektivität und Neutralität sowie ihren Verfahren, um Anerkennung und Zugang zu Ressourcen zu erhalten, zu einem Angriff auf die der Wissenschaftsgemeinschaft innewohnende institutionalisierte Arbeitsteilung. „Die Gemeinschaft hatte den einzelnen fest im Griff, solange ihr nicht bewußt war, dass sie eine Gemeinschaft ist.“[Fn12] Analog zu kulturkritischen Debatten, welche die mangelnden Zugangsbedingungen für Mitglieder bestimmter sozialer Klassen thematisierte, sah Gilbert [Fn13] die wissenschaftliche Erkenntnis durch politische und finanzielle Einflussnahme sowie rhetorische List als sozial zementiert an. Wissenschaftler würden nicht für das, was sie sagen, sondern für das, was sie sind, zitiert. Solange ein jeder auf seine Funktion festgelegt sei, wäre individuelle Entfaltung und Entsublimierung nicht möglich.

In der Tat sind die Funktionslosen heute die Unersetzlichen, jedoch nicht als Folge einer Überwindung des Kapitalismus, sondern das Ersetzbare ist heute unersetzlich geworden, weil es der Verwertungslogik des Marktes entspricht.

„Die konsumorientierte Ökonomie lebt vom Austausch von Waren, sie boomt, wenn mehr Geld den Besitzer wechselt. Das geschieht auch dann, wenn Produkte auf dem Müll wandern.“ [Fn14] Wer mit ihrer Schnelllebigkeit nicht mithalten kann oder möchte, findet sich schnell an der Peripherie des globalen Wachstums wieder. In der Tendenz wären die besonders arbeitsteiligen Wissenschaften Teil des Verwertungsparadigmas, weil sie die Ergebnisse aus ihrer Gruppe protokollarisch dokumentieren und schnell publizieren. Zwar finden die Naturwissenschaften innerhalb ihrer ausdifferenzierten Arbeitsumgebung ihre Berechtigung. Ihre Schnelligkeit wird allerdings zur Falle für die Geisteswissenschaften, wenn nicht mehr Repräsentanten aus der Wissenschaftsgemeinschaft politisch intervenieren.

In der Diskussion um Open Access verwischen die vormals klaren Grenzlinien zwischen empirischen und argumentativen Wissenschaften. Die Wissenschaftspolitik tritt an die Geisteswissenschaften mit dem Wunsch heran, sie müssten ebenfalls so schnell schreiben und kollaborativ arbeiten. Der vormals geschützt autonom arbeitende Gelehrte erfährt in der „geschwindigkeitsgläubigen Konsumgesellschaft“ Ablehnung. Die Auseinandersetzung mit seinen in ausführlicher Abgewogenheit dargestellten Erkenntnissen wird angesichts der dafür notwendigen Rezeptionszeit, mit der es ökonomisch umzugehen gilt, offen und z.T. mit Applaus als Zumutung stigmatisiert. Man möchte doch bitte schön auf den Punkt kommen und wenn man dies nicht kann, schweigen. In der Folge dient in der allgemeinen Wahrnehmung nicht mehr das Argument sondern das Feuilleton als Maßstab für zeitgemäße Geisteswissenschaft.

Die Garantie der freien Forschung, Solidarität und Gemeinsinn zerfallen, wenn nach Arnold Gehlen die Führungsidee der Institutionen mit ihren selbst auferlegten Regeln, „in denen sich unsere individuellen Bedürfnisse mit den allgemeinen, sachlichen Notwendigkeiten verschränken, die das Dasein der Gesellschaft entwickelt“ [Fn15], abgelehnt wird. Ohne Institutionen fehlt es an Adressaten der Analyse und Kritik. Vormals als eine Einheit gedacht, driften nun Gemeinsinn und Individuum zugunsten einer konsumorientierten Ökonomie auseinander.

Die historische Bedeutung von differenzierten Funktionssystemen tritt erst mit ihrer Erosion in ihrer vollen Dimension hervor. Die neue gesellschaftliche Relevanz von Informations- und Kommunikationstechnologien führt wider Erwarten jedoch nicht zu einer neuen Form gesellschaftlicher Teilhabe, sondern stellt sich als Teil des Problems der Entdifferenzierung heraus.

Partizipation – „Jack of all trades – master of none“

Um Analyse und Kritik gesellschaftlicher Fehlentwicklung zu ermöglichen, bedarf es der Institution. Indem Museen und Bibliotheken auch diejenigen Inhalte sammeln, erschließen und verfügbar machen, die abseits der allgemeinen Aufmerksamkeit veröffentlicht werden, sind sie Orte unwahrscheinlicher Kommunikation in einer ausdifferenzierten Gesellschaft.

Preiswerte und intuitiv zu bedienende Informations- und Kommunikationstechnologien emanzipieren scheinbar die Masse von der Vermittlungsaufgabe der Bibliotheken und Museen. Ebenso wie sie es zulassen, weltweite Freundschaften über soziale Netzwerke aufzubauen und zu pflegen, damit global an verschiedenen Orten gleichzeitig zu agieren, verschwinden auch Hürden, eigene Inhalte zu erstellen sowie für sich selbst Sammlungen anzulegen und aufrechtzuerhalten. Web 2.0 Anwendungen gestatten im Bibliotheks- und Museumsbereich den sozialen Rollentausch: jeder kann, jeder soll partizipieren und sich dadurch den unvermittelten Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe sichern.

Als positives Kernelement des Web 2.0 wird die Partizipation des Individuums betont. Kommunikationstheoretisch bedeutet dies, dass derjenige, der sich nicht beteiligen kann oder sich der Partizipation bewusst entzieht, der also in der Bibliothek auf seine klassische Rolle als Benutzer besteht und im Museum weiterhin nur Besucher sein möchte, als Adressat dieser Web 2.0-vermittelten Kommunikation nicht in Frage kommt.

Ein erstes Argument für den Einsatz von Web 2.0 Technologien lautete, dass sie Herstellung und Rezeption ermöglichen und damit die klassische Verwertungslogik des Kunst- und Wissenschaftsmarktes aushebele.[Fn16] Jedoch verlängert „user generated content“ einzig die Verwertungspraxis des globalen Marktes, weil die Bedingungen für die Herstellung, Distribution und Rezeption unverändert sind, dank Web 2.0 Anwendungen gleichwohl aber individualisiert werden. Sie bleibt die Fortsetzung des Marktes mit anderen, schicker designten Mitteln.

Der Gebrauch von Web 2.0 Anwendungen negiert somit nicht klassische Verwertungslogiken, die sich auch im Alltag fortsetzen, sondern hängt parasitär von der wirtschaftlichen Situation seiner Benutzer ab, die ihnen erst die Partizipation, also die Übernahme vormals bezahlter Aufgaben ermöglicht. Der Benutzer sammelt, erschließt und stellt in der Bibliothek 2.0 bibliografische Informationen und Dokumente zur Verfügung, bevorzugt bei der Lufthansa den Online-Kauf, um zusätzliche Reisebürogebühren zu umgehen, verbucht seine Waren am Self Service Cashing System und gestaltet sich seine eigenen Briefmarken. Dienstleistungen, die vormals die Domäne einer Profession waren, übernimmt der Kunde freiwillig und zahlt noch gerne dafür. Es ist ein wenig wie die Rückkehr der Puppenstube, der Modelleisenbahn, des miniaturisierten Kaufmannsladen: Man spielt die Profession nach und jeder probiert sich einmal selbst aus. Nur bleibt die Wirkung dieses Auslebens einer kindlichen, lebenslangen Neugier nicht in den Wänden des Kinderzimmers oder Hobbykellers, sondern greift mit einem stolzen Anspruch der Omnikompetenz in die konkreten institutionellen Bereiche ein, so dass sich die Balken biegen und die Schalter schließen. Der Kunde, der sich selbst berät, die Waren selbst in den Wagen legt und ins Auto packt, ist für den Warenhausbesitzer günstiger als der, der auf die Kompetenz eines Fachmanns zurückgreifen möchte. Da sich jeder als Fachmann in allem wähnt, die notwendigen Qualifikationsschritte zur Profession dabei frech ignorierend („Mach Dein Ding!“) und vermeintlich dabei auch noch in die eigene Tasche spart („Geiz ist geil!“), erscheint der Trend sogar weit gehend erwünscht. Ein ausdifferenziertes und elaboriertes Institutionengefüge wird zugunsten eines undifferenzierten Do-It-Yourself-Trugbilds ausgehebelt. Selbstgenerierte Inhalte und damit Werte sind somit ein Phänomen auch außerhalb der Web 2.0 Anwendungen, von denen in seltensten Fällen derjenige profitiert, der die hervorgebracht hat.

Gerade deshalb bleibt „user generated content“ fest verwurzelt in Marktmechanismen, egal ob dieser für gemeinnützige oder kommerzielle Zwecke hergestellt wird [Fn17]. Um es ganz simpel auszudrücken: Nicht jeder besitzt die ökonomische Basis, um an Inhalten mitzuwirken und diese der Bibliothek und den Museen für ihre gemeinnützigen Zwecke zur Verfügung zu stellen. Wenn Björk ihre Fans auffordert, einen Video-Clip für ihre neue Single einzureichen, ist dies mehr die Demütigung jedes professionellen Filmemachers, als Anerkennung für all diejenigen, deren Video zumindest auf Björks Webpage gezeigt wird.

Ein weiteres Argument für Web 2.0 Technologien im Bibliotheks- und Museumsbereich ist, dass sie die Einbindung von Individuen in institutionelle Entscheidungsprozesse ermöglichen. Was allerdings auf den ersten Blick wie eine neue Kultur der Teilhabe erscheint, dekonstruiert letztendlich die Autorität der Bibliothek bzw. des Museums. Die Totalität der Web 2.0 Anwendungen, die erst dann funktionieren, wenn sie tatsächlich benutzt werden, also darauf angewiesen sind, neue soziale Gruppen einzubeziehen, konfligiert mit der faktischen Situation, dass breite Bevölkerungsschichten sich diesem Inklusionsanspruch verweigern.[Fn18] Beruhten Kooperationen im Bibliotheks- und Museumsbereich zuvor idealtypisch auf schriftlichen Vereinbarungen, die ihren Rahmen definierten, so erfolgt die Arbeitsteilung mithilfe von Web 2.0 Anwendungen nur für den vermeintlichen Zweck, die Durchdringung der Gesellschaft mit Informations- und Kommunikationstechnologie zu beantworten.

Zusätzlich sind Web 2.0 Anwendungen weitaus abhängiger von der Partizipation ihrer Nutzer als die Bibliothek oder das Museum. Das Individuum, welches nicht fähig oder bereit ist, seine soziale Rolle zugunsten einer immer währenden Bereitschaft aufzugeben, vormals festgelegte Aufgaben zu übernehmen, stellt eine Gefahr dar. Dieser spezifische Partizipationszwang war nicht Teil der Bibliotheks- und Museumsarbeit der Ersten Moderne.

Ihr gesamtgesellschaftlicher Auftrag war und ist es weiterhin, unwahrscheinliche Kommunikationen sicherzustellen, etwa Inhalte zu sammeln, zu erschließen und verfügbar zu machen, die möglicherweise erst in Jahren und dann vielleicht nur von einer Person nachgefragt werden. Somit unterscheidet sich der normative Gehalt des Web 2.0 von denen der Bibliothek und des Museums, weil der in der Web 2.0 Technologie immanente Partizipationszwang eine Kultur der Aufmerksamkeit schafft, die institutionell nicht abgesichert ist.

Dieser Partizipationsdrang scheint zum allgemeinen Trend zu werden, auch außerhalb des Web 2.0. So ist zu beobachten, dass Ausstellungen in den vergangenen Jahren zu einer Erfolgsshow werden konnten, wenn sie einen Common sense dessen, was als Bildungs- und Genussgut erachtet wird, präsentieren und mit entsprechenden Marketingstrategien verkauften. Als Pauschalreise zu buchen, zierte ein solcher Ausstellungsbesuch jeden mit dem Gütesiegel des Dabeigewesenen. Zwischen schwitzenden Massen an den Juwelen des Museum of Modern Art, an den schönsten Franzosen oder dem Propheten Goya vorbei geschoben zu werden, eröffnet allerdings kaum die Möglichkeit, sich der beschworenen Aura des Originals auszusetzen. Das Event drängt sich vor die Kunst:

Auch in Paris wird die Betrachtung der Mona Lisa nicht als Teilhabe an „Glück und Zivilisation“ verstanden, sondern vielmehr als Ausweis der eigenen Person als glückliche und zivilisierte, der dokumentiert werden muss. Das Foto von mir vor der Mona Lisa, auch wenn ich keinen Blick auf sie verschwendet habe, wird exportiert rund um die Welt und dient mir als Attribut meiner Person, das zwischen weiteren Tausenden archiviert, verschickt, veröffentlicht werden kann. Kunst ist hier nicht mehr funktionslos oder ein Mehrwert, sondern bekommt einen Marktwert mit inflationärem Kurs. Neben anderen kulturellen Artefakten und Zeugnissen gehört Kunst ins kollektive Gedächtnis, das in flüchtigen Zeiten nicht mehr nach Qualität unterscheidet, sondern nach Maßstäben der Quantität akkumuliert. „Archive produzieren, lautet der Imperativ unserer Zeit“, stellt der Historiker Nora fest. Auch wenn man nicht genau wisse, wofür, so herrsche eine „Gedächtnispflicht“, die „jeden zum Historiker seiner selbst“ mache. [Fn19]Der Besucher verharrt nun nicht mehr in Kontemplation vor dem Kunstwerk und wartet, ob es wohl mit ihm etwas „macht“. Er ist im Gegenteil seines eigenen Glückes Schmied, indem er das Werk aktiv in seine Gedächtnisdatenbank einpflegt: Hier ist das Foto von der Mona Lisa als Dokument der Teilhabe wichtiger als das Werk selbst.

Das Objekt, originärer Gegenstand der Museologie, tritt zurück, weil es in der Masse der Ereignisse nivelliert und seinem Ursprungskontext entnommen, keine sinnstiftende Rekontextualisierung in der Ausstellung erfährt. Wird das Exponat nicht in den Zusammenhang eines übergeordneten Narrativs eingeordnet und also interpretiert, so dass es unsere Welt- und Kulturerfahrung reflektiert und anregt, wird es reduziert auf seinen aktuellen Aufmerksamkeitswert als Superlativ eines Zu-Sehenden und Imperativ eines Zu-Kennenden. Das Kunstwerk mutiert vom kulturellen Träger zum Eventträger, von der Information zum puren „Sich-Ereignen“.[Fn20] Anhäufung ist jedoch von systematisierender und also interpretierender Archivierung und Exponierung zu unterscheiden, wie die Müllhalde von der Kultur. Die Addition bloßer „Ereignisse“, die per Marketingstrategie mitgeteilt werden und per Besucherzahlen beantwortet, stellt keine kulturelle Kommunikation dar. Wenn in vorherigen Jahrhunderten Kulturgüter der Person noch ein gewisses gesellschaftliches Gewicht verleihen konnten, so wird aus der wertvollen Fracht heute ein lästiger Ballast, der die eigene Mobilität behindert.[Fn21]

Das Web bietet eine Plattform vollends nivellierter „Bild-Ereignisse“ – bewusst ist in diesem Zusammenhang nicht von Information zu sprechen, solange die Ereignisse nicht als systemrelevant verarbeitet werden. Der in seinem Ursprungskontext sozial verankerte Bildkörper wird seiner Funktion enthoben und im Raum der Zweidimensionalität beliebig rekontextualisiert. [Fn22] Welche neue Funktion erfüllt das digitalisierte Andachtsbild aus einer mittelalterlichen Kirche in einem tausende Kilometer entfernten Ort, wenn es auf dem Bildschirm erscheint? Vom User fordert die Rekontextualisierung dieses Materials eine ungleich höhere Abstraktionsleistung, die er aufgrund eigener Fragestellungen und Narrative bewältigen muss. Er ist nicht nur aufgefordert, zu partizipieren, sondern auch Aufgaben, die vormals ins Feld nationaler Repräsentation gehörten, zu bewältigen: „Goethe, Schiller und jetzt auch Sie – entwerfen Sie ihre eigene Marke“ wirbt die Deutsche Post um jeden Kunden, der als Mensch „einzigartig und etwas Besonderes“ ist.

Diese Nivellierungspraxis eröffnet nicht nur jedem die Möglichkeit „Ganz exklusiv und lebendig“ an der globalen Repräsentation teilzuhaben, sondern liefert auch Produkte der internationalen Kulturindustrie frei Haus. Privat und öffentlich werden zu Gunsten des weltweit freien Zugangs nicht mehr geschieden, selbst dann wenn es sich um Dokumente sensibler zeitgeschichtlicher Themen handelt: Das größte Zeugnisprojekt aller Zeiten, die „Survivors of the Shoah Visual History Foundation“, die Steven Spielberg nach dem Erfolg von „Schindlers Liste“ als Videoprojekt gegründet hatte und in der bis zum Ende des Jahres 2001 über 200.000 Videokassetten in 26 Sprachen aus 36 Ländern zusammengestellt wurden, führt nicht nur zur äußersten Universalisierung der Holocaust-Erinnerung, sondern zudem den Zeitzeugen aus dem Bereich der Wissenschaft in das Wohnzimmer. [Fn23] Diese Form der Popularisierung birgt eine Tendenz der Trivialisierung und wirft die Frage nach dem Wert von Authentizität in einem neuen Kontext, der nicht mehr bloß die Aura von kulturellem Gut, sondern auch die wissenschaftliche Verwertbarkeit historischer Quellen betrifft, auf.

War die Schwelle zur Kultur bisher durch Bildung und soziale Herkunft, topographische Grenzen und institutionelle Bereiche erhöht, sieht sich der User heute mit Myriaden von potentiellen Quellen und Ressourcen konfrontiert. Diese zu erschließen, systematisch zusammenzustellen und zu interpretieren, erleichtert ihm keine auf Kulturgüterabkommen beruhende und etwaige Restitutionsansprüche berücksichtigende Institution mehr, die Weltkulturerbe klar von Jugendkultur, Triviales und Fiktionales vom Dokument scheidet.

Die instrumentelle Vernunft, wie sie in liberalen, demokratischen Gesellschaften explizit ist, verpflichtet das Handeln des Bürgers auf ein gemeinsames Ganzes, sei es die Nation oder die globale Zivilgesellschaft. Die funktionale Beschreibung normativen Handelns setzt aber ein nicht statisches, sondern ein prozesshaft zu erreichendes, ein ewiges Ziel voraus, dessen Annäherung als kontinuierliche Fortschrittsgeschichte verstanden wird. Partizipationswahn und der damit einhergehenden Nivellierung von Inhalten löst Ewigkeit zugunsten Beliebigkeit auf. Wir sind aus einer Kultur der Dauer, des Lernens und des Erinnerns in eine Kultur des Vergessens und der Vergänglichkeit geraten.[Fn24] Die Kosten für ein Leben wie Hans Dampf in allen Gassen sind hoch – für diejenigen, die daran teilhaben genauso wie für diejenigen, die davon ausgeschlossen bleiben.

Exklusion – Hanswurst

Die Zweite Moderne führt zur Revision bisheriger soziologischer Kategorien. Im Zentrum steht dabei die Debatte um das deskriptive Vermögen des Begriffspaars Inklusion/Exklusion. Ungeachtet der Frage, ob diese Kategorisierung das notwendige Instrumentarium für die Analyse der vielfältigen Transformationen bereitstellt, stehen beide zunächst in einem dialektischen Verhältnis, „von Inklusion kann man nur sprechen, wenn es Exklusion gibt.“ [Fn25]

"Hans Dampf in allen Gassen" als Synonym für Leistungsindividualisten referiert heutzutage nicht mehr nur auf einzelne Personen, sondern auf eine diffuse Menge an Menschen, deren Kathedralen Abflughallen, Recruiting-Messen und Home-Offices sind. Sie zahlen mit ihrem Low-Fat-Körperfetischismus, der sich in Fitness-Centern, Kochstudios und Yoga-Seminaren austobt. Diese Entwicklung ist eine weitere Antwort der zurückgedrängten Individuen, um in der Masse konkurrenzfähig und verwertbar zu bleiben.

„Je größer die Freiheit des einzelnen ist, desto weniger Einfluss hat er auf die Welt. Je mehr Wahlfreiheit man uns zugesteht, desto weniger kommt es auf unsere Entscheidungen an und desto weniger können wir das Spiel und die Spielregeln bestimmen“ [Fn26], stellt Bauman fest. Die Suggestion von Teilhabe am öffentlichen Leben entpuppt sich als Illusion und macht denjenigen, der mediale Teilnahme fortschrittsoptimistisch für eine weitere Stufe zur Verwirklichung globaler Basisdemokratie hält, zum Hanswurst globaler Marktdynamik. Der User verbannt sich selbst aus den Sphären der politischen Öffentlichkeit, die sozialen Ausgleich und politische Teilhabe sichern sollten, und trägt somit zur freiwillig Abschaffung seiner eigenen Existenzgrundlage bei, welche die funktional differenzierte Gesellschaft war.

Selbstverständlich war auch die Erste Moderne geprägt von sozialer Schichtung. In der Zweiten Moderne gibt es jedoch nicht mehr „fünf Prozent Deklassierte oder Verachtete, die die Sozialstrukturanalyse immer schon als Bodensatz von Herausgefallenen und Übriggebliebenen angesetzt hatte, sondern eine unübersichtliche Gruppe von 'vereinzelten Einzelnen', die über Eigenschaften, Gefühle und Fähigkeiten verfügen, die unbrauchbar und unhantierbar geworden sind". [Fn27] Die vermeintliche Individualisierung als Folge des Abbaus des Funktionsgefüges hat Konsequenzen für unser alltägliches Leben, was besonders im Fernsehen beobachtbar ist:

Eine neue gesellschaftliche Schicht, normativ die „Überflüssigen“ genannt [Fn28], die von den Kameras ignoriert werden und also in der Mediengesellschaft nicht vorkommen, sind vom freien Zugang zu den Kommunikationsmöglichkeiten ausgeschlossen. Sie fristen ein Dasein in Flüchtlingslagern, in Altenheimen oder vor dem Fernseher. Es ist die Angst vor der eigenen Überflüssigkeit, die Menschen dazu bringt, ihr soziales Elend medial zu exponieren. Es ist nicht mehr das Jugendamt, welches überforderte Eltern unterstützt, sondern heute kommt die Nanny zu den besonders Verzweifelten. Ihnen ist Verachtung gewiss, genauso wie denjenigen in der Blogosphäre, die es zu Publikationen außerhalb ihres Blogs nicht schaffen. Es geht darum, sich ständig zu vergewissern, dass man weiterhin zu den Brauchbaren gehört. Ob mein Look immer noch angemessen ist, lasse ich der Community von I Like my Style bewerten, ob ich interessant bin, entscheidet die Freundesanzahl auf Myspace und Facebook. Die Angst, ebenfalls zum Abfall zu gehören, ist somit nicht nur bei den üblichen Verdächtigen am sozialen Bodensatz erkennbar.

Die Totalisierung der Ökonomie zum Primat der Gesellschaft relativiert alle in ihr enthaltenen Elemente und damit auch das Individuum selbst. Einzig durch die wirksame und wahrnehmbare Teilhabe, die Dauerpräsenz in den Netzwerken und das permanenten Beweisen eigener Befähigung erhält man seinen Status. Nichtsichtbarkeit muss man sich leisten können. Ist man aber auf den Fließbanddienst der Aufmerksamkeitsmärkte angewiesen, bleibt nur der Kommunikations- und Partizipationszwang im Schichtsystem. Da diese Sozialfabrik global ist, schwindet die Bedeutung etwa von Tageszeiten zunehmend aus dem Alltag. Um hier Komplexität zu reduzieren, verzichtet der virtuelle Weltbürger mit internationalen Kontakten letztlich auch auf kulturellen Eigenheiten, wie seine Muttersprache, und beschränkt seine Ausdrucksmittel auf die Effektivität des Verkehrsenglisch.

Dieses Kommunikationskarussell reitend ist der Teil der Gesellschaft, den man ehemals als Mittelschicht bezeichnete, nicht mehr in der Lage, den Reiz der Fahrt zu genießen, sondern dauerhaft mit der Angst beschäftigt, aus der Rotation zu stürzen und das Aufspringen nicht mehr zu schaffen. Die Furcht, zu den Überflüssigen, deren Lebenswelt medial klar und deutlich stigmatisiert ,zu gehören, permanent dem Rest der Gesellschaft als Bild der Verdammnis vorgehalten wird, geschleudert zu werden, ist die eigentliche Flieh- und Triebkraft, die derart lähmt, dass jede Vorstellung einer Alternative von vornherein unmöglich ist.

Der Terminus der „Überflüssigen“ stellt sich jedoch als gefährlich heraus, wie Heinz Steinert[Fn29] in seiner "Diagnostik der Überflüssigen" darstellt: Gewinner sprechen über Verlierer und berauben sie damit der Kommunikationsmöglichkeiten. Durch die normative Zuschreibung wird eine gesellschaftlich geläufige Problematisierung und somit den Anschluss an bisherige theoretische und administrative Interventionsstrategien vermieden. Er zielt auf einen öffentlichen Tabubruch, für den Harald Schmidts Rede vom Unterschichtenfernsehen das populärste Beispiel ist. Dieser Bruch findet sich nachträglich besonders von der Neuen Rechten missbraucht, um Marginalisierte von den Brauchbaren abzugrenzen. Zwar suggeriert die Kategorie der „Überflüssigen“ eine gewisse Mächtigkeit für die objektive und gesamtfunktionale Analyse gesellschaftlicher Missstände. Dennoch steht, weil sie ihren Forschungsgegenstand personalisiert und als Mitglied bzw. Nichtmitglied einer ökonomisierten Gesellschaft begreift, nur der Betroffene in seiner Beschäftigungsfähigkeit im Vordergrund ."Wir kommen gar nicht in Versuchung, darüber nachzudenken, mit wem wir uns anlegen müssen, der andere überflüssig macht, sondern haben die Träger eines Merkmals 'Überflüssigkeit' vor uns, an die wir uns halten können." [Fn30] Für eine politische Ökonomie taugt der Begriff somit nicht, weil in ihm kein kritisches Potential innewohnt, sondern nur Bestehendes zugunsten einer Elite restituiert wird.

Fazit

Überlieferung, soziale Integration und Bildung bleiben für Bibliotheken und Museen aktuell. Scheinbare Individualität, Entdifferenzierung, allseitige Partizipation bei gleichzeitiger Stigmatisierung marginalisierter Menschen als Antwort der Zweiten Moderne können allerdings nicht die Kriterien und Standards sein, nach denen Bibliotheken und Museen ihre Arbeit ausrichten. Dennoch sind sie nicht zu revidierende Ausformungen der Zweiten Moderne, die bisher kein Regulativ gefunden haben.

Die Reflexion ihrer gesellschaftlichen Funktion, die in der Zweiten Moderne neu zu bestimmen ist, gehört aktuell zu ihren wichtigsten Aufgaben, weil sie sonst die Zivilisation zum Hanswurst machen würde.

[Fn 1] Herrmann Lessing, 1865, Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1. Leipzig 1867. Permalink: http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Dampf (zurück)

[Fn 2] Zur Zweiten Moderne vgl. „Edition Zweite Moderne“ hg. von Beck, Ulrich. Frankfurt/ Main ; zum Begriff der Flüchtigen Moderne vgl. Bauman, Zygmunt: Leben in der Flüchtigen Moderne. Frankfurt/ Main 2007. (zurück)

[Fn 3] Bauman 2007. S. 160. (zurück)

[Fn 4] Ebd. 120. (zurück)

[Fn 5] Weber, Max: Arten der legitimen Ordnung: Konvention und Recht. In: ders.: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1972. S. 17. (zurück)

[Fn 6]
International Council of Museums: Ethics for Museums. Paris 2006.
http://icom.museum/code2006_eng.pdf , Zugriff 15.7.2008 (zurück)

[Fn 7] Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/ Main 2007. (zurück)

[Fn 8] Hofmann, Hilmar: Kultur für alle – Perspektiven und Modelle. Frankfurt/ Main 1981. (zurück)

[Fn 9] Luhmann, Niklas: Vertrauen – ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart 2000 .(zurück)

[Fn 10] Merton, R.K. (1942) "The Normative Structure of Science". In: R.K. Merton, The Sociology of Science: Theoretical and Empirical Investigations. Chicago, IL: University of Chicago Press, 1973. (zurück)

[Fn 11] Beaver, D. deB, & Rosen, R. (1978). Studies in scientific collaboration: Part I. The professional origins of scientific co-authorship. Scientometrics, 1 (1). S. 64-84. (zurück)

[Fn12] Bauman 2007. S. 155 (Hervorhebung vom Autor). (zurück)

[Fn 13] Gilbert. G. N. (1977). „Referencing as persuasion“, Social Studies of Science. 7, 113-122. (zurück)

[Fn 14] Baumann 2007. S. 163. (zurück)

[Fn 15] Gehlen, A. 1962. Der Mensch. Frankfurt/Main. S. 165. (zurück)

[Fn 16] Weibel, P. 2007. Das Museum im Zeitalter von Web 2.0. Aus Politik und Zeitgeschichte. 49 (2007)S. 3-6. (zurück)

[Fn 17] Scholz, T. 2008. Market Ideology and the Myths of Web 2.0. First Monday.13(3). Online unter: http://www.uic.edu/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/2138/1945 [Zugriff: 15.04.08] (zurück)

[Fn 18] Selwyn, N. 2006. Digital Divide or Digital Decision? A study of non-users and low-users of computers. Poetics. 34 (4-5). S. 273-292. (zurück)

[Fn 19] Nora, Pierre: Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt/ Main 1998. S. 24 f. (zurück)

[Fn 20] Informationen entstehen nach systemtheoretischer Auffassung zwischen Systemen, wenn Ereignisse aufgrund der Grenzen, die das jeweilige System definieren, gefiltert und als systemrelevante Information verarbeitet werden. Andernfalls spricht Luhmann von „sich ereignen“, das keine systemrelevante Information herstellt, solange sie nicht als solche interpretiert wird. Vgl. Luhmann, Niklas: Einführung in die Systemtheorie. Heidelberg 2002. (zurück)

[Fn 21] Vgl. Baumann 2007. S. 136. (zurück)

[Fn 22] Zum Begriff des Bildkörpers vgl. die anthropologische Bildwissenschaft v.a. Belting, Hans: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. München 2004; ders.: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. München 2002; ders., Dietmar Kamper, Martin Schulz (Hg.): Quel corps? Eine Frage der Repräsentation. München 2002. (zurück)

[Fn 23] Vgl. Levy, Daniel und Natan Sznaider: Erinnerung im globalen Zeitalter – Der Holocaust. Frankfurt/ Main 2001. S. 168 ff. (zurück)

[Fn 24] Baumann 2007. S. 191. (zurück)

[Fn 25] Luhmann, N. 1995. Inklusion und Exklusion. In: ders. Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Opladen. S. 237-264. S. 241. (zurück)

[Fn 26] Baumann 2007: 109. (zurück)

[Fn 27] Bude, H. & Willisch, A. 2008. Exklusion: Die Debatte über die „Überflüssigen“. Frankfurt/Main. S. 18. (zurück)

[Fn 28] Honneth, A. In: Bude, H. & Willisch, A. 2008. Exklusion: Die Debatte über die „Überflüssigen“. Frankfurt/Main. S. 49. (zurück)

[Fn 29] Steinert, H. Diagnostik der Überflüssigen. In: Bude, H. & Willisch, A. 2008. Exklusion: Die Debatte über die „Überflüssigen“. Frankfurt/Main. S. 110-120. (zurück)

[Fn 30] Ebd. S. 115 (zurück)