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Kiezbezogene Proteste für Bibliotheken 2007-2008. Eine Interview-Collage mit Michael Haufe, Tom Schweers und Peter Venus

Die in diesem Text zusammengefassten Interviews mit drei Aktiven, welche sich in verschiedenen Initiativen in Berlin für kleinere Bibliotheken eingesetzt hatten, bieten Einblicke in die grundsätzlichen Annahmen über gesellschaftliche und politische Entwicklungen und die Aufgaben von Bibliotheken, welche dieses Engagement motivierten. Gleichzeitig dokumentieren sie die sehr unterschiedlich verlaufenden Proteste aus der Sicht der Beteiligten. Für die bibliothekarische Debatte interessant sind zudem die impliziten und expliziten Anforderungen, die von den drei Engagierten an Bibliotheken formuliert werden. Sie konkretisieren selten thematisierte gesellschaftliche Aufgabenzuschreibungen an Stadtteilbibliotheken.


Zitiervorschlag
Karsten Schuldt, "Kiezbezogene Proteste für Bibliotheken 2007-2008. Eine Interview-Collage mit Michael Haufe, Tom Schweers und Peter Venus". LIBREAS. Library Ideas, 12 ().


Das heißt, wir sind einfach Bürger, ohne politischen Hintergrund, ohne
irgendwelche Parteizugehörigkeit, wir wollen im Grunde eine Bibliothek erhalten:
Was machen wir jetzt?[Tom Schweers]


Wer setzt sich unter welchen Voraussetzungen politisch für Öffentliche Bibliotheken ein?
Wie motiviert sich ein Protest gegen die Auflösung solcher Einrichtungen?
Welche Kenntnisse über die Situation und die Arbeitsweisen von Bibliotheken sind außerhalb der bibliothekarischen Diskussion bekannt?

Zur Jahreswende 2007/2008 standen in Berlin drei Öffentliche Bibliotheken vor der Schließung. Zu jeder dieser Bibliotheken bildete sich eine Initiative, welche versuchte, dies zu verhindern. Der folgende Text ist eine Collage aus drei Interviews mit Aktiven aus diesen Initiativen. Alle drei Gesprächspartner nahmen bei der Konstituierung und Fortführung der jeweiligen Initiative eine wichtige Rolle ein, auch wenn sie letztlich in den Interviews jeweils nur für sich selbst sprechen konnten. Michael Haufe engagierte sich hauptsächlich bei Jederzeit Musik für die Bibliothek im Eliashof, Peter Venus bei Pro Kiez für die Kurt-Tucholsky-Bibliothek und Tom Schweers für die Jerusalem Kinder- und Jugendbibliothek.[ Fn1]

Die Interviews wurden separat geführt, waren der jeweiligen Initiative angepasst und sind erst in dem hier vorliegenden Text zusammengefasst. Sie kreisten um vier zentrale Themenblöcke. Im ersten Block interessierte ich mich für den Ablauf der Proteste und die in ihnen gesammelten Erfahrungen. Im zweiten Block bat ich die Engagierten, die Schließungen der Proteste in einen gesellschaftlichen Rahmen einzuordnen. Dies erfolgte selbstverständlich immer vor dem Hintergrund der jeweils individuellen politischen Wahrnehmung. Gerade für die Frage, welche Menschen sich mit welchem Hintergrund aktiv für Bibliotheken einsetzen, waren diese Einschätzungen wertvoll. Dabei hatten alle drei Befragten eine politische Biographie. Der dritte Themenblock beschäftige sich mit dem Ehrenamt. Im Laufe der Proteste war dieses bei Jederzeit Musik und Pro Kiez kontrovers thematisiert worden, diese Debatten hatten eine großen Einfluss auf die Arbeit der jeweiligen Initiative. Die Wahrnehmung von den Aufgaben Öffentlicher Bibliotheken war das Thema des letzten Fragenblocks. Gerade diese Ansichten sind für die Frage nach möglichen bibliothekarischen Konsequenzen der Proteste interessant, da alle drei Engagierten keinen bibliothekarischen Hintergrund hatten, sich aber einige Monate lang intensiv mit konkreten Bibliotheken auseinander setzten. Auch wenn man die Frage stellen kann, wie repräsentativ die zu diesem Themenblock geäußerten Ansichten sind, liefern sie doch relevante Informationen darüber, wie Bibliotheken in der Gesellschaft wahrgenommen, welche Aufgaben ihnen zugeschrieben und unter welchen Gesichtspunkten sie bewertet werden. Insgesamt waren diese Wahrnehmungen, wie zu erwarten, positiv; dennoch gab es zwischen ihnen auffällige Unterschiede. Bei den Interviews ging es mir explizit nicht darum, bibliothekarische Vorstellungen zu bestätigen, sondern um Hinweise, die helfen können, die am Anfang des Textes gestellten Fragen zu beantworten.[Fn2]

Proteste

Im diesem Abschnitt werden die jeweiligen Proteste aus der Sicht der Engagierten
geschildert.

Jerusalem-Bibliothek

Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek): Mitbekommen habe ich etwas von der Schließung Ende Oktober 2007. Und zwar dadurch, dass meine Freundin mit unserer Tochter in der Bibliothek war. Wir hatten zuhause Bücher aussortiert und wollten die als Geschenk anbieten. Und da hieß es, 'wir können leider keine Bücher mehr annehmen, da wir schließen müssen.' Das war in der Öffentlichkeit noch nicht
bekannt.

Als die beiden von der Bücherei wieder kamen, habe ich gleich versucht, zu recherchieren und dann sofort ein Flugblatt entwickelt, das offensichtlich eine Schließung bevorsteht Am nächsten Tag habe ich mich dann direkt mit einem Vater eines Klassenkameraden meiner Tochter unterhalten, der in der Bildungspolitik aktiv ist, allerdings keiner Partei angehört. Der kennt sich so ein bisschen mit den ganzen Geschichten, wie Elternausschuss, Landeselternausschuss aus. Wir haben dann gleich Unterschriften gesammelt, sind in die Ausschüsse rein gegangen, haben uns erst mal gegen die Schließung ausgesprochen und versucht, Eltern für den Protest zu begeistern. Ich ging dann auch, gleich nachdem ich das erfahren hatte, in die Bibliothek, da wurde gerade erst eine öffentliche Bekanntmachung ausgehangen. Das heißt, es war alles sehr kurzfristig. Und da erfuhr ich, was man vorhat, was der Bibliotheksentwicklungsplan besagt und so weiter und so fort. Von diesen Dingen hatten wir als Normalbürger gar keine Ahnung und haben auch nie irgendwas davon mitbekommen. Wir waren nur entsetzt über diese bevorstehende Schließung. Es war dann sehr schnell klar, dass sich ganz viele Bürger darüber entrüstet haben, die davon auch nichts mitbekommen hatten und das gar nicht verstehen konnten, dass diese Bibliothek schließen soll. Die Unterschriftenlisten wurden dann in Windeseile von anderen kopiert und von Kinderläden, Kindergärten, von Schulen unterschrieben.

Ich hatte direkt zu Anfang auch eine Email-Adresse eingerichtet. Das war ein guter Kommunikationsmagnet. Es meldeten sich über diese Mail-Adresse, die auf den
Flugblättern stand, andere Eltern. Einer meinte, das gibt es doch gar nicht, wir gehen
da regelmäßig hin und ich richte mal eine Internetseite ein. Das hieß dann, da hat ein
Vater sich um die Internetseite gekümmert. Ein anderer hatte sich gemeldet: Ja, Herr Schweers, wir wollen mitmachen. Das Flugblatt, das sie da entworfen haben, haben sie das schon auf Türkisch? Wenn nicht, dann setze ich mich mit einem anderen türkischen Vater hin. Innerhalb von drei Tagen gab es das auf Türkisch. Also das ging ganz schnell. Das machte schnell die Runde. Es war wirklich ein Schneeballsystem.

Durch die Internetseite hatten wir dann ein sehr starkes Instrument in der Hand, um die interessierten Bürger wirklich umfassend unter verschiedenen Aspekten zu informieren: Was ist geplant? Wie ist der Stand jetzt? Vorteile und Nachteile. Wer macht überhaupt mit? Es gibt da die Unterstützerrubrik, da konnten viele nachlesen, wie sich das langsam ausweitete. Zu den eifrigsten Lesern gehörten ja auch unsere Gegner, in diesem Fall das Amt für Bibliotheken und Kultur, respektive die Stadträtin.
Mir war schnell klar, dass man das sofort öffentlich machen muss. Insofern habe ich die lokale Presse informiert. Da kam sehr schnell was zustande mit der Berliner Woche und dem Berliner Abendblatt. Die meldeten das sofort und fanden das toll, dass wir dann eine Initiative gegründet haben und es gab dann sofort jeweils ein Interview und einen Fototermin. Reagiert hat noch das Kulturradio des RBB. Die brachten immerhin einen sieben- oder acht Minuten-Beitrag und haben sich auch in der Anmoderation sehr kritisch gegenüber dieser Schließungsgeschichte geäußert. Das war sehr erfolgreich und hatte vor allem eine Katalysatorwirkung, weil andere, die davon nichts wussten, aber Kulturradio hören, dann hellhörig wurden und in der Bibliothek anriefen, was denn da jetzt Sache sei. Das war ganz wichtig. Die größeren Medien haben nicht reagiert. Aber uns hat das alleine schon einen ziemlichen Schub verschafft.

Karsten Schuldt: Kannst du vielleicht eure Demonstration schildern? Du warst ja sehr
engagiert damals. Hast du etwas Positives daraus gezogen oder was Negatives?

Tom Schweers: Ich finde die Demo hatte im Grund einen Zweck: für mediale Aufmerksamkeit zu sorgen und gleichzeitig den Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich zu beteiligen und zwar: Hey, das und das finden wir nicht gut. Es wäre sicherlich schöner gewesen, wenn mehr Leute auf die Straße gegangen wären. Das ist immer schwer zu terminieren. Aber immerhin waren viele Kinder dabei, viele Eltern, vielleicht 300 Leute insgesamt. Die ganze Straße war abgesperrt. Es war also auch weithin für Nicht-Beteiligte sichtbar. Ich denke, es ist wichtig, auch für Bürger, die sich nicht beteiligt haben, die vielleicht an den Fenstern saßen und geschaut haben, zu sehen: Hey, wir leben hier nicht in einem toten Kiez, wo schon alles verloren ist, sondern es gibt hier Bürger, die kämpfen für ihre Einrichtungen. Und das ist sicherlich ein wichtiges Zeichen, was eher unterschwellig wirkt.

Karsten Schuldt: Und hat sich während der ganzen Auseinandersetzungen, die immerhin
einige Monate gingen, das Ziel eurer Initiative geändert?

Tom Schweers: Mein Ziel hat sich eigentlich nie geändert. Und mein Ziel war von vornherein, die Bibliothek bleibt da, wo sie ist. Punkt. Und zwar gibt es dafür stichhaltige Gründe. Noch mal Punkt. Das war eigentlich klar: der Laden muss da bleiben. Völlig unabhängig davon, was dort am Luisenbad ist.[Fn3] Ob man da eine Kinderabteilung macht oder nicht. Ich hab ja nichts dagegen gehabt, dass so was aufgebaut wird. Aber eben nicht mit der Erscheinung, dass man auf der anderen Seite was wegnimmt.

Kurt-Tucholsky-Bibliothek

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Also, Ende November wurde bekannt, dass diese Bibliothek geschlossen werden soll. Das ist eine Stadtteilbibliothek und eine Kinderbibliothek, wo unheimlich viel passiert ist. Die hat einen sehr hohen Ausleihstand. Die ist im Bötzowviertel eine wichtige kulturelle Einrichtung. Vor allem für Kinder, weil da ist ja auch die Kinderbibliothek dabei gewesen ist, Leseförderung, da gab es Veranstaltungen und so weiter. Ein hohes Maß an elektronischen Medien. Einen Medienbestand von über 34.000. Also keine ganz kleine Bibliothek, aber halt doch spezialisiert. Ich war da ja ständig, einmal die Woche und hab immer was gefunden. Es war richtig ein Mittelpunkt, kann man sagen, im Bötzowviertel. Da gibt es nämlich sonst keine kulturelle Einrichtung. Und das Bötzowviertel ist ja, traditionell schon zu DDR-Zeiten ein Viertel gewesen, wo viele Künstler wohnen, Autoren, das vom Bildungsstand her überdurchschnittlich ist. Deshalb war die Bibliothek auch immer sehr angenommen und war auch sehr wichtig. Es sickerte durch, dass geschlossen werden soll. Daraufhin gab es eine Bürgerversammlung. Und auf der Bürgerversammlung wurde besprochen, ja was machen wir jetzt? Und da waren bestimmt 70, 80, 90 Leute, also auf einem Schlag.

Karsten Schuldt: Weißt du, wer die einberufen hat?

Peter Venus: Die Betroffenenvertretung. Und aus der Bürgerversammlung gründete sich dann eine Bürgerinitiative. Wir haben beratschlagt, was kann man denn jetzt machen? Erst mal: Warum wird überhaupt zu gemacht? Das ist nämlich wichtig. Warum hat die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschlossen, diese Bibliothek und die Bibliothek im Eliashof zu schließen? Das hat der Stadtbezirk nicht deswegen gemacht, weil er meint, er hätte zu viele Bibliotheken, sondern es liegt an dem Zuweisungsmodell des Senats an die Bezirke. Dass Berlin überschuldet ist, das wissen wir alle. Und der Finanzsenator sagt dann, hallo Bezirk, du hast so und so viele Stellen einzusparen. Das waren elf. Also, was macht jetzt so ein Bezirk, wenn der Finanzsenator sagt, du hast elf Stellen einzustreichen? Wo streicht er? Es gibt sogenannte Pflichtaufgaben und es gibt Nicht- Pflichtaufgaben in der öffentlichen Verwaltung. Pflichtaufgaben sind all jene Aufgaben, wo der Bürger einen Rechtsanspruch hat. Also, dass du eine Führerschein kriegst, Jugendfürsorge, Schule - das sind alles Pflichtaufgaben. Nicht Pflichtaufgabe ist Bildung und Kultur. Da hast du nämlich keinen Rechtsanspruch als Bürger. Wir glauben aber oder sind der festen Überzeugung, dass Bildung und Kultur zur öffentlichen Daseinsfürsorge gehört. Das heißt, der Staat hat für Kultur im Sinne der öffentlichen Daseinsfürsorge, für die kulturelle Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung zu sorgen. Das macht der Staat natürlich auch in Berlin. Und ich bin sehr dafür, dass es drei Opernhäuser gibt, bin ich absolut dafür. Nicht, weil ich gerne in die Oper gehe, sondern weil ich es brennend wichtig finde, für eine Stadt wie Berlin. Und auch Theater und so weiter. Aber das ist nur ein Teil der Kultur.

Der wesentliche Teil der Kultur findet dort statt, wo die Menschen wohnen. Und deswegen sind wir, Pro Kiez, der Auffassung und der festen Überzeugung, dass Kultur zuvörderst genau dahin gehört, wo die Leute wohnen, nämlich in die Kieze, in die Stadtteile, in die Bezirke. Und dort wird Kultur ständig abgebaut durch einen Sparzwang, teilweise ja durch einen fiktiven Sparzwang. Und das geht immer zu Lasten der Nicht-Pflichtaufgaben. Deshalb ist unsere Forderung: Kultur muss zur Pflichtaufgabe werden. Also, man muss was tun: besetzen. Bevor der Hammer fällt und geschlossen wird, gehen wir rein und dann sind wir da und da bleiben wir. Und dann möchten wir mal sehen, was dann passiert. Aber nicht zu dem Zwecke, die Bibliothek zu privatisieren. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, sondern zu dem Zwecke, sie offen zu halten, mit der Maßgabe, dass es wieder eine staatliche, kommunale Bibliothek wird. Weil wir natürlich genau wissen, was einmal geschlossen ist, ist zu und bleibt auch zu. Ist doch klar: wenn der Bestand verteilt ist, ist er weg. Kein Mensch würde die Bibliothek, auch wenn sich das Zuweisungsmodell ändern sollte und wieder die Stellen da wären – wofür wir kämpfen–, wieder aufmache, weil der Bestand ist weg und es wäre irgendwas anderes in den Räumen. Also, das wäre ein endgültiges Ding. Wir haben natürlich auch sofort Unterschriftenlisten gehabt.

Karsten Schuldt: Im Gegensatz zu anderen Besetzungen, die ich kenne – aus den frühen 90er Jahren oder in den Unistreiks – war das bei euch aber schon ein ziemlich hoher Altersdurchschnitt.

Peter Venus: Ja, das sind alles Bürger, die da wohnen. Junge und Alte Natürlich haben wir die Presse informiert. Bei der Besetzung waren alle da, Rundfunk, Fernsehen, alle Berliner Zeitungen, und alle haben ausführlich berichtet und berichten bis heute weiter. Pressearbeit ist ganz wichtig. Und dadurch ist das natürlich in die öffentliche Diskussion geraten. Wir haben dann auch Lesungen mit durchaus namhaften Autoren gemacht, da kamst du überhaupt nicht mehr rein, so viele Leute waren da. Damit drangen wir bis zur Frankfurter Rundschau und bis zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung durch. Bis dahin ist die Welle gegangen, die Pressewelle. So entsteht natürlich ein gewisser öffentlicher Druck, ist ja klar. Da kann man dann in der Politik nicht mehr machen, was man will. Das geht dann nicht mehr. Das war genau die Absicht, öffentlichen Druck zu erzeugen und aber auch zu bleiben. Und wir sind ja immer noch drin.

Ab Anfang Dezember waren wir dann relativ regelmäßig mit dem Bezirksamt im Gespräch. Wir wurden zum Kulturausschuss der BVV eingeladen. Da sind ein paar von uns hin, haben unsere Konzeption vorgestellt und parteiübergreifend haben alle Fraktionen das gut gefunden und haben einen Beschluss gefasst, einstimmig – Einstimmig! Das kommt nicht so oft vor –, dass eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Kulturausschusses jeder Fraktion und der Bürgerinitiative gebildet wird, die ein Konzept erarbeiten soll, mit dem Ziel der Fortführung der Bibliothek. Das war erst mal ein Riesenerfolg.

Karsten Schuldt: Das funktionierte schon hauptsächlich kiezbezogen?

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Ja. Wir sind ja auch rumgelaufen, in allen Läden. Das ist ja ein Kiez, der wirklich noch eine Kiezstruktur hat. Wo es Läden gibt und kleine Kneipen, wo die Leute hingehen, kleine Buchhandlungen und ein kleiner Bioladen, den es schon seit 30 Jahren gibt – den gab es zu DDR-Zeiten schon. Das ist hier richtig ein Kiezleben. Und wir haben ja innerhalb von einer Woche oder zwei, nur auf dem Kiez, über 4.000 Unterschriften gesammelt. Das ist ungeheuerlich. Also, auf dem Kiez. Nicht in ganz Berlin, sondern nur auf dem Kiez. Ich weiß nicht, wie viele auf dem Kiez überhaupt wohnen, lass es nicht mehr als 10.000 sein, das sind bestimmt weniger als 10.000.[Fn4] Die Unterschriften haben wir dann dem Abgeordnetenhaus übergeben.

Karsten Schuldt: Aber ihr versteht euch schon als überparteilich?

Peter Venus: Ja, unbedingt. Alles andere wäre der Tod jeder Bürgerinitiative.

Bibliothek im Eliashof

Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek im Eliashof): In der Bibliothek haben früher schon Konzerte und so weiter stattgefunden, die ein Freund von mir, eben ein Komponist, organisiert hat. Dadurch war dieser Bibliotheksort für kulturelle Sachen sozusagen aufgeladen. Wir hatten dabei die Mitarbeiter kennen gelernt, beziehungsweise die Leiterin der Bibliothek. Diese Leiterin hatte im Sommer 2007 durchblicken lassen, dass es Pläne gäbe, Stellen im Bibliotheksbereich zu streichen und das vielleicht auch die Musikbibliothek gefährdet sei. Sie hat dann überlegt, ob man vielleicht einen Verein gründen sollte, wenn wir uns sowieso schon immer um die Bibliothek kümmern, also Kultur machen. So haben wir erstmal eine Bürgerinitiative gegründet und Flugblätter verteilt, um Leute einzuladen in die BVV zu gehen, sich zu informieren: stimmt das, dass geschlossen werden soll? Da stellte sich dann raus, tatsächlich, es sollen Stellen gestrichen werden. Es wurden damals verschiedene Bibliotheken zur Disposition gestellt. Und dann haben wir eben ganz schnell diesen Verein gegründet. Ich glaube, das war im Juli, August, gerade in der Sommerzeit. Das hat sich ein bisschen hingestreckt, weil es in der Ferienzeit war. Das zieht sich immer eine Weile hin, Satzung schreiben und so weiter. Aber das hatten wir dann irgendwann fertig gehabt.

Wir hatten dann versucht, Gespräche zu führen, mit dem zuständigen Stadtrat Dr. Nelken. Da war dann auch der Amtsleiter dabei. Das waren eine ganze Menge Leute, Künstler, Musiker, die eben das Interesse hatten, diese Bibliothek zu erhalten. Vor allem diesen Musikschwerpunkt. Dann schlug diese Leiterin vor, vielleicht ein ehrenamtliches Konzept zu entwickeln, damit – für den Fall, dass Stellen gestrichen würden – ehrenamtliche Mitglieder des Vereins in dieser Bibliothek arbeiten könnten. Dort also einige Stunden Ausleihe betreiben oder dieses oder jenes. Das hat der Verein angenommen, der wollte natürlich die Bibliothek erhalten, hat gesagt, ja, das wollen wir unterstützen. Vielleicht ist es ja auch möglich, MAE-Stellen oder 1-Euro-fuffzig-Stellen zu erhalten. Und das haben wir überlegt, das Konzept entwickelt. Wobei, es auch immer wieder Leute im Verein gab, die gesagt haben: Nö, das ist eine öffentliche Aufgabe, Bibliotheken zu betreiben und der Verein ist eigentlich dazu da, zusätzlich kulturelle Leistungen zu erbringen, die Bibliothek bekannter zu machen, Veranstaltungen zu machen, damit eben die Anwohner im Kiez diesen Ort noch mehr nutzen können. Also, da gab es schon zwei Meinungen.

Und dann spitzte sich das zu, als es eben eine Bezirksverordnetenversammlung gab, wo noch mal über die Stellen beschlossen worden ist. Da ging es wohl um elf Stellen. Die Situation in den Bibliotheken war schon bisher so, dass eigentlich sehr wenige Mitarbeiter dafür da waren, diese Bibliotheken rund um die Uhr, beziehungsweise Montag bis Freitag bis 18 oder bis 19 Uhr, ununterbrochen geöffnet zu halten. Das heißt, wenn mal einer von den Mitarbeitern krank war, dann gab es schon ein Problem und es sind Unmassen von Überstunden angefallen, die ja auch irgendwann ausgeglichen werden müssen. Also es gab gar kein Personal, auf das man hätte verzichten können, ohne dass man eine oder zwei Bibliotheken schließt. Das war klar: wenn man Stellen streicht, dann muss man auch die Bibliotheken zu machen. Wir wollten nicht, dass unterschiedliche Standorte gegeneinander ausgespielt werden. Es sollte in Karow eine Bibliothek geschlossen werden. Die Tucholsky-Bibliothek war im Gerede, dass sie geschlossen werden sollte, der Eliashof natürlich auch. Und dazu haben wir gesagt: nee, wir wollen keine schließen. Und ja, wir arbeiten hier auch notfalls, damit die Bibliothek nicht geschlossen wird. Kann ja sein, dass die Haushaltslage wieder besser wird und dann vielleicht auf den Stellenabbau verzichtet wird und so.

Dann gab es diese BVV, die etwas enttäuschend war, weil 26 Verordnete tatsächlich für die Schließung gestimmt haben. Fairerweise muss man sagen, dass sie Angst hatten, dass sonst der Haushalt von Pankow kommissarisch verwaltet wird, das heißt, dass sie dann als Verordnete praktisch gar keinen Einfluss mehr auf den Haushalt haben und gar nicht mehr mitreden könnten. Das stand als Gerücht im Raum, als Drohung. Insofern meinten sie, damit halt das kleinere Übel zu schlucken. Aber es war eben enttäuschend.

Und dann stellte sich raus, dass die Leiterin, welche eigentlich die ganze Vereinsgründung mit initiiert hat, ein Angebot in einer anderen Bibliothek übernommen hat, also praktisch als die Kapitänin dieser Bibliothek die Segel gestrichen hat. Wir fühlten uns dann etwas verarscht, auf gut deutsch gesagt. Also a.) von diesem Verhalten, b.) dass sie eben die andere Stelle angenommen hat und c.) dass sie immer wieder dieser ehrenamtliche Konzept derart anbiederte, was wir dann inzwischen gar nicht mehr wollten. Wir haben dann gesagt, wir wollen alle Bibliotheken und alle Stellen erhalten. Das ist eine Grundsatzentscheidung: Was will linke Politik?[Fn5] Will linke Politik praktisch genauso mit Rechnungsbegründungen irgendwas sparen, was sehr wichtig ist - also Bibliotheken, als Orte von Kultur und Kommunikation, als Archive von Bildung oder nicht? Und ja, diese Entscheidung ist dann eben für die Schließung gefallen.

Politik

Im Folgenden stellen die Engagierten einerseits ihre konkreten Erfahrungen im Umgang mit der jeweiligen lokalen Politik und Verwaltung dar und verorten die Schließungsversuche in einem größeren politischen Kontext. Alle drei stimmten darin überein, dass diese Versuche nicht singulär, sondern als Teil umfassenderer Prozesse zu verstehen sind. Interessant sind diese Darstellungen auf mehreren Ebenen. Einerseits geben sie relevante Hinweise für ähnliche Initiativen. Andererseits vermitteln sie unterschiedliche Sichten auf die politischen Prozesse in der deutschen Gesellschaft, an denen die Interviewten selber als Aktive versuchten, zu partizipieren. Auffällig ist, dass bei ihnen offensichtlich nicht von einer Politikverdrossenheit ausgegangen werden kann, welche ansonsten häufig als allgemeiner gesellschaftlicher Trend konstatiert wird. Vielmehr stellen sie klar, dass sie Anforderungen an die Politik haben, welche sie gleichzeitig zu großem Teil nicht erfüllt sehen.

Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek): Ich habe ja vor der BVV noch eine Petition eingereicht, die alle Weddinger Grundschulen unterschrieben haben. Die Petition wird nichts bringen, das hat gar keine aufschiebende Wirkung. Also kann man sagen, wir hätten uns den ganzen Quatsch sparen können. Weißt du, es war beschlossene Sache. Unterm Strich hat es aber gebracht, zu zeigen, dass es viele Bürger gibt, die sich hier für den Kiez engagieren. Es haben sich viele kennen gelernt. Und für die Mitarbeiter der Bibliothek war es immens wichtig, zu erfahren, wie deren Arbeit überhaupt eingeschätzt wird.

Der Bibliotheksamtsleiter wurde noch mal Ende Januar direkt vom Quartiersrat befragt, was denn sein Amt jetzt eigentlich vorhatte mit dieser ganzen Aktion. Ob es richtig wäre, dass es gar nicht um die Jerusalem-Bibliothek ging, sondern um die Installation einer Kinderabteilung in der Bibliothek am Luisenbad? Da war die klare Antwort: Ja, es ging um nichts anderes. Es wurde quasi nie ein Ersatzkonzept für die Jerusalem-Bibliothek angedacht, auch nach diesem Protest nicht. Das hat nie eine Rolle gespielt. Wir Bürger wurden also irgendwie als Statisten, die nach geheimen Regieanweisungen zu handeln hatten, in dieses Spiel mit eingeflochten. Aber es war ganz interessant, ich habe viel gelernt.

Folgendes: Wenn man noch einmal irgendetwas stoppen will, dann macht man als allererstes ein Bürgerbegehren. Man begibt sich nämlich nicht auf die Bezirksebene. Uns wurde zwar immer empfohlen, ja reden sie mit den zuständigen Leuten, das ist wichtig, Auge zu Auge-Gespräche zu führen. Das kann man vielleicht machen, wenn man zu viel Zeit hat. Es mag dann diese Gespräche geben, aber im Hintergrund wird beschlossen und untereinander abgekartet. Mich hat eine Bürgerinitiative aus Hamburg angerufen, die kämpfen jetzt auch um eine Bibliothek und haben Postkarten gestaltet und machen mit den Kindern Aktionen. Da sage ich: ist gut und schön, macht das weiter. Aber macht sofort ein Bürgerbegehren. Die nehmen euch das Ding unter dem Arsch weg und dann ist die Sache erledigt. Also, es hat keinen Sinn, da irgendwie zu hoffen, auf Gutmütigkeit oder was weiß ich. Das bringt alles gar nichts. Das bringt schon was, das bringt halt Aufmerksamkeit, aber man muss sofort schauen, was ist politisch und rechtlich machbar und das sofort nutzen. Das wird jetzt ja auch ein Problem mit dem Schwimmbad Seestraße. Da muss man sich nicht drum kümmern, was passiert. Eigentlich ist das Wichtigste, dass die, die ein Interesse an diesem Schwimmbad haben sagen: okay, egal was in der Zeitung steht, egal was irgendwie kolportiert wird, wir nehmen unsere rechtlichen Möglichkeiten als Bürger wahr. Unabhängig von dem, was da in der Politik läuft. Also andere Möglichkeiten sehe ich da so großartig nicht. Es gibt nun das Angebot von Seiten der Politik, seine Meinung in den entsprechenden Ausschüssen zu äußern. Wo die Jerusalem ja auch oft genug auf der Tagesordnung stand. Da hat man dann die Möglichkeit, Redezeit zu beantragen, man kann das per E-Mail machen, das ist relativ einfach. Und die kriegt man in der Regel auch. Dann bereitet man was vor, stellt sich da hin, sagt seinen Text und – wenn das Thema dann auf die Tagesordnung kommt – hat man Glück, dass man mit seinen Ausführung da Einfluss nehmen kann, beziehungsweise da auch Dinge erläutert, die vielleicht nicht allen klar sind. Und das ist der Eindruck, den ich hier hab. Man hat die Jerusalem- Bibliothek in den Spartopf geschmissen, ohne zu wissen, um was es eigentlich geht. Was ja auch dann ans Tageslicht kam, als Bezirksbürgermeister Hanke einer Mutter sagte, 'da gehen doch nur Bildungsbürgerkinder hin'. Das kann man natürlich nur sagen, wenn man noch nie den Tagesbetrieb dieser Bibliothek beobachtet hat. Und ich glaube, das ist ein großes Problem, was hier die Rettbarkeit der Bibliothek unmöglich gemacht hat. Dass man gedacht hat: Okay, wir lagern die um in die Luisenbad- Bibliothek, da fehlt uns eine Kinderabteilung - ist ja auch okay. Also ist ja nichts Schlimmes, da eine Kinderabteilung einzurichten. Aber eben für keinen Ersatz für die Kinder am Nauener Platz zu sorgen, das ist ja das, wo wir gesagt habe: Hey, so geht’s eigentlich nicht.

Abgesehen davon wusste der normale Bürger überhaupt nichts vom Bibliotheksentwicklungsplan. Niemand wusste davon. Das Ding haben wir uns gegenseitig per Mail zugeschickt. Das kannte keiner.

Der Bibliotheksentwicklungsplan macht ja erst mal einen guten Eindruck, auch wenn da von Schließungen die Rede ist. Da darf man nicht blauäugig sein, natürlich muss geschlossen werden. Wir sind ja hier auch ziemlich gut mit Bibliotheken ausgestattet. Also, wenn das so gemacht werden würde, wie es da steht – das heißt, in immerhin neun Jahren steht sozusagen am Leopoldplatz eine riesige Bezirkszentralbibliothek von 6.500 Quadratmetern – wäre es ja okay. Wenn man so lange warten kann und nicht schon längst weggezogen ist in der Zeit. Natürlich ist auch das, was im Bibliotheksentwicklungsplan drin steht, für die Jerusalem-Jugendbibliothek ein Todesstoß. Denn dort steht ja: 2009, Ausbau des Untergeschosses der Schiller- Bibliothek. Das heißt ja im Klartext, wenn man das ausbaut, bleiben aufgrund der Flächenverluste, die da fürs Treppenhaus draufgehen, 150 Quadratmeter. Also, was soll man auf 150 Quadratmetern an Bibliothekszusätzen oder Kinderabteilungen machen? Das ist natürlich nichts gegenüber dem, was am Nauener Platz steht. Aber nichtsdestotrotz wäre es ein Schritt zu einem Ausbau hin gewesen. Nur kann man sich auch an fünf Fingern ausrechnen, auch ohne 16 Millionen Haushaltsloch, ist wahrscheinlich eine Planung, die zehn Jahre umfasst, recht phantasiereich. Weil keiner weiß, was in den nächsten Jahren ist, keiner weiß, welche Partei dann dran ist, wo da Prioritäten gesetzt werden. Und da kann man sich sicher nicht in neun Jahren hinstellen und sagen: Ihr habt doch vor zehn Jahren im Bibliotheksentwicklungsplan geschrieben, hier soll eine große Bezirkszentralbibliothek hin. Wo ist denn die jetzt? Aber uns blieb natürlich nicht anderes übrig, als uns auch darauf zu berufen, um einfach klar zu machen, dass hier auch mal irgendwo Verantwortung übernommen werden muss. Der Bibliotheksentwicklungsplan wurde ja wahrscheinlich mit viel Schweiß und viel Kampf innerhalb der Parteien aufgestellt. Aber sich dann, weil ja 16 Millionen gespart werden müssen, an gar nichts mehr zu halten und sozusagen den Ersatz komplett zu streichen, wie klein er auch immer sein mag, ist natürlich eine Schweinerei gewesen.

Ich würde aber auch unterteilen. Es gab natürlich einmal das Amt für Bibliotheken und Kultur, welche das Hauptinteresse hatten, in der Luisenbad-Bibliothek eine Kinderabteilung einzurichten - die kein Interesse am Nauener Platz hatten. Dann musste sich aber doch, aufgrund des sichtbaren bürgerlichen Protestes, die Politik einschalten, nämlich der Bezirksbürgermeister und sagen: Hey, der Protest ist ja so groß, damit haben wir nicht gerechnet. Was machen wir jetzt damit? Aber es wurde gar nichts damit gemacht. Es wurde auch nicht kommuniziert, es kam keiner auf uns zu, gar nichts. Es wurde sozusagen links liegen gelassen. Ich hatte zwei persönliche Gespräche mit dem Bezirksbürgermeister. Da hat er mich zu eingeladen, um das mal zu erörtern. Aber außer, dass er das auch bedauert, blieb unterm Strich nur: ja, was sollen wir anderes machen und das ist beschlossene Sache. Das heißt also, von Kommunikation mit den Bürgern kann nicht die Rede sein. Und das ist, was wir auch daraus gelernt und gesehen haben: Dass also so eine Partei, die sich bürgernah gibt und vor allen Dingen auch die Eigeninitiative des Bürgers immer wieder herauf beschwört, diese nur gerne sieht, wenn sie ins eigene Konzept passt. Zum Beispiel beim Sträucherschneiden am Nauener Platz. Aber wenn es jetzt den eigenen politischen Vorstellungen oder Vorhaben zuwider läuft, ist Feierabend, da wird die Tür geschlossen. Das ist natürlich katastrophal. Und das ist etwas, was man auch publik machen muss. Denn immerhin wurde die SPD in Berlin mehrheitlich gewählt. Aber sicherlich nicht, um sich in Notzeiten gegen den Bürger zu stellen und zu sagen, hey, jetzt reden wir nicht mehr mit euch. Das geht natürlich nicht.

Der Einsatz für eine Bibliothek rührt vielleicht auch daher, dass ich an meinen eigenen Kinder sehe, dass es Gold wert ist, wenn sie vernünftig mit Sprache umgehen können, dass das denen Welten erschließt und hilft, mit der Welt zu kommunizieren. Ich bin eigentlich gar kein Leser. Aber wenn ich dann in der Jerusalem- Jugendbibliothek gesehen habe, wie das von den Kindern angenommen wurde, wie man die über Lesen und Bücher für sich gewinnen und in demokratische Grundprozesse einbinden kann, wo die auch lernen, miteinander umzugehen – und das ist so; die lernen das da, anders, als nur auf der Straße – dann sehe ich, dass man so was erhalten muss. Wenn das jetzt aus Kostengründen irgendwie wegfallen muss, muss man schauen, ihnen anders diese Möglichkeiten zu geben. Das sollte eigentlich normal sein.

Die Streichung der Jerusalem-Bibliothek ist nur Teil einer größeren Geschichte. Es gibt andere Bezirke in Berlin, da heißt es – ich glaube, dass ist in Kreuzberg- Friedrichshain so, ich weiß es nicht genau –, die hätten eine Maßgabe: die sagen, Streichen ja, aber Bildung und Kultur fallen von vornherein aus Streichkonzepten raus, das wird nicht eingebracht. Das ist bei denen sozusagen unantastbar. Das habe ich so gehört, ich weiß nicht, ob es so stimmt und wie es dann in der Praxis umgesetzt wird. Aber immerhin haben die diesen Gedanken offensichtlich. Da packt man diese Sache nicht an und sagt, lieber ein paar Schlaglöcher mehr auf der Straße, da beschweren sich zwar die Autofahrer, aber es wird eben nicht weiter an der Bildung herumgesägt. Und die Eier haben die hier nicht in der Hose, das geht hier leider. Es wird auf den Senat geschimpft, was das Zeug hält, auf die Ausblutungspolitik des Senats, aber man hat dann nicht den Arsch in der Hose, sich dagegen zu wehren. Man ficht das lieber auf Kosten des Bürgers aus.

Wenn keiner auf die Straße geht, dann kann man eigentlich politisch durchsetzen, was man möchte. Es gibt dann sozusagen dazu eine gegenteilige Meinung nicht. In anderen Ländern wird sie dann halt brutal unterdrückt, bei uns ist das zum Glück nicht so. Ich glaube, so Einzelmaßnahmen bewirken wahrscheinlich nichts, aber in der Gesamtheit bewirkt das halt ein Umdenken in der Bevölkerung. Die Grünen wurden in den 80er Jahren auch belacht, heute muss man ihnen verdanken, für eine kontinuierliche Umweltpolitik gesorgt zu haben, die eben nicht abhängig ist von irgendwelchen Moden und Trends.

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Ich sage mal ein Beispiel, wie schizophren eigentlich diese politische Aufteilung in Pflichtaufgaben und Nicht-
Pflichtaufgaben ist. Also: Kultur, Jugendförderung, Musikschulen, Bibliotheken,
Leseförderung etc., das sind alles keine Pflichtaufgaben. Kann man also streichen.

Aber, wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche sich fehl entwickelt, Hilfe zur Erziehung braucht, eine Unterbringung braucht, eine psychotherapeutische Betreuung
braucht, jugendpsychologische Unterstützung braucht, weil es eine Fehlentwicklung gibt oder sie straffällig wird – das sind alles Pflichtaufgaben. Und das ist schizophren. Das heißt, die Prävention, das ist keine Pflichtaufgabe. Aber wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, das ist dann eine Pflichtaufgabe. Also das jetzt nur als Beispiel. Völlig irre.

Bibliotheken zu schließen ist ein Verbrechen, meiner Meinung nach, weil du Fehlentwicklungen programmierst, wenn du keine Leseförderung mehr machst, wenn du Kinder und Jugendliche nicht mehr heranführst an Bücher, an Wissen, an Musik und so weiter. Also davon sind wir zutiefst überzeugt.

Karsten Schuldt: Wie würdest du die Politiker im Bezirk Pankow einschätzen?

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Das sind zumeist Leute, die wissen, dass Bibliotheken wichtig sind für den Kiez. Die keine Bibliotheken schließen möchten, sondern dazu gezwungen sind und das umsetzen müssen, verwaltungstechnisch.

Das ist Teil der Sparpolitik des Finanzsenators. Also, ich meine Berlin hat natürlich ein Finanzproblem. Das Finanzproblem hat natürlich auch Ursachen. Eine der Ursachen ist hier der Bankenskandal, obwohl das die kleinere Ursache ist. Die größere Ursache ist, dass die große Koalition sich ungeheuer verschuldet hat.[ Fn6] Auch nicht nur unbegründet, weil es natürlich klar war: die große Koalition hat natürlich nach 1990 die Gehälter angeglichen und das kannst in einer Stadt wie Berlin gar nicht anders. Du kannst doch nicht zwei Polizisten haben, die im gleichen Streifenwagen sitzen, der eine ist im Westen angestellt, der bekommt Westgehalt, der andere kommt aus dem Osten und der aus dem Osten verdient die Hälfte. Das geht nicht. Das hältst du auch nicht durch. Und dann kommen die ganzen Hauptstadtaufgaben hinzu. Da hat der Bund sich nicht drum gekümmert. Das zahlt ja alles Berlin, nach wie vor. Ob das die Bewachungen von Botschaften ist oder was auch immer. Auch die ganzen Kultureinrichtungen zahlt Berlin. In Wien käme keiner auf die Idee, die Wiener Staatsoper durch die Stadt Wien finanzieren zu lassen, das macht selbstverständlich die Republik Österreich.

Karsten Schuldt: Es ist eine These, doch ich hatte schon den Eindruck, dass sich die Proteste inhaltlich verändern, also dass andere Themen in den Vordergrund gestellt werden, als einfach Kultur und Bildung, dass auch die Aktionsformen sich ändern. Und ich hatte auch das Gefühl, als würde die Auseinandersetzung härter werden. Als würden die bürgerschaftlichen Initiativen verstärkt auftreten und intensiver an den Sachen arbeiten.

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Ja, ich glaube, das ist ein richtiger Eindruck. Und ich glaube, dass es einen gesellschaftlichen Grund hat, warum sich das so verändert. Den sehe ich darin, dass das gesellschaftliche Klima kälter und auch härter geworden ist. Das heißt, die Leute haben immer mehr den Eindruck, dass sie eigentlich keinen Einfluss haben. Viele gehen nicht mehr zur Wahl. Was ich verheerend finde. Du hörst immer nur das Gleiche, Sonntagsreden, du kannst ja überhaupt nicht mehr Radio oder Fernsehen einschalten. Die Leute merken doch, dass sie eigentlich nur noch Mittel zum Zweck sind.

Karsten Schuldt: Das Faszinierende ist ja, dass trotzdem die Leute sich engagieren, oder?

Peter Venus: Gut, sie engagieren sich. Aber so punktuell, dann allerdings mit einer größeren Vehemenz. Die Schwelle zum Engagement, die ist irgendwie gewachsen. Und dann wirst du natürlich ein wenig vehementer.

Karsten Schuldt: Wenn solche Initiativen zunehmen, und nicht nur im Bibliotheksbereich, entsteht dann nicht auch eine andere Aufgabe für Bibliotheken? Müssten sie nicht ein Informationszentrum darstellen? Ganz offensichtlich ist es ja so, dass man Informationen braucht, um sich politisch zu engagieren. Man braucht Kontakte, man muss wissen, wie funktioniert die Bezirkspolitik, besonders wenn man keine Leute hat, die da schon drin sind. Ich habe mich während der Proteste gefragt, ob da nicht vor allem einer Kiezbibliothek als Einrichtung im Kiez oder in der Gemeinschaft, wie auch immer die strukturiert ist, eine Aufgabe erwächst. Oder wird das immer anders funktionieren?

Peter Venus: Das wäre natürlich eine gute Aufgabe, sozusagen, dass man im weitesten Sinne Informationsaufgaben mit reinbringt. Oder auch Beratung. Oder Zusammenarbeit von Bibliotheken und anderen Einrichtungen. Ähnlich, wie das, was wir jetzt als Betroffenenvertretung machen. In der Betroffenenvertretung ist ja zum Beispiel auch die Mieterberatung. Solche Zusammenarbeit finde ich natürlich wichtig. Aber als spezielle Aufgabe einer Bibliothek – also, es sollte halt im Angebot sein, als politische Bildung. Es sollten da Veranstaltungen sein, das ist auch wichtig. Das ist eminent wichtig, also bewusstseinsbildend in der Richtung: es sieht zwar alles sehr ohnmächtig aus, aber man kann auch etwas verändern.

Was ich verheerend finde, schon von der Sprache her, ist dieser Eingang von Betriebswirtschaft in das öffentliche Leben oder in die öffentliche Verwaltung. Das ist seit mindestens zehn Jahren so. Jetzt heißt es ja Jobcenter, da ist man kein Bürger mehr, sondern Kunde. Gut, die Leute, die denken sich gar nichts dabei. Der Kunde ist ganz was anderes, als ein Bürger. Der Bürger hat nämlich Rechte und zwar schon vorher. Als Kunde hat er auch Rechte. Aber ich habe als Kunde niemals das Recht auf Vertragsabschluss. Ich habe erst, wenn der Vertrag geschlossen, das Recht aus dem Vertrag. Aber auf den Vertrag hab ich gar keinen Einfluss. Den mache ich nämlich gar nicht. Dem kann ich nur zustimmen. Das ist ein Kunde. Ein Bürger ist ganz was anderes. Der geht auf ein Amt und hat einen Rechtsanspruch, dass das Amt genau das macht, was im Gesetz steht. Dass es seinen Anspruch erfüllt. Da hat er ein durchklagbares Recht. Entsprechend hat sich das Amt zu verhalten. Das Amt ist nämlich für den Bürger da, weil der Bürger das Amt auch mit seinen Steuern bezahlt. Das ist nämlich was anderes, als der Kaufhof. Und das finde ich verheerend, schon von der Sprache her. Oder die Kosten/Leistungsrechnung bei Bibliotheken. Was ist das denn für ein Irrsinn? Das ist auch Betriebswirtschaft. Machen wir jetzt auch eine Kosten/ Leistungsrechnung bei Schulen, ja? Schule hat sich zu rechnen? Oder Uni mit Studiengebühren. Was ist denn das für ein Irrsinn? Es ist von der Staatstheorie her schon völliger Unsinn.

Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek im Eliashof): Ich sag es jetzt mal aus meiner Sicht: Das Problem ist ja gerade der Politikverdruss oder der Politikerverdruss, dass eben, egal welche Fraktion oder welche Richtung gerade regiert, trotzdem eine Politik gemacht wird, die a.) nicht im Interesse des Bürgers ist und b.) eben abgehoben wirkt und auch nicht mehr unterscheidbar ist zwischen Links und Rechts.

Karsten Schuldt: Würdest du die Schließung der Bibliothek singulär wahrnehmen oder ist die Teil dieser Politik?

Michael Haufe: Es ist ein Teil, es ist ein Symptom dessen, was zurzeit in der Politik vor sich geht. Das heißt immer noch der Hang zur Privatisierung. Alles wird durchökonomisiert. Es wird gefragt, kostet es Geld oder kostet es nicht Geld? Bringt es Geld oder bringt es kein Geld? Und da ist es eigentlich egal, eben ob die Politik links ist oder rechts ist. Die Mechanismen sind die gleichen. Was natürlich schon ein bisschen ärgerlich war bei der Schließung: man hatte den Eindruck, es sollte fast heimlich passieren. Man hatte gar kein Interesse, dass die Bevölkerung groß mitmacht, es groß mitbekommt. Man hat es einfach so eingestellt. Man hat das gar nicht groß angekündigt, auch nicht den Besuchern. Auch noch heute [Ende Januar 2008] gibt es Leute, die immer noch vor der verschlossenen Tür stehen und fragen, was ist hier los? Die wollen es gar nicht wahrhaben, dass die Bibliothek geschlossen ist. Weil es einfach gar nicht so richtig bekannt gegeben worden ist. Das war in der Weihnachtszeit. Dann war das einfach zu, also da, wo die Menschen sowieso mit anderen Sachen beschäftigt sind. Und das wirkt einfach irgendwie etwas feige, sag ich mal.

Mein Eindruck ist, dass es eben Leute gibt, die meinen: ach, na ja, Bibliotheken werden heute vielleicht nicht mehr so benötigt, es gibt ja das Internet, es gibt andere Formen, sich zu bilden. Oder es ist doch einfach, man kann sich doch die Bücher kaufen und zuschicken lassen. Oder es gibt eben große Zentralbibliotheken in Berlin und die Öffentlichen Verkehrsmittel sind doch gar nicht so ungeeignet, diese zu erreichen. Also braucht man diese kleinen Bibliotheken nicht.

Ich hab schon mitbekommen, dass es einen Trend hin zu dieser Zentralisierung gibt. Also es ist scheinbar auch schon in anderen Bezirken der Fall gewesen, dass Bibliotheken geschlossen wurden. Und im Prenzlauer Berg sind ja auch schon in den vergangen letzten Jahren mehrere Bibliotheken geschlossen worden. Das ist immer relativ leise passiert. Man macht das eben so nach und nach, das ist ein schleichender Prozess. Die Idee, die da dahinter steckt, ist so eine Art Zentralisierung. Man hat dann möglicherweise eine zentrale Bibliothek pro Bezirk, dadurch hat man weniger Kosten. Das ist ja ganz klar, weniger Betriebskosten, weniger Mietkosten und so weiter und so weiter und so weiter. Das ist eben genau diese Rationalisierung, die aber in der Kultur meines Erachtens eben nichts zu suchen hat. Und die Stimmung in der Verwaltung, beziehungsweise unter den Bezirksverordneten, ist so, dass sie eigentlich alle, glaube ich, wollen, dass die Bibliotheken erhalten werden. Das ist eigentlich eine schizophrene Situation. Also sie wollen die Bibliothek erhalten, meinen aber, wenn sie sich dafür entscheiden, dass dann sozusagen haushaltstechnisch eine Strafe droht. Das hängt mit dem Zuweisungssystem in Berlin zusammen, dass die Bezirke Beträge zugewiesen bekommen und wenn sie mehr Geld ausgeben, als geplant, dann kriegen sie eben in den darauf folgenden Haushaltsplanungen noch weniger Zuweisungen, immer weniger Zuweisungen. Es wirkt also wie eine Strafe, so dass dann tatsächlich noch mehr geschlossen werden muss.

Karsten Schuldt: Die letzten so wahrnehmbaren Proteste für Bibliotheken hat es wohl Anfang der neunziger Jahre gegeben. Deswegen hatte ich während der Proteste den Eindruck, dass sich eine neue Form von Engagement ergibt. Oder würdest du das anders sehen?

Michael Haufe: Du sagst es ja schon, in den neunziger Jahren gab es viele Proteste gegen Studiengebühren an den Universität, gegen Bibliotheksschließungen, da wurde ne Kita geschlossen, dort wurde ne Kita geschlossen, Schwimmbäder wurden geschlossen. Es gab einen radikalen Abbau an Leistungen der Öffentlichen Hand für den Bürger, die eben aus Kostengründen irgendwie eingespart werden mussten. Und gab es jede Menge Proteste, die aber alle letztendlich mehr oder weniger ergebnislos ausgingen. Das heißt, es machte sich eine gewisse Resignation breit. 'Es hat ja überhaupt keinen Sinn, man kann sich ja nicht dagegen wehren, es besteht gar keine Chance, sich gegen diese Art von Politik zu wehren. Man kann da sagen und tun und lassen, was man will, es ist beschlossen, es wird gestrichen und fertig, aus.' Und meines Erachtens ist es jetzt so, dass es eigentlich um das Letzte geht.

Also, für mich persönlich sind Bibliotheken, also diese kleinen Stadtteilbibliotheken, das letzte Symbol. Wenn das auch noch geschlossen wird, dann können sie irgendwann die Verwaltung und sich selber abschaffen. Dann brauchen wir sie nicht mehr.

Wozu brauche ich einen Bürgermeister, wozu brauche ich einen Bezirksstadtrat für irgendwas? Ich brauch sie dann nicht, wofür auch? Und daher möglicherweise dieser Trend, ehrenamtliche Vereine zu gründen, ehrenamtliches Engagement zu nutzen, auch von Seiten der Politik, um dann solche Zwitterlösungen zwischen Ehrenamt und städtischer Förderung aufleben zu lassen. Es könnte sein, dass das eine Reaktion ist auf das, was in den neunziger Jahren passiert ist, mit den Schließungen. Dass sich so nach und nach freie Träger etabliert haben, die wissen, wie und wo man Gelder beantragt und die sich um diese Angelegenheiten kümmern, aber trotzdem auch darauf achten müssen, dass sie wenigstens eine schwarze Null schreiben.

Debatten um das Ehrenamt

In der Schilderung der Proteste wurde deutlich, dass bei Pro Kiez und Jederzeit Musik relativ früh Debatten um den Sinn und die Gefahren einer ehrenamtlichen Weiterführung der Bibliotheken geführt wurden. Dabei gelangten die beiden Initiativen vorerst zu zwei unterschiedlichen Ergebnissen, die auch in den Interviews zum Ausdruck kommen. Niemand stimmt dem Einsatz von Ehrenamtlichen unumschränkt zu, gleichzeitig sehen alle drei Interviewten das Ehrenamt grundsätzlich positiv.

Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek): Interessanterweise hat niemand von uns das auch nur auf den Tisch gebracht, die Geschichte mit ehrenamtlicher Arbeit. Offensichtlich kam das für niemanden in Frage, sonst hätten wir das schon längst diskutiert. Wir haben mehrere Möglichkeiten überlegt, was man so machen könnte und Ehrenamtlichkeit kommt einfach für Keinen in Frage. Ich finde das auch das Allerletzte, hinzugehen und etwas durch Ehrenamtlichkeit zu lösen, was eigentlich Aufgabe der Politik ist, beziehungsweise hier des Bezirks - auch in solchen Zeiten. Es wird schon soviel ehrenamtlich gemacht, von Klassenraum streichen bis ...

Was gibt es nicht noch alles ehrenamtlich? Es gibt eigentlich jede Menge, vor allen Dingen in den Schulen. Das ist eigentlich zu viel des Guten, eine Öffentliche Bibliothek, die vor allem ja Zuspruch hat, so zu betreiben. Eine Einrichtung, die nachgefragt wird und – würde man das jetzt nach privat-wirtschaftlichen Maßstäben sehen, also wirklich Nachfrage produziert – da hinzugehen und zu sagen, auch wenn es gut läuft, wir machen das jetzt ehrenamtlich, das kommt für mich gar nicht in Frage. Man muss auch nicht großartig weiter drüber diskutieren. Es ist eine Schweinerei seitens der Politik, überhaupt solche Möglichkeiten einzubringen. Leider werden die ja auch mittlerweile von den Bürgern eingebracht. Also selbst bei solchen Einrichtungen wie dem Quartiersmanagement bezahlt man zwei, drei Leute und der restliche Aufriss ist dann ehrenamtlich. Ich finde ehrenamtliche Tätigkeit ist richtig wichtig, und da gibt es sicherlich andere Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu betätigen, wo es auch von Natur aus vielleicht gar keine politischen Maßnahmen gibt. Zum Beispiel, sich um alte Leute zu kümmern – ehrenamtlich. Das finde ich zehnmal wichtiger, als der Politik unter die Arme zu greifen, bei dem, was sie eigentlich zu bezahlen hat. Also: ich finde, der Bürger zahlt schon genug drauf.

Das habe ich Pro Kiez auch gesagt. Ich finde das den falschen Weg, sich da ehrenamtlich hinzustellen. Das wird jetzt wohl die zweite Bibliothek sein, wo das so läuft – in Schöneberg gibt es das ja wohl schon. [ Fn7] Also, wenn sich das durchsetzt, dann wird die Politik sich auch immer mehr aus der Verantwortung stehlen können. Das macht sie jetzt schon und das sollte man nicht unterstützen. Dann muss man sie auch eines Tages nicht mehr wählen, weil sie ja sowieso für nichts verantwortlich ist.

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Deswegen haben wir gesagt, wir besetzen die Bibliothek und arbeiten auf zwei Schienen. Die eine Schiene ist, wir versuchen ein Modell zu entwickeln, um die offen zu halten, ehrenamtlich. Aber nicht auf Dauer, sozusagen als Plan B, sondern bis zu der Zeit, wo es – so hoffen wir –, wieder eine staatliche Bibliothek wird, mit Bibliothekaren, die im öffentlichen Dienst sind und die ordentlich bezahlt werden und so weiter.

In der Zwischenzeit haben wir ein solches Modell entwickelt, dass sich anlehnt an Schöneberg. Wie geht das? Also, unserer Meinung nach geht das nur so: Es muss eine öffentliche, kommunale Bibliothek bleiben, auch wenn wir sie im Ehrenamt betreiben. Es ist natürlich eine Gradwanderung. Das heißt, der ganze Bestand, das Gebäude und so weiter, bleibt im Eigentum der Kommune, des Bezirks, die Rechts- und Fachaufsicht bleibt beim Bezirk. Die Bibliothek ist nach wie vor Bestandteil der Bibliotheken Pankows. Und der Verein, der sich dann gegründet hat, organisiert die Betreibung. Die Bibliothek bleibt selbstverständlich im VÖBB. Sämtliche Einnahmen, die eine Bibliothek hat, gehen selbstverständlich an den Bezirk, für die Kosten/Leistungs-Rechnung. Wir versuchen das möglichst kostenneutral zu machen.

Allerdings: eine Bibliothek ist keine Betriebswirtschaft. Die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise von sozialen oder kommunalen oder staatlichen Einrichtungen halte ich für verheerend. Aber wir versuchen natürlich das Beste, obwohl wir ja keine Bibliothekare sind – man muss sich das nicht einbilden, ein Bibliothekar hat einfach mal ein Hochschulstudium hinter sich. Und man muss sich nicht einbilden, ach jetzt gehe ich mal in die Bibliothek und dann mache ich das. Oder ich stelle mich an den Tresen, mach einen VÖBB-Kurs und dann geht das schon. Bibliothek ist weit mehr, als nur Dinge ausleihen und wieder in Empfang zu nehmen und das richtig zu buchen. Ein Bibliothekar ist ja kein Handwerker. Darum haben wir gesagt, wir brauchen natürlich eine fachliche Betreuung. Das wird noch verhandelt.

Karsten Schuldt: War das am Anfang der Proteste schon so klar oder hat sich das mit der Zeit in einem Diskussionsprozess ergeben?

Peter Venus: Dass war natürlich ein Entwicklungsprozess. Also, erst mal deswegen, weil wir sagen: Bibliotheken sind eine
staatliche Aufgabe – dafür muss man kämpfen. Es kann nicht sein, dass der Staat sich
arm macht – die letzten Unternehmensgeschenke waren irgendwie acht Milliarden oder noch mehr, nur von der letzten Unternehmenssteuersenkung –, immer mehr Leistungen des Staates herunter geschraubt werden, zugunsten der Reichen und der Superreichen und die Bürger machen das dann im Ehrenamt weiter. Das geht nicht, das ist die falsche Strategie.

Da musst du für kämpfen, dass in dem Land, das eines der reichsten der Welt ist, Kultur einfach mal Daseinsfürsorge ist, staatliche Aufgabe.

Karsten Schuldt: Aber gleichzeitig wird doch das Ehrenamt auch positiv gesehen? Dass sich Menschen für Dinge engagieren, die ihnen wichtig sind, ist doch ein notwendiger Bestandteil jeder demokratischen Gesellschaft.

Peter Venus: Ehrenamt ist was Positives. Aber wenn durch das Ehrenamt staatliche Aufgaben übernommen werden. Ich meine, wenn ein Krankenhaus geschlossen wird, geht ja keiner hin: so, jetzt mache ich ehrenamtlich den Chirurgen. Das funktioniert ja irgendwie nicht. Da wird es jedem sofort klar. Aber in Bildung und Kultur denkt man immer: na ja, das kann ja jeder. Das ist aber ein Irrtum. Die Leute haben auch eine Hochschulausbildung. Und vor allem müssen die Fachleute sein, die auch bezahlt werden.

Es gibt ja auch von Bibliothekaren und Bibliothekarinnen die Angst: wenn das alles gut geht, mit dem Ehrenamt, dann baut man uns ja noch mehr ab. Das wollen wir auf gar keinen Fall erzeugen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir kämpfen darum, dass diese Bibliothek eine staatliche Bibliothek bleibt, wo Leute im Öffentlichen Dienst arbeiten und entsprechend ihrer Ausbildung bezahlt werden. Dafür kämpfen wir. Also auch für Arbeitsplätze.

Der Verein Pro Kiez hat zwar das unmittelbare Ziel die Bibliothek am Leben zu erhalten, aber er hat natürlich noch ein paar andere Ziele. Nämlich übergreifend die Lebensqualität zu heben, durchaus auch in anderen Bereichen, wenn die aktuell werden. Das heißt ja nicht Pro Kiez Bibliothek oder so, sondern Pro Kiez Bötzowviertel.

Karsten Schuldt: Mich würde interessieren, aus wem sich dieser Verein zusammensetzt. Ist das eine Künstlergruppe? Ich hatte das so wahrgenommen.

Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek im Eliashof): Ja, also ich selbst verstehe mich als Autor und Gesellschaftskritiker. Derjenige, der sich am meisten um die Vereinsgründung gekümmert hat, M., der ist Komponist. Das war eine bunte Anzahl von Interessierten, die eben unbedingt wollten, dass die Bibliothek erhalten bleibt. Und die eigentlich das Angebot erweitern wollten. Zum Beispiel mit Lesungen, die wir auch schon gemacht haben, mit Konzerten, vielleicht sogar Ausstellungen. Das war eigentlich der Plan. Und dass es jetzt umgedreht gekommen ist, war nicht geplant.

Wir wollten zwar auch mit unserer Arbeitszeit und so weiter diese Bibliothek unterstützen. Aber wir wollten nicht vollständig das ehrenamtliche Konzept übernehmen, das heißt: ehrenamtliche Leute betreiben letztendlich die Bibliothek. Das war immer die Gefahr, die wir gesehen haben: a.) ist es unsere Zeit, das ist praktisch eine verdeckte Form vor Schwarzarbeit. Das ist zwar entgeltlos, aber es ist eigentlich nicht in Ordnung. Und b.) ist das Problem bei Vereinen, dass die Unabhängigkeit vielleicht gar nicht mehr gegeben ist. Was macht man, wenn irgend so ein Sponsor auftaucht und sagt, ja, ich sponsere hier die Bibliothek und dafür möchte ich, dass bestimmte Bestände hineingestellt werden? Ich sag jetzt mal Scientology oder so was oder irgendwelche politischen Richtungen. Man kann dann wahrscheinlich sehr wenig dagegen tun. Auch ein Verein muss die Kosten decken.

Vorstellungen und Wahrnehmungen von Bibliotheken

Das Engagement für die jeweiligen Bibliotheken motivierte sich bei den Einzelnen Aktiven
auch über ihre Wahrnehmung von Bibliotheken. Gleichzeitig haben sie sich in den Monaten vor den Interviews intensiv mit Bibliotheken auseinandergesetzt. Im folgenden, letzten Abschnitt schildern sie ihre Ansichten von der Aufgabe öffentlicher Bibliotheken. Sichtbar wurde bei diesen Ausführungen unter anderem, dass sich aktive Initiativen vor allem dort bilden, wo die jeweilige Bibliothek in den Jahren oder Jahrzehnten zuvor eine aktive und positiv wahrgenommene Rolle gespielt hat. Eine der größten Rückversicherungen von Öffentlichen Bibliotheken für die Zukunft, scheint insoweit die von den jeweiligen Nutzenden als positiv wahrgenommene Arbeit zu sein.

Wahrnehmung der Arbeit vor der Schließung

Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek): Die Situation am Nauener Platz ist die, dass vor wenigen Jahren der Nauener Platz selbst ziemlich herunter gekommen war. Das war ein starkes Drogenumfeld, Kleinkriminalität, wobei letzteres da immer noch vorherrscht. Aber der Nauener Platz selbst, da gibt es das Jugendzentrum und davor diesen Platz, wo auch noch ein Spielplatz angesiedelt ist und da war eigentlich immer die Drogenszene. Und fünfzig Meter weiter links, oder siebzig Meter, ist die Bibliothek. Das ist sozusagen das Umfeld, in dem das stattfand. Außerdem gibt es die Initiative Nauener Neu, die sich mit Bundesmitteln bemüht, diesen Bereich quasi wieder sozial aufzuwerten.

Viele denken, das betrifft nur den Platz. Dachte ich auch immer. Das sah man dann ja auch: Bürger haben Hand angelegt und Sträucher zurück geschnitten und so weiter, so dass sich da die Alkoholiker nicht mehr tummeln konnten. Wo die jetzt sind, weiß ich nicht. Die laufen wahrscheinlich drei Ecken weiter. Aber es wurde einfach alles verschönert, so dass es wieder öffentlich zugänglich ist, dass man sich da überhaupt wieder hintrauen kann auf diesen Spielplatz. Zu dem Arbeitsfeld von Nauener Neu gehört aber ein sehr großer Kreis, das geht bis hoch zur Badstraße und das umfasst eigentlich ganz viele, auch leer stehende Ladenlokale und so weiter. Dieser ganze Bereich, in dem die Jerusalem-Jugendbibliothek zehnmal drin vorkommt. Die Reinickendorfer Straße, an der dieses alles liegt, gehört mittlerweile zur schlimmsten Straße von Mitte. Das war ja lange Zeit der Soldiner Kiez, der ist es aber schon lange nicht mehr.

Karsten Schuldt: Und die Bedeutung der Bibliothek in diesem Kiez?

Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek): Ja, die ist natürlich genauso wichtig, wie das Jugendzentrum selbst. In dem Jugendzentrum sind ja Teens bis Ältere, die sich dort aufhalten. Das sind reine Freizeitangebote und da ist einiges installiert, die Räume sind alle voll. Die Kinder- und Jugendbibliothek selber richtet sich da ein bisschen an die Jüngeren. Das geht los ab zwei bis vier Jahre, also mit Bilderbüchern, die da bereitgehalten werden. Teenies findet man da in den oberen Etagen, wo Medien für Ältere bereitgestellt werden, beziehungsweise wo Computer- Internetarbeitsplätze sind. Die Bibliothek ist keine reine Ausleihe, sondern es ist halt ein Sozialraum, ein Aufenthaltsraum für Kinder. Also, ich kenne Bibliotheken aus kleinen Städten, da geht man hin, nimmt ein paar Bücher mit und geht wieder. Das ist aber kein sozialer Kommunikationsraum. Die Jerusalem-Bibliothek ist das aber. Schon allein durch die Angebote, die da stattfinden: Hausaufgabenhilfe, Spracherziehung im weitesten Sinne, Sprachförderung und diese ganzen Maßnahmen.

Das sind natürlich auch verschiedene Welten. In dem Jugendzentrum treffen sich die einen, in den Bibliotheken die anderen. Zum Beispiel Kinder, die in der Freizeit nicht zusammen spielen dürfen, nicht zusammen kommen dürfen, treffen sich unter der Maßgabe, da was für die Schule zu tun in der Bibliothek. Das sind nicht zu unterschätzende Effekte, die da passieren, die aber politisch keine Bedeutung haben. Jedenfalls nicht in klammen Zeiten wie diesen.

Ich hab die Bibliothek schon vor zehn Jahren kennen gelernt, als sie gerade zur reinen Kinderbibliothek umfunktioniert wurde, dadurch, dass mein Sohn in das bibliotheksfähige Alter kam. Das war 1996/97. Und ich fand die Bibliothek für mich als Elternteil toll, weil sie eben sehr vielfältige Medien bereithält. Also jetzt nicht vielfältig im Sinne von es gibt Videos, es gibt CDs, es gibt Bücher, sondern eben von allen auch eine gewisse Tiefe. Die Auswahl an Bilderbüchern, die ja damals in der ersten Phase wichtig waren und dann die ersten Vorlesebücher, ist dort enorm groß und qualitativ richtig gut. Parallel dazu das Angebot an Brettspielen: klasse. Und als mein Sohn älter wurde, wanderte er sozusagen in die zweite Etage der Bibliothek, wo die Jugendmedien bereitgehalten werden. Und da fand er auch immer was. Also, es ist schon vom Angebot her eine richtig gute Bibliothek. Was natürlich bei der Fläche eben auch machbar ist, für ein gutes Angebot zu sorgen. Als dann unsere Tochter zur Welt kam, ging es sozusagen wieder los, unten in der Abteilung für die ganz Kleinen.

Und was ich auch immer gut fand, war, dass an den sechs PC-Arbeitsplätzen, sich die ganzen Teenies tummeln, aber da oben auch immer eine Mitarbeiterin sitzt, die dort den Bestand verwaltet und immer ein Auge auf diese Kinder hat. Da geht es auch ein bisschen lauter zu und da gibt es manchmal Streit. Das heißt, dass die das so cool gemanagt haben, eigentlich, diese sechs Wahnsinnigen, die vor den PCs sitzen, irgendwie im Zaum zu halten und natürlich auch dafür zu sorgen, dass die da nicht auf irgendwelchen unsinnigen Internetseiten rumsurfen - das ist ja im Grunde auch so eine Kontrolle, die auch immer stattfindet, die fand ich eigentlich immer ziemlich cool. Ich habe so am Rande immer mitbekommen, was sie noch alles machen. Die haben ja für Kindergärten vormittags Aktionen gehabt und dann die ganze Hausaufgabenhilfe, die sie mit Ehrenamtlichen angeboten haben, die sich da um die Kinder gekümmert haben, wo die Kinder auch täglich die gleichen Ansprechpartner hatten. Und vor allen Dinge ein unglaublich nettes Personal, was sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Das fand ich immer unglaublich. Das fand ich faszinierend, wo ich ja schon bei zwei Kindern manchmal ausrasten könnte.

Karsten Schuldt: Kannst du schildern, wie die Arbeit der Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Kiez bisher wahrgenommen wurde? Die ist schon integriert gewesen, oder?

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Absolut. Absolut. Sonst wäre die Bürgerbewegung gar nicht entstanden. Sonst hätten wir auch gar nicht innerhalb von ein paar Tagen über 4.000 Unterschriften gesammelt auf dem Kiez, wenn die nicht integriert gewesen wäre.

Kinder- und Jugendbibliothek oder Familienbibliothek?

Auffällig ist ein Dissens, der sich zwischen der Initiative für Jerusalem-Bibliothek und Pro
Kiez bei der Bewertung von expliziten Kinder- und Jugendbibliotheken auftat. Die beiden vertretenen Positionen finden sich bekanntlich auch in der bibliothekarischen Debatte wieder.

Karsten Schuldt: Welchen Einfluss hatte es eigentlich für euren Protest, dass die Jerusalem-Bibliothek eine reine Kinder- und Jugendbibliothek war?

Tom Schweers: Wenn das eine gemischte Bibliothek gewesen wäre, für Kinder und Erwachsene, dann hätte es den Protest genauso gegeben. Vorausgesetzt, wenn diese Kinderbibliothek auch eine derartige soziale Bedeutung für den Kiez gehabt hätte. Es gibt ja auch gemischte Bibliotheken, die machen halt nur Bücherausleihe und das war es. Da ist denn natürlich schwierig, für den Erhalt einer solchen Bibliothek zu kämpfen, weil dann schnell das Argument kommt: na, dann wird die zugemacht und du fährst halt einen Kilometer weiter zu der anderen. Die Idee Kinder- und Erwachsenenbibliothek fußt ja darauf, dass Kinder und Erwachsene gemeinsam in die Bibliothek gehen – das ist jedenfalls der Wunschtraum der politischen Bibliotheksamtsleiter.

Wäre es eine dieser normalen Bibliotheken gewesen, dann hätten wir sozusagen nicht diesen Pfund gehabt und diese Vorzüge, die eben in der Jerusalem verwirklicht wurden, da zu sein im Alltag der Kinder, welche gerade in diesem Kiez zuhause nichts zu melden haben oder um die sich niemand kümmert oder die da in welcher Form auch immer verwahrlosen. Das ist natürlich der Grund gewesen, sich für die Bibliothek einzusetzen. Das war auch das allererste, was mir sofort klar war: ich gehöre nun mal nicht zu den verwahrlosten Familien. Und ich wohne auch nicht im Einzugsgebiet, wenn man so will. Aber mir war sofort klar, wenn man die Bibliothek hier schließt – und ich hab ja die Kinder gesehen, die da hingegen, tagtäglich und die da eben ohne ihre Eltern hingegangen sind, ab sechs Jahren schon –, da war mir sofort klar, denen nimmt man was weg. Die werden nicht den Weg auf sich nehmen in die Luisenbad-Bibliothek zu gehen. Das machen die nicht. Und das ist eine Schweinerei, das geht nicht angesichts des heutigen Gejaules um Bildung, Verwahrlosung und dass die Kinder kein Deutsch mehr sprechen könnten. Da so ein Haus zu schließen, das war mir sofort klar, dass ist einfach unverantwortlich.

Ich finde es besser, die Möglichkeit zu haben, hier in so einer Großstadt, eine reine Erwachsenenbibliothek und eine Kinderbibliothek zu haben. Das finde ich viel effektiver. Ich muss, wenn ich mit meiner Tochter in die Bibliothek gehe, mich eh die ganze Zeit um sie kümmern. Die sucht da nicht eine halbe Stunde rum und ich such dann in der anderen Etage eine halbe Stunde in der Erwachsenenliteratur rum. Die kommt dann nach zehn Minuten, weil ihr langweilig ist. Ich muss ihr auch ein paar Vorschläge unterbreiten, sonst nimmt sie ein Buch nach dem anderen aus dem Regal und sagt: die nehme ich jetzt alle mit. Dann haben wir da zwanzig Bücher, zwanzig Hörspiele auf CD und dann muss ich nämlich doch aussortieren. Das ist nicht so, wie es von der Amtsleitung Bibliotheken und von der Bezirksstadträtin dargestellt wird, dass das ein unheimlicher Vorteil ist, eine gemeinsame Bibliothek zu erhalten. Das haben die natürlich nur gesagt, um die Schließung zu rechtfertigen. Der Vorteil lag wirklich darin, dass es getrennt war.

Das kriegen ja mittlerweile die Nutzer der Luisenbad-Bibliothek zu spüren, die jetzt vermehrt nachfragen: sie wird wirklich geschlossen, die Jerusalem? Jetzt kriegen die nämlich Muffensausen, wenn sie sehen, ihre wunderbare Erwachsenenbibliothek wird von schreienden Kindern zermalmt. Man kann also oben[ Fn8] nicht mehr unbedingt in aller Ruhe in diesem Lesebereich sitzen und Tageszeitungen studieren, die Oberschüler können sich nicht mehr unbedingt in aller Ruhe auf Prüfungen vorbereiten – das wird da jetzt ein bisschen lauter werden. Das ist wie eine siebenköpfige Familie, die jetzt in eine fünfzig Quadratmeterwohnung ziehen muss.

Karsten Schuldt: Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek beinhaltete ja die Nobi, also eine Kinder- und Jugendbibliothek in der ersten und die Erwachsenenbibliothek in der zweiten Etage. Wurde der Protest auf einen Schwerpunkt konzentriert oder wurden beide Schwerpunkte als Gesamtheit gesehen?

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Als Gesamtheit. Die Kinderbibliothek wird jetzt integriert in die Stadtteilbibliothek, als Familienbibliothek. Und wir machen natürlich Leseförderung für Kinder, in Zusammenarbeit mit den Kitas, mit den Schulen. Und gleich um die Ecke ist eine Musikschule, auch mit der arbeiten wir zusammen. Aber die Bibliothek wird schon deswegen zusammengelegt, weil sonst bräuchten wir ja zwei Tresen und das kriegt man nicht in den Griff. Das Erdgeschoss wird aufgelöst und der Bestand kommt in den zweiten Stock. Im Erdgeschoss bleibt der Veranstaltungsraum für Lesungen und Kinder und so weiter. Aber es wird zusammengelegt, auch vor dem Hintergrund, dass Kinder ja älter werden. Also, wir wollen auf gar keinen Fall nur eine Kinderbibliothek. Wir haben immer gesagt, und da hat auch niemand wirklich widersprochen, dass es eine Familienbibliothek sein soll. Diese Trennung finde ich eh ziemlich unglücklich. Erstens kommen Kinder mit den Eltern in die Bibliothek und zweitens, ein vierzehnfünfzehnjähriger liest halt dann, das, was er liest. Ich hab da auch keine Kinderbücher mehr gelesen. Und deshalb ist es gut, wenn man das alles in einem Bestand hat und sich den Familien altersübergreifend öffnet.

Die Aufgabe Öffentlicher Bibliotheken

Als letzten Punkt interessierte mich jeweils, wie die Aktiven die Aufgabe und Zukunft Öffentlicher Bibliotheken, abstrahiert von den spezifischen Einrichtungen, für die sie sich selber engagiert hatten, bestimmen würden.

Tom Schweers (Initiative für die Jerusalem-Bibliothek): Die Aufgabe einer Öffentlichen Bibliothek ist es, Bildung nahezubringen. Und zwar ohne Aufwand, ohne dass man sich das mühsam irgendwo her beschaffen muss, ohne dass es Geld kostet. Sondern, dass einfach Bildung präsent ist, in einem Ortsteil, in der Bevölkerung und das jeder, der das möchte, darauf zugreifen kann. Das ist für mich die Aufgabe einer öffentlichen Bibliothek. Weil, dass muss man ja nicht mehr großartig erklären, Bildung der Schlüssel zu einem sozialen Verhalten ist und überhaupt zu Erfolg oder was man Erfolg nennen mag im Leben. Und Bildung ist natürlich auch der Schlüssel zur Meinungsbildung. Wenn ich doof bin und nicht in der Lage bin, zu realisieren, dass es verschiedene Quellen gibt und wie ich die einzuschätzen habe, dann lese ich die BILD- Zeitung und glaube, was auf der ersten Seite steht. Da war ich dann wahrscheinlich kein Bibliotheksgänger.

Karsten Schuldt: Hat Öffentliche Bibliothek an sich eine soziale Funktion oder war das etwas Spezielles bei der Jerusalem-Bibliothek?

Tom Schweers: Jede Öffentliche Bibliothek hat natürlich eine soziale Funktion. Sie schafft ja eigentlich das, was Fernsehen tagtäglich schafft. Man sieht was im Fernsehen und dann unterhält man sich darüber. Man geht in die Bibliothek und ein Kind leiht sich den neuesten Harry-Potter-Band aus, weil er vielleicht super teuer ist und kann dann mit anderen darüber reden. Das schafft ja Kommunikation, wenn man über Bücher miteinander ins Gespräch kommt. Oder ich interessiere mich jetzt als Jugendlicher für die Digitalfotographie oder was weiß ich und kann mir so einen Schinken für 25 Euro nicht leisten, wo alles drin steht – dann gehe ich halt in die Bibliothek und leihe mir das aus. Das schafft ja eine extrem nachhaltige Wirkung. Man kann total viel lernen und zwar ohne Zwang von Schule, Kindergarten. Das ist halt ein freiwilliges Lernen. Ich gehe da ja nur hin und hole mir die Sachen, die mich interessieren. Und nicht die, die jetzt für den Lehrer interessant sind oder für meine Eltern oder so. Und das ist sehr bedeutend.

Und eine Bibliothek, die mehr schafft, als nur Ausleihe zu sein, die schafft natürlich einen behüteten Kommunikationsraum für Kinder und Jugendliche, den es ja zunehmend nicht mehr gibt. Es wird ja immer mehr dicht gemacht. Also in der DDR oder der Nach-DDR, ab '90 fing es an, mit der ganzen Schließung von Jugendzentren und -heimen und setzt sich ja mittlerweile hier [im Wedding, im ehemaligen Berlin (West)] genauso fort. Und auch so ein Jugendzentrum am Nauener Platz muss sich jetzt der Evaluation stellen, weil überlegt wird: das können wir uns eigentlich gar nicht mehr leisten.

Weshalb ich immer in die Luise gefahren bin, war wegen dem umfangreichen Angebot an Stiftung Warentest und Ökotest-Zeitschriften. Ich bin ein Test-Fetischist. Ich kann nicht in den Laden gehen und irgendwas kaufen, weil ich es mir dann nicht verwinden kann, mich dann nach einem halben Jahr zu ärgern, dass das Zeug kaputt ist und ich hätte es vorher wissen können. Das fand ich immer super, dass man die Möglichkeit hat, sozusagen bei tagesaktuellen Sachen Unterstützung zu finden. Ich will mir einen neuen Fön kaufen, was kauf ich? Ich kauf mir einen DVD-Player, worauf muss ich achten? Das finde ich wichtig. Das leisten Bibliotheken ja. Genauso, wie sie leisten, ein Angebot an Tageszeitungen oder Magazinen bereit zu halten

Peter Venus (Pro Kiez, Kurt-Tucholsky-Bibliothek): Also, so eine Stadtteil- oder Kiezbibliothek hat natürlich eine Kommunikationsaufgabe. Insbesondere, wenn es Veranstaltungsräume gibt. Man geht zusammen hin, sucht sich was aus, lässt sich da beraten. Auch innerhalb des VÖBB: ich bestelle was und hole es da ab und bringe es da auch wieder hin. Und muss nicht fünf Kilometer fahren. Oder zehn. Es ist ein Kommunikationsort. Ein Kommunikationsort mit Menschen, aber auch ein Kommunikationsort mit Medien. Und zwar nicht nur mit Büchern, sondern auch mit audiovisuellen Medien. Da ist der Bestand da [in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek] ja relativ hoch.

Karsten Schuldt: Und was ist dann die Aufgabe von großen Bibliotheken?

Peter Venus: Die großen Bibliotheken haben von der Kommunikationsfunktion her keine andere Funktion. Die sind nur viel größer und haben viel mehr Apparat, weil sie für die kleinen Bibliotheken Verwaltungsaufgaben übernehmen.

Michael Haufe (Jederzeit Musik, Bibliothek im Eliashof): Bibliothek ist ja nicht nur das Hinstellen von Büchern, nicht nur das Bereitstellen und das Sortieren. Sondern auch, wenn jemand kommt und sagt: ich habe da ein Buch, ich weiß jetzt den Titel nicht mehr oder ich weiß jetzt den Autor nicht mehr, können sie mir mal helfen, oder wo finde ich denn das, wenn ich es hier nicht finde? Und so weiter. Und für diese ganzen Fragen und Antworten stehen die Mitarbeiter bereit. Und das machen sie einfach ganz natürlich. Ich würde sagen, es gibt bestimmte Aufgaben, die wahrscheinlich alle Bibliotheken erfüllen müssen oder sollen. Zum Beispiel Bücher beziehungsweise Medien bereit zu stellen. Das ist natürlich die Aufgabe einer kleinen, wie einer größeren Bibliothek. Aber dann gibt es große Bibliotheken, welche die Aufgabe haben, möglichst alles, was überhaupt existiert, zur Verfügung zu stellen, also es notfalls auch aus einer anderen großen Bibliothek zu besorgen. Das ist eine Aufgabe einer großen Bibliothek. Währenddessen die Aufgabe einer kleinen Bibliothek eher ist, überhaupt etwas anzubieten, einen Überblick über das, was vorhanden ist, anzudeuten.

Ich meine, man muss sich das mal vorstellen, wie viele Bücher es gibt, also wie viele jährlich dazu kommen. Man kann gar nicht mehr alle Bücher in diesen kleinen Bibliotheken zur Verfügung stellen, sondern nur noch immer eine Auswahl und einen Überblick. Und dieses ist eine Leistung, die nur Personal erbringen kann, dass die Zeit hat, sich weiterzubilden, das die Zeit hat, eine Auswahl zu treffen, das auch eine Qualifikation dafür hat.

Und dann hat natürlich eine Bibliothek die Aufgabe nahe zu sein. Sie muss schnell erreichbar sein. Eine Bibliothek, zu der ich erst eine Stunde oder zwei Stunden unterwegs bin, in einer Zeit, wo wir heute keine Zeit mehr haben, das geht nicht. Nicht, wenn ich sie möglichst täglich nutzen will. Und das ist die nächste Aufgabe der Bibliothek: sie sollte so gestaltet sein, dass man sie wirklich zum täglichen Bedarf nutzen kann. Dass man wenigsten ein-zwei-drei Mal in der Woche da vorbei gehen kann, ein Buch sich ausleihen kann, mal sich hinsetzen kann, vielleicht wenn ein Internetanschluss vorhanden ist, eine Recherche machen. Dass Mitarbeiter da sind, die man ansprechen kann – und dafür sind kleine Bibliotheken unwahrscheinlich wichtig. Und natürlich sind nahe gelegene Bibliotheken für Kinder unglaublich wichtig. Für Kinder ist es nicht gut, wenn die in einer so großen Stadt wie Berlin mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Bibliothek fahren müssen.

Das heißt von den großen Bibliotheken, tatsächlich bräuchte man nur bloß eine oder zwei, maximal. Wir haben aber mehrere so große Bibliotheken in der Stadt, was gar nicht unbedingt nötig wäre. Dafür werden aber diese kleinen Stadtteilbibliotheken, alle geschlossen, die werden zentralisiert. Das ist meines Erachtens unlogisch. Wir haben dreieinhalb Millionen Einwohner. Und mir wäre es lieb, wenn es eine zentrale Bibliothek gibt, die wirklich alles hat, wo man alles findet. Das wäre vollkommen okay. Aber das ist für den Fall, dass man jedes Buch möglichst zur Verfügung haben möchte.

Für den Fall, dass jemand im Kiez wohnt und dort seine Kinder in die Bibliothek schicken will, beziehungsweise die Kinder von sich aus in die Bibliothek gehen, braucht man Stadtteilbibliotheken. Die räumliche Nähe ist, glaube ich, schon wichtig. Also, warum nicht? Da könnte man auch sagen, okay, dann bräuchte man doch keine Einkaufscenter an jeder Ecke. Dann würde es doch reichen, wir haben in der Stadt einen großen Einkaufstempel, der ist innerhalb eine Stunde mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu erreichen und das reicht aus. Nicht wahr? Und so ist es nicht. Wir haben überall Einkaufstempel, überall gibt es Einkaufsmöglichkeiten, weit mehr als es Bibliotheken gibt. Und das ist doch schon merkwürdig.

Karsten Schuldt: Oft werden ja, wenn solche Stadtteilbibliotheken geschlossen werden, gerade für Kinder, Bücherbusse eingerichtet. Damit zumindest eine bibliothekarische Grundversorgung gegeben ist.

Michael Haufe: Ja, es ist eben auch nur ein Notersatz. Die Kinder, die gehen notgedrungen zum Bücherbus. Wenn es natürlich eine Bibliothek gäbe, wo sie hingehen können, wo sie sich auch einmal zurückziehen können, würde sie da hingehen – ich glaube, das ist auch ein sogenannter Migrationsraum, die Bibliothek. Man kann sich in die Welt der Bücher, der Autoren zurückziehen, man hat seine Ruhe, man kann diesen Stress – vielleicht wird man gemobbt in der Schule oder dieses oder jenes, vom Lehrer oder von den Eltern oder von den Geschwistern – zurückziehen.

Das ist auch meine persönliche Motivation. Also für mich ist einfach eine Welt aufgegangen, als ich in so eine kleine Dorfbibliothek gehen konnte. Wir hatten so eine kleine Bibliothek in unserem Dorf und die hat jetzt sicherlich keinen großen Bestand gehabt, aber für ein Kind ist es nicht wichtig, dass eine Bibliothek hunderttausend Bücher hat, sondern da reichen ein paar hundert gute Bücher aus. Das ist sogar besser, weil man dann den Überblick hat und man die Hoffnung hat, okay, diese Woche lese ich jenes und nächste Woche lese ich dann das. Und wenn man jetzt erschlagen wird mit ein paar Millionen Büchern, dann ist eigentlich klar, dass man das gar nicht mehr alles schaffen kann. Und ich glaube, man muss einfach das Angebot der Bibliothek zur Verfügung stellen. Da hängt das dann natürlich von den Mitarbeitern ab, welche Mühe geben die sich, welches Engagement haben die, haben die vielleicht sogar ein größeres Engagement, wenn es ehrenamtlich betrieben ist oder nicht? Das kann man nicht sagen. Nur, weil es ehrenamtlich ist, kann man nicht sagen, ob da jetzt die Mitarbeiter freundlicher oder kompetenter sind. Aber ich glaube, ein ausgebildeter Bibliothekar, der hat einfach eine andere Kompetenz. Das ist auch eine öffentliche Aufgabe, ja, das ist eine Ausgabe und eine Aufgabe, öffentliche Bibliothekare auszubilden. Und wir sagen ja auch allgemein, als Deutsche, wir wollen eine Wissensgesellschaft sein. Das heißt, wir müssen uns sowieso über die Rezeption Gedanken machen.

Das Problem ist eben, heute gibt es derart viele gute Werke, Produkte, Bücher, Filme, Musik – alles Mögliche. Und es ist eigentlich gar nicht mehr möglich, es überhaupt vollständig zu rezipieren. Man muss die Rezeption praktisch organisieren. Also man braucht eigentlich sogar noch besser ausgebildete Bibliothekare, die sich sozusagen auch noch um diese Wissensverwaltung, nicht nur um die Archivierung, sondern auch noch um die Verwaltung, die Wissensverteilung kümmern. Das wäre die Aufgabe, das noch zu fördern. Eigentlich müsste heute fast jeder Bürger zum Bibliothekar ausgebildet werden, wenn man es genau nimmt. Also, Bibliothekar heißt ja sozusagen Wissen archivieren, sortieren und wiederum zur Verfügung zu stellen. Und eigentlich müsste das jeder von uns können, eigentlich könnte das ein Grundfach sein.

Karsten Schuldt: Was wird dann deiner Meinung nach die Zukunft der Bibliotheken sein?

Michael Haufe: Jetzt, ob noch mehr abgebaut werden oder nicht? Das kann gut sein, dass noch mehr abgebaut werden, dass eben immer mehr gesagt wird, ach, es gibt doch Internet. Vielleicht kommt das auch anders. In Amerika gibt es ja oftmals diese Info-Center, wo du alles hast, also Bibliothek, Internet und ich weiß nicht, was noch alles Mögliche. So ein Dienstleistungs- Wissenszentrum, letztendlich. Und vielleicht wird der Trend dahin gehen. Ich weiß es nicht. Es kann durchaus sein, dass noch mehr abgebaut wird, in der Zukunft, das noch mehr geschlossen wird. Das man eben meint, man hätte dafür kein Geld. Man kann natürlich in den Buchladen gehen und sich Bücher kaufen, das ist ganz richtig.

Aber viele Sachen lernt man auch erst mal kennen, bevor man sie sich kauft. Und dazu sind Bibliotheken notwendig. Und Bibliotheken liefern auch so was wie einen Standard. Also, das was in der Bibliothek steht, zählt sozusagen zum öffentlichen Gemeingut. Das ist eine Auswahl, die ist relativ unumstritten. Wenn man der Meinung ist, dass man das abbauen kann, dann wird das vielleicht noch mehr abgebaut werden. Aber irgendwann wird es vielleicht auch Leute geben, die das wieder umkehren, hoffe ich einfach.

Karsten Schuldt: Zugespitzt sind deiner Meinung nach aber auch in der Bibliothek der Zukunft der Hauptteil der Medien Bücher?

Michael Haufe: Es wird möglicherweise noch mehr vermischen mit kulturellen Aspekten. Also vielleicht gibt es dann auch tatsächlich noch eine Schule dran. Nicht die normale, öffentliche Schule, sondern eine spezielle Schule, wo Sprachkurse stattfinden, oder Alte Sprachen, Latein oder dieses oder jenes. Die Bibliothek wird vielleicht gekoppelt sein mit einem Theater oder einem Veranstaltungsort, wo halt tatsächlich Konzerte stattfinden werden oder vielleicht sogar so eine Art Kino. In der Richtung wird es gekoppelt sein. Das ist einfach eine Frage in der Demokratie: Wofür wollen wir unsere Schulden machen? Machen wir unsere Schulden, in dem wir eben noch eine Straße bauen und noch ein Einkaufscenter unterstützen, oder wollen wir unsere Schulden machen, weil wir uns Bücher kaufen? Oder Medien?

Und, ja, es wird da Entwicklungen geben. Ich kann das nicht absehen. Vielleicht geht alles hin zum Fun, vielleicht geht es nur noch um Spielen, ja, vielleicht gibt es irgendwann virtuelle Bibliotheken, in der virtuellen Second Life World, dass man sagt, man braucht gar keine reale Bibliothek mehr, weil es ja virtuelle Bibliotheken gibt. Ich weiß es nicht genau.

Fußnoten

[Fn 1] Die fokussiert-narrativen Interviews wurden Ende Januar und Anfang Februar 2008 geführt. Die hier verwendete Transkription erfolgte von digitalen Aufnahmen der Interviews. Der Autor des Textes hatte die Proteste teilnehmend beobachtet. Die dabei gesammelten Erfahrungen flossen in die Interviews ein.(zurück)

[Fn 2] Da sich das Problem der Benennung der Stadtbezirke und Stadtteile bei lokalen Initiativen in Berlin beständig stellt, sollen sie hier vorab dargestellt werden. In Berlin existierten bis 2001 insgesamt 23 Bezirke, die intern wiederum in Ortsteile gegliedert waren, wobei sich hierbei zu großen Teilen historische Benennungen erhielten. Mit der Bezirksreform 2001 wurden diese zu 12 Bezirken zusammengefasst. Allerdings irritieren diese neuen Strukturen und Zuordnungen auch politisch Aktive kontinuierlich. Die Jerusalem-Bibliothek existierte im ehemaligen Bezirk und heutigen Ortsteil Wedding, dieser wiederum gehört heute zum Bezirk Berlin-Mitte. Wobei der Wedding gerade nicht zum weithin kulturell und touristisch bekannten Berliner Stadtzentrum gezählt wird, sondern lange als Problembezirk bekannt war.
Die Kurt-Tucholsky-Bibliothek und die Bibliothek im Eliashof finden sich, relativ nahe beieinander gelegen, im Ortsteil Prenzlauer Berg im Bezirk Pankow. Pankow selber heißt allerdings auch ein Ortsteil dieses Bezirkes, welcher gerade nicht repräsentativ für den Prenzlauer Berg ist. Dies führt oft zu Konfusion. Verstärkt wird dies dadurch, dass gerade der Kiez um die Bibliothek im Eliashof am Helmholtzplatz von Berlinunkundigen gewöhnlich als Beispiel des gentrifizierten Berlin-Mitte angeführt wird, obwohl dieser Kiez nicht zum Stadtbezirk Berlin-Mitte gehört. (
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[Fn 3] Die Jerusalem-Bibliothek sollte offiziell nicht geschlossen, sondern als Kinder- und Jugendabteilung in die Bibliothek am Luisenbad, welche im weiteren Interview zumeist „Luise“ genannt wurde, eingegliedert. (zurück)

[Fn 4] In der Verkehrszelle 1112-Pasteurstraße, die vom Statistischen Landesamt Berlin gebildet, für die Berliner Regionalstatistiken verwendet wird und in welcher der Bötzowkiez liegt, lebten am 31.12.2006, dem bislang letzten Stichtag, 11.598 Menschen. Allerdings decken sich die Verkehrzelle und der Bötzowkiez nicht vollständig. (zurück)

[Fn 5] Diese Frage ist etwas missverständlich. Sie bezieht sich nicht unbedingt auf die eigene politische Verortung des Interviewten, sondern auf die Politik der Linkspartei und der SPD, welche – teilweise zusammen mit der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen – die BVV Pankow dominieren und gleichzeitig seit 2001 das Land Berlin in einer so genannten rot-roten Koalition regieren. (zurück)

[Fn 6] Die große Koalition aus SPD und CDU regierte in Berlin über drei Wahlperioden hinweg von 1990 bis 2001. (zurück)

[Fn 7] Gemeint ist die Thomas-Dehler-Bibliothek in Berlin-Schöneberg, welche seit 2002 vom Freundeskreis der Thomas-Dehler-Bibliothek e.V. ehrenamtlich als Öffentliche Bibliothek betrieben wird. (zurück)

[Fn 8 Die Kinder- und Jugendabteilung der Bibliothek am Luisenbad soll in der unteren von zwei Etagen eingerichtet werden. (zurück)