> > > LIBREAS. Library Ideas # 10/11

Klassiker der Bibliothekskinderliteratur neu gelesen.
(Eine Art) Rezension zu: Patricia Lakin, John Manders (2002) Clarence the Copy Cat. New York: Doubleday Book for Young Readers, $ 15.95, ISBN 0-385-32747-1


Zitiervorschlag
Ben Kaden, "Klassiker der Bibliothekskinderliteratur neu gelesen.
(Eine Art) Rezension zu: Patricia Lakin, John Manders (2002) Clarence the Copy Cat. New York: Doubleday Book for Young Readers, $ 15.95, ISBN 0-385-32747-1. ". LIBREAS. Library Ideas, 10/11 ().



Von einer Katze lernen heißt siegen lernen.
Wobei siegen "locker durchkommen" meint,
also praktisch: liegen lernen.
(Robert Gernhardt)

In einer Einstellung in Fatih Akins aktuellem Kinofilm „Auf der anderen Seite“ blickt der Zuschauer geradewegs in eine deutschsprachige Buchhandlung irgendwo in Istanbul, deren Regale mit einigen Paletten dtv-Taschenbüchern – inklusive der fast vergessenen 1984er Ausgabe von Jörg Krichbaums Roman „Das Nebelzelt“ – ausstaffiert sind, und sieht in der Mitte des Bildes einen vollgestapelten Büchertisch auf dem schlafend eine Katze thront.

Wohin man den Blick auch richtet: Katzen und Bücher erscheinen als etablierte Korrelation. „Man kann im Leben auf vieles verzichten, aber nicht auf Katzen und Literatur“ – bepostert der berühmte kleine Buchhändler um die Ecke sein Schaufenster, und in der Tat scheinen Katzen dem literarischen Feingeist weitaus häufiger nahe zu stehen als jedes andere Haustier.

Wer schon einmal das Glück hatte, mit einer Katze ein paar Stunden lang in einem Bücherzimmer in der Lektüre eingeschlossen zu sein, wird dies verstehen. Ein gesundes Tier wird erst etwas irritiert schauen, sich dann an den Leser anschmiegen und sich zumeist quer über das Buch zu legen versuchen, bis es nach einem kurzen, gezielten Hinweis entschließt, sich auf dem Schoß oder den Füßen des Lesers, sofern etwas schüchtern, in einer anderen bequemen Stelle des Raumes zu platzieren – wobei das, was aus Katzensicht als bequem erscheint, sich von dem, was der Mensch für bequem hält, zutiefst unterscheiden kann – und sich als stiller Lektüregenosse ins Reich feliner Träume zurückziehen. Man ist wunderbar nicht allein und wird zugleich wunderbar in seinem Leseprozess nicht gestört. Lesen an einem stillen Ort und mit einer Katze im Raum ist für viele ein Inbegriff der Heimeligkeit. Zu recht.

Und beinahe folgerichtig bilden Katzen und Bibliotheken nicht selten des Öfteren eine Allianz aus stiller Tiefenlektüre und leisem Schnurren.

In einer späten Stunde in der Saur-Bibliothek des Instituts offenbarte sich dem Nachtarbeiter allerdings schlagartig, warum Katzen in Bibliotheken durchaus mehr als anschmiegsames Schmuckwerk darstellen. Denn dort knisterte es einmal gen Mitternacht im sonst totenstillen Raum im ersten Geschoß der Berliner Dorotheenstraße 26, wo es niemand ernsthaft vermutete. Dann, plötzlich bog ein Mäuseschwanz ohne Umschweife um die Regalecke und zwei knopfige Mauseaugen schauten ins Antlitz des späten Lesers. Die Überraschung war wohl auf beiden Seiten nennenswert und flink und fluchs huschte der kleine Nager viel schneller, als ein Mensch in solcher Lage überhaupt die Gedanken von Anette Droste-Hülshoffs „vielleicht ne sanduhr, die verrinnt? ein mäuschen, das im kalke rispelt?“ in die Realität umzulenken imstande ist, davon, unter der Tür hindurch, in die Nacht des Foyers. Wie Dewey, „Amerikas berühmtester Bibliothekskater“ (vgl. BuB, 10/2007, S. 695), in seinen späten Jahren reagiert hätte, vermag ich nicht abzuschätzen, aber als junger Mäuseschreck wäre er sicher sofort und geschickt losgezogen, um dem mäusigen Dasein in der Nacht gar grauslig spielerisch ein Ende zu bereiten.

Hierin offenbart sich ein Dilemma, dem sich jeder tierliebhabender Halter einer freilaufenden Katze regelmäßig ausgesetzt sieht. Robert Gernhardt, vielleicht einer der größten Katzenkenner in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte, formulierte einmal in einem Katzengedicht: „Es gibt ihrer so viele wie Spatzen im Land./Doch wer streichelt schon Spatzen?“

Die Katze sicher nicht. Und sie streichelt auch nicht die Jungmeisen und Spitzmäuschen, die an manchem Abend dem Menschen vor dem Terassenfenster dargeboten werden. Der kleine sanfte schnurrhaarige Freund des Menschen entpuppt sich in diesen Situationen als mitleidlose Kreatur, die ihrer Beute nicht einfach den Garaus macht, sondern vor aller Menschenaugen auch noch ein Spielspektakel, in dem es beinahe nie um Leben, sondern meist nur um den Tod des gefangenen Kleintieres geht, abspult.

Was tun, fragt sich der Mensch, aber wenn dem Spatzen schon die Flügel gebrochen sind, bleibt nur das Wegschauen. Die eine oder andere Maus mag man befreien, aber auch dann bleibt das schlechte Gefühl, denn nun fühlt sich wiederum die Katze in ihrer Natur verletzt und sucht so herzzereißend, dem Mäuselauf zu folgen, dass man sich ebenfalls heftig getroffen fühlt. Kurz: Ein Katzenhalter, dem die gehaltene Katze die halbtote Beute präsentiert, kann nur verlieren.

Mr. Spanner, Bibliothekar in der Barnstable Library in Patricia Larkins „Clarence the Copy Cat“ hat das seltene Glück, von diesem Dilemma von Vornherein nicht betroffen zu sein, auch wenn es ihm vielleicht nicht ganz bewusst ist. Der Bibliothekskater Clarence landete in der Bibliothek, nachdem er als Mausekatze sowohl in „Sam’s Sandwich Shop“, im Blumenladen „Forever Flowers“ und im „Ye Olde General Store“ auf ganzer Linie versagte, da er sich – warum auch immer – prinzipientreu die Mäusejagd auf ganzer Linie versagte.

Kater Max und Clarence die Kopiermieze auf dem selben Schlafbaum (Foto: Maxi Kindling)

Kater Max und Clarence die Kopiermieze auf dem selben Schlafbaum

Die Krämerseelen hatten dafür klischeegemäß wenig Verständnis. Für sie sind Katzen nur zum Mausen da und entsprechend zückte die Floristin Gladys den Besen und trieb Clarence mit einem beherzten „Scram, you no-mouser“ die Straße hinunter. Den Kater Dewey von der Spencer Public Library fand man einst in der Buchrückgabeklappe. Der Kater Clarence in Patricia Larkins Buch kollabierte in einem Schattenplätzchen auf der Schwelle der Barnstable Library und hatte das Glück in Mr. Spanner einen halbwegs aufgeschlossenen Hausherrn vorzufinden, der Clarence nicht nur duldete, sondern ihm sogar mit etwas Käse auf die Pfoten half. Clarence kam, aß und blieb und sein Lieblingsort wurde der Kopierer, auf dem er saß und die durchweg freundlichen Menschen beim Lesen und Leihen beobachtete.

Zudem entwickelte Clarence mit der Zeit bibliothekarisches Feingefühl und führte Mr. Spanner zu verstellten Büchern und verlorenen Stiften. Im Gegenzug wurde Clarence versorgt und gehegt und die Idylle hätte perfekt sein können.

Nun leben Geschichten zumeist auch von Spannungsbögen. So auch diese. Denn wo es hätte so schön sein können, brach – natürlich – völlig unerwartet die Katastrophe in die Idylle. Katastrophe bedeutet hier: eine Maus. Mr. Spanner, in seeliger Unkenntnis der Anti-Mäusefang-Einstellung des Clarence, wurde in seiner Erwartung eines schnellen Eingreifens der Kopiererkatze tief enttäuscht und musste das Mäusetier, wie auch dereinst der Nachtarbeiter in der Saur-Bibliothek – eigenhändig aus der Bücherhalle jagen.

Es folgte eine bittere Nacht für Clarence, in der er sein früheres Leben, was von „Feigheit vor der Maus“ und anschließender Verbannung geprägt war, vorüberziehen sah. Am nächsten Nachmittag, mitten in der Vorlesestunde geschah ähnliches und während die Maus die gemütliche Leserunde gründlich sprengte, versank Clarence regungslos in seinem Schlafkissen. Mr. Spanner war dies Anlass genug, seinen zurückhaltenden Kater argumentativ auf Linie zu bringen: „Mice like to eat books, you know“ – so die Nachschulung, die Clarence derart überzeugte, dass er in der Rettung der Bücher und damit seiner Heimat eine Mission sah, für deren Umsetzung er einen Plan entwickelte, der die Tötung der Maus umging, die Bibliothek aber vor den Besuchen der selbigen schützte. Alle Schlupfwinkel und Zugänge mussten verriegelt werden, wozu Clarence die Nacht und den Bibliotheksbestand rührend nutzte. Leider nicht überzeugend, denn statt zur Mäuseabwehr sollten aus der Sicht des Bibliothekars die Bücher zur Lektüre dienen, weswegen Mr. Spanner die Bibliothek wieder mäusebarrierenfrei räumte und prompt geschah am Nachmittag das Unvermeidliche: Die Maus kehrte zurück und der Bibliothekar griff zum Besen.

In dem sich anschließenden Kampf des Davids Maus und des Goliaths Mr. Spanner schien die Maus in einer Weise verloren, dass sich Clarence ohne zu überlegen zwischen Maus und Besen warf. Im dem aus dieser Konfrontation entstehenden Tohuwabohu wurde der vom potentiellen Mäuseschreck zum tatsächlichen Mäuseschützer erwachsene Kater aus den Kopierer geschleudert, welcher sich in Bewegung setzte und ein gar scheußlich verzerrtes Katerporträt anfertigte. Jeder, der in jungen Jahren als Praktikant in einer stillen Stunde sein Gesicht (hoffentlich nur das) einmal auf die Glasscheibe eines Kopiergerätes presste, um sich so ein möchtegern-lustiges Abbild seiner selbst für die Pinwand im Großraumbüro zu machen, kann sich das Entsetzen leicht vorstellen, welches Clarence und – noch wichtiger – die Maus packte, als das Blatt Papier und mit Katzenfratze ins Blickfeld wirbelte. Während sich Clarence jedoch von dem Schreck erholte, suchte die Maus für alle Zeit das Weite und die Idylle zwischen Mann und Miez zwischen den Bücherregalen ward endgültig gerettet...

Natürlich huscht der geübte Leser innerhalb weniger Minuten durch den schmalen Band, mit der wunderschön vorhersehbaren Geschichte, die John Manders (link) sehr hübsch illustrierte. Das Vergnügen, welches Menschen, die sowohl Katzen wie auch Bibliotheken mögen, dabei empfinden, bleibt davon ungeschmälert. Und der eigentlichen Zielgruppe wird ein durchweg pazifistisches – wenn auch konkret ziemlich unrealistisches – Problemlösungsverhalten vermittelt.

Dafür, wie man den Kindern erklärt, warum die Mieze zwar das Rotkehlchen gefressen hat, aber dennoch keine böse Miezekatze ist, muss man allerdings irgendetwas anderes als Ergänzung zu Rate ziehen. Um sich in der eigenen Zuneigung zu den feinen Lesebegleitern ausgiebig zu aalen, langt dieses Buch aber völlig.


Ben Kaden befindet sich in der Abschlussphase seines Studiums der Bibliothekswissenschaft, Soziologie und Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Rahmen seiner Magisterarbeit hat er sich mit den Einsatzmöglichkeiten von Web 2.0-Technologien in der Wissenschaftskommunikation beschäftigt.