> > > LIBREAS. Library Ideas # 10/11

Library 2.0 – eine Sammelrezension

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Zitiervorschlag
Monika Bargamnn, Susanne Tremml, "Library 2.0 – eine Sammelrezension". LIBREAS. Library Ideas, 10/11 ().


„Library 2.0“ – ein Begriff, der von Michael Casey vor zwei Jahren in seinem Weblog geprägt wurde, in Anlehnung an „Web 2.0“ – bezeichnet nicht nur die Anwendung von sozialer Software in Bibliotheken, sondern auch einen neuen Ansatz, die BenutzerInnen in die Bibliotheksarbeit mit einzubeziehen. Die Diskussion um eine so genannte „Bibliothek 2.0“ wird beileibe nicht nur in Weblogs, Wikis und Online-Communities geführt – für renommierte Bibliotheksverlage aus dem anglo-amerikanischen Raum scheint es Pflicht zu sein, auch ein Buch zu diesem Thema zu publizieren. Vier der bisher erschienenen Bände werden im Folgenden rezensiert.

Casey, Michael E.; Savastinuk, Laura C.: Library 2.0. A Guide to Participatory Library Service. Medford, NJ: Information Today, 2007. 197 S., $ 29,50 (rezensiert von S. Tremml)

In „Library 2.0. A Guide to Participatory Library Service” stellen Michael Casey und Laura Savastinuk den Begriff „Library 2.0” vor und zeigen, wie man Web 2.0-Anwendungen in Bibliotheken einsetzen kann. Beide Autoren gehören zu den ersten, die den Begriff „Library 2.0“ bzw. „Bibliothek 2.0“ verwendet haben. Michael Casey ist Abteilungsleiter des technischen Services an der Gwinnett County Public Library in Lawrenceville, Georgia. Laura Savastinuk ist dessen stellvertretende Filialleiterin. Casey ist außerdem Autor des Weblog „LibraryCrunch” (http://librarycrunch.com) und schreibt gemeinsam mit Michael Stephens die Kolumne “The Transparent Library” im Library Journal, zu dem es ein Weblog (/www.librarychange.com) gibt.

Casey und Savastinuk haben mit „Bibliothek 2.0“ ein informatives und lehrreiches Buch herausgebracht. Einem Neuling auf diesem Gebiet hilft dieses Buch zu definieren, was unter diesem Begriff verstanden werden kann und warum es für Bibliotheken wichtig ist, sich mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen. Interessant ist, dass die beiden Autoren nicht einfach die einzelnen Anwendungen wie interne und externe Blogs, Wikis, Instant Messaging und Chat, sowie Podcasting und Social Networking aufzählen, sondern ein wesentliches Augenmerk auf das Management und die Mitarbeiter der Bibliothek legen.

Die Autoren stellen klar, dass es ohne Mission Statement nicht geht. Die Bibliothek muss sich zunächst im Klaren sein, wo sie gerade steht, welche Kundengruppen sie anspricht und wie sie in Zukunft sein möchte. Erst wenn klar ist, welches Ziel die Bibliothek verfolgt, kann überlegt werden, welche Erneuerungen geplant werden sollen. Dabei bekräftigen die Autoren immer wieder, dass Offenheit gegenüber Veränderungen eine wichtige Voraussetzung dafür ist. Dies schadet der Bibliothek nicht, da sie somit für ihre Nutzer interessant bleibt. Die Bibliothek muss wie jedes andere Dienstleistungsunternehmen um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer werben, so die Autoren. Veränderung sollte daher immer Teil der Strategie sein. Außerdem heben Casey und Savastinuk den Wert von Mitarbeitern hervor, den “Librarians 2.0“. Diese wissen besonders um die Wünsche, Bedürfnisse und Probleme der Nutzer. Gerade die Mitarbeiter sollen in den Diskussions- und Entscheidungsprozess der neuen Services miteinbezogen werden, da sie schließlich diejenigen sind, die diese dann den Nutzern vermitteln sollen. Werden Mitarbeiter in die Veränderungen miteinbezogen, nimmt es ihnen auch die Angst davor.

Dieses Buch hilft all denen, die einen Eindruck davon haben möchten, was „Bibliothek 2.0“ heißen könnte, welche Möglichkeiten sich für die Bibliotheken dadurch ergeben. Abschließend stellen Casey und Stastinuk fest, dass Bibliotheken sich nicht um ihre Zukunft sorgen müssen. Entscheidend sei, so die Autoren, an der Zukunft teilzunehmen, und für Veränderungen und die Bedürfnisse der Nutzer offen zu sein.

Der „Guide to a participatory library service“ wird mit einem ausführlichen Appendix abgerundet, der zahlreiche Links und Quellen sowie die Studie „Libraries, Librarians and Change“ aus dem Jahr 2006 enthält..

Farkas, Meredith: Social Software in Libraries. Building Collaboration, Communication, and Community Online. Medford: Information today, 2007. 344 S., $39,50 (rezensiert von M. Bargmann)

Der Verlag hätte kaum eine überzeugendere Autorin für eine „Library 2.0“-Publikation finden können als Meredith Farkas. Sie sprang nicht auf einen Zug auf, sondern „lebt“ den Einsatz von sozialer Software – als Mitgestalterin des Online-Kurses „Five weeks to a social library“ (www.sociallibraries.com/course/) und Gründerin des „Library Success“-Wikis (www.libsuccess.org/) ebenso als Autorin des Weblogs „Information wants to be free“ (http://meredith.wolfwater.com/wordpress/index.php). Für die vorliegende Publikation sammelte Meredith Farkas sogar Cover-Vorschläge in der Photo-Community Flickr (www.flickr.com/groups/sociallibraries/).

Dennoch ist Farkas keine Fanatikerin, sondern bedenkt auch Hindernisse und Schwierigkeiten bei der Einführung von sozialer Software in Bibliotheken mit. Sie bietet gleich mehrere Möglichkeiten an, um zu überprüfen, ob das jeweilige Tool auch tatsächlich für den jeweiligen Einsatzbereich, die Belegschaft oder die jeweilige Institution geeignet ist. Dem widmet sie das Kapitel „What will work @ your library“ ebenso wie die besonders nützlichen Checklisten mit den wichtigsten Fragen, die sich Anwender stellen sollten, bevor sie sich für den Einsatz einer bestimmten Software oder Applikation entscheidet (Abschnitte „practical considerations“). Leider sind diese nicht in jedem Kapitel vorhanden.

Die einzelnen Kapitel werden durch Kurzinterviews mit Personen, die das jeweilige Tool bereits erfolgreich einsetzen und somit aus der Praxis berichten können, ergänzt.

Farkas behandelt die Bereiche Weblogs, Wikis, Online Communities, Social Networking, Social Bookmarking und Podcasting, aber auch virtuelle Auskunft, Benutzerkontakt per Mobiltelefon, Computerspiele und Screencasts. Somit gibt das Buch einen umfassenden Überblick über Software, mit denen Kommunikation, Kollaboration und Interaktion mit Personen innerhalb und außerhalb der jeweiligen Bibliothek gefördert werden kann. Teilweise geht das natürlich auf Kosten der Details, so fehlt der Rezensentin beim kurzen Kapitel über RSS eine konkretere Erklärung, wie das Erstellen eines RSS-Feeds genau funktioniert; auch für Fragen wie „Wie lege ich ein Wiki an?“ oder „Wie mache ich einen Podcast?“ wird man zusätzlich spezialisierte Literatur konsultieren müssen.

Ein eigenes Kapitel widmet sich der Frage, wie sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit und/oder über Social Software auf dem Laufenden halten können: Besonders nützlich dabei ist „Lesson 7: Keep up while keeping sane“, in der sich jede/r wiederfinden wird, der verzweifelt versucht, alle neuen Entwicklungen auf diesem Gebiet zu verfolgen.

Den Abschluss bildet das Kapitel „Future trends of social software“, das mit dem Rat schließt:

„Most importantly, try to keep up with your patrons and be willing to change. Social software offers unprecedented possibilities for communicating, collaborating, and building community with your patrons online, but these technologies are only tools. Your primary focus should always be on your patrons and how to provide them with the best services possible” (S. 282)

Die Publikation verfügt insgesamt über 35 Screenshots, einen ausführlichen Index sowie über Literaturangaben am Ende jedes Kapitels. Auf der begleitenden Website www.sociallibraries.com werden unter anderem Inhaltsverzeichnis, Rezensionen und aktuelle Links angeführt.

Fazit: Das Buch ist mit viel Hintergrundwissen geschrieben und bietet eine ausgezeichnete Einführung.

Bradley, Phil: How to Use Web 2.0 in Your Library. London: Facet, 2007. 223 S., £39.95 (rezensiert von S. Tremml)

Phil Bradley ist ein Information Professional, der aus dem Bibliothekswesen kommt. Seit 1996 ist er „Internet Consultant“, hält Vorträge zum Thema Internet, beschäftigt sich mit Suchmaschinenoptimierung und hat mehrere Bücher zum Thema Informationsrecherche veröffentlicht.

„How to Use Web 2.0 in Your Library” (http://www.zimbio.com/How+to+use+Web+2.0+in+your+library) gibt einen guten und informativen Überblick darüber, welche „Web 2.0“-Anwendungen es momentan am Markt gibt. Dabei beschreibt er zunächst den Begriff „Web 2.0“ und behandelt dann in einzelnen Kapiteln RSS Feeds, Weblogs, Podcasts, Start Pages, Bookmarking Services, eigene Suchmaschinen, Websites, Instant Messaging, Photograph Sharing Utilities, sowie einige andere Anwendungen. Schließlich widmet er ein Kapitel der Implementierung von „Web 2.0“.

Diesem Buch ist schnell anzumerken, dass sich dahinter ein begeisterter „Web 2.0“-Anwender verbirgt. Verständlich und übersichtlich erklärt Bradley die einzelnen Anwendungen, beschreibt, wie man diese im Bibliotheksbereich umsetzen kann, und liefert dazu zahlreiche Links, um dem Leser selbst in die Welt des „Web 2.0“ eintauchen zu lassen. Dabei stellt er nicht nur Dienste vor, die dem Bibliotheksnutzer nützlich sind, sondern viele Anwendungen, die die Bibliotheksarbeit erleichtern können (Bsp. Document Sharing-Programme).

Pro Kapitel wendet sich der Autor meist einem oder zwei Produkten zu, die er ausführlicher beschreibt, sodass dem Leser gleich ein Einblick in die Bedienung gewährt wird. Viele Produkte sind so reizvoll, dass die Motivation, sich während des Lesens selbst einen Account zuzulegen und durchzustarten, kontinuierlich steigt.

Phil Bradley liefert eine wunderbare Sammlung an hilfreichen und interessanten Links für all jene, die bisher nur wenige „Web 2.0“-Anwendungen kennen. Aber auch jene, die glauben, schon alles zu kennen, werden überrascht sein, welche Möglichkeiten es außerdem noch gibt. Ein Besuch auf der Website zum Buch lohnt sich allemal, da hier alle Links verzeichnet sind und die Entdeckungsreise von hier aus schnell zu starten ist.

Sauers, Michael P.: Blogging and RSS. A Librarian's Guide. Medford: Information Today, 2006. 284 S., $29,50 (rezensiert von M. Bargmann)

Sauers bietet mit „Blogging and RSS“ eine gelungene Einführung in Technik und Funktionsweisen von Weblogs und RSS bzw. Atom. Auf eine kurze Einleitung in das Phänomen Weblog folgen in den Kapiteln 2 und 3 Kurzvorstellungen bibliothekarischer Weblogs mit ausgewählten Einträgen und Interviews mit Bloggern aus dem US-amerikanischen Bibliotheksbereich. Diese berichten von ihrer eigenen Motivation, mit dem Bloggen zu starten, benennen Vor- und Nachteile und geben wertvolle Tipps.

Am Beispiel des Webservices „Blogger“ zeigt Sauers, mit Unterstützung von Screenshots, wie man ein Weblog anlegt (Kapitel 4). Durch die nachvollziehbare Schritt-für-Schritt-Erklärung sollten auch Einsteiger damit kein Problem mehr haben. Kritikpunkt: Blogger gibt es inzwischen in einer völlig neuen Version mit mehr Gestaltungsmöglichkeiten als bisher, und dafür benötigt man auch einen Google-Account, von dem in diesem Buch noch nicht die Rede ist – in diesem Abschnitt ist das Buch praktisch schon beim Erscheinen überholt, was bei der Schnelllebigkeit von „Web 2.0“ nicht verwundert. Andererseits kann man das hier Gelesene durchaus auch auf das neue Blogger und auf andere Tools umlegen, die im Wesentlichen ähnlich funktionieren.

In Kapitel 5 dreht sich alles um RSS. Hier bietet Sauers einen kurzen geschichtlichen Abriss, definiert Typen von Feeds und stellt Features der verschiedenen RSS- und Atom-Versionen einander gegenüber. Erst Kapitel 8 widmet sich dann der Frage, wie man selbst RSS-Feeds generieren und externe Feeds in die eigene Website einbauen kann. Diese zwei Seiten einer Medaille wären besser in einem gemeinsamen Kapitel besprochen worden.

Das sechste Kapitel ist den Aggregatoren und Feedreadern gewidmet. Hier werden verschiedene Arten vorgestellt und die Funktionsweise detailliert am gängigen Aggregator „Bloglines“ demonstriert. „Noteworthy feeds“ für Bibliothekare werden in Kapitel 7 zusammengestellt. Eine gute Abrundung des Buches, allerdings sind manche Screenshots eher unnötig - muss denn wirklich jedes besprochene Weblog abgebildet werden oder ging es hier etwa darum, die Seitenzahl aufzufetten (was das Buch nicht nötig gehabt hätte)?

Auf der dazugehörigen Website www.travelinlibrarian.info/writing/blogging&rss/ findet sich bisher nur ein einsamer Errata-Eintrag, hier hätte man sich beispielsweise zumindest eine Kommentarfunktion oder ein Update der im Buch nicht mehr aktuellen Bereiche erwartet.

Fazit: Trotz der erwähnten Schwächen ein empfehlenswertes Buch, das auch komplizierte Abläufe nachvollziehbar darstellt und auch für Einsteiger gut geeignet ist. Hier ist wohl Sauers’ langjährige Erfahrung als Internet-Trainer spürbar. Die einzelnen Kapitel sind in sich abgeschlossen, es empfiehlt sich aber auch für Personen, die bereits Erfahrung mit Weblogs haben, das gesamte Buch – in welcher Reihenfolge auch immer – durchzuarbeiten, da sich dabei durchaus neue Aspekte auftun. Das Buch ist mit einem Glossar von „Aggregator“ bis „XML“, einem Anhang mit Beispielen für „Feed Code“, einer Liste empfohlener Literatur und einem Index ausgestattet. Mit unter $ 30 preislich fair angesetzt.

Angekündigt

Die folgenden Bände konnten nicht für die vorliegende Rezension berücksichtigt werden, da sie noch nicht erschienen sind bzw. nicht mehr rechtzeitig vor Redaktionsschluss beschafft werden konnten:

Braun, Linda W.: Listen Up! Podcasting for Schools and Libraries. Medford: Information today, 2007. 120 S., $ 29.50 (angekündigt für August 2007)

Courtney, Nancy (Hrsg.): Library 2.0 and Beyond. Innovative Technologies and Tomorrow's User. Westport: Libraries Unlimited, 2007. 164 S., $45 (angekündigt für Juni 2007).

[Nancy Courtney hat 2005 – ebenfalls bei Libraries Unlimited – den empfehlenswerten Band „Technology for the Rest of us. A Primer on Computer Technologies for the Low-tech Librarian” herausgegeben, in dem auch ein Kapitel über Weblogs und RSS von Darlene Fichter und H. Frank Cervone aufgenommen wurde. So darf man auch auf das neue von Courtney herausgegebene Buch gespannt sein.]

Kroski, Ellyssa: Web 2.0 for Librarians and Information Professionals. New York: Neal-Schuman, 2007. Ca. 200 S., $ 75 (angekündigt für Januar 2008)

[Ellyssa Kroski hat sich mit dem oft zitierten Weblogeintrag „The Hive Mind: Folksonomies and User-Based Tagging“ (http://infotangle.blogsome.com/2005/12/07/the-hive-mind-folksonomies-and-user-based-tagging/) einen Namen in der Library 2.0-Szene gemacht.]

Parkes, David; Hart, Liz (Hrsg.): Web 2.0 and Libraries. Impacts, Technologies and Trends. Oxford: Chandos, 2007. Ca. 200 S., £ 39,95 (angekündigt für März 2008)


Und außerdem…

Clyde, Laurel A.: Weblogs and Libraries. Oxford: Chandos, 2004. 180 S., £ 39

Crawford, Walt: Public Library Blogs. 252 Examples. Scotts Valley: CreateSpace, 2007. 299 S., $23,75

Stephens, Michael: Web 2.0 and Libraries. Best Practices for Social Software. Chicago: American Library Association, 2006. Library Technology Reports 42 (2006) 4 (anscheinend nur im Abonnement erhältlich)


Monika Bargmann ist Bibliothekarin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Studiengang Informationsberufe der FH Burgenland. Sie bloggt unter http://library-mistress.blogspot.com/

Susanne Tremml studiert am Studiengang Informationsberufe der FH Burgenland mit Schwerpunkt auf Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationswesen.