> > > LIBREAS. Library Ideas # 10/11

Rezension zu: Heidi Stieger (März 2007) Fachblogs von und für BibliothekarInnen – Nutzen, Tendenzen mit Fokus auf den deutschsprachigen Raum (Churer Schriften zur Informationswissenschaft Schrift, 16), Chur


Zitiervorschlag
Edlef Stabenau, "Rezension zu: Heidi Stieger (März 2007) Fachblogs von und für BibliothekarInnen – Nutzen, Tendenzen mit Fokus auf den deutschsprachigen Raum (Churer Schriften zur Informationswissenschaft Schrift, 16), Chur. ". LIBREAS. Library Ideas, 10/11 ().


Die Arbeit von Heidi Stieger hat mir insgesamt sehr gut gefallen, bietet sie doch erstmals einen guten Überblick über die noch sehr überschaubare deutschsprachige Biblioblogosphäre.

In der deutschen bibliothekarischen Fachliteratur ist die Anzahl der gedruckten Artikel zum Informationsmittel Weblogs noch recht übersichtlich, eine Auswahl ist unter dem Abschnitt Literatur zu finden. Allgemeine Einführungen in das Thema Weblogs findet man noch in den OPL-Checklisten der Kommission für One-Person Libraries[Fn1], aber sonst ist das Thema etwas unterrepräsentiert. Das liegt u. a. sicher auch daran, dass Weblogs als seriöse Informationsquelle in der Fachöffentlichkeit noch nicht in hohem Maße wahrgenommen werden.[Fn2]

In den USA schon lange als selbstverständliches Informations- und Arbeitsmittel sind bibliothekarische Weblogs im deutschsprachigen Raum noch lange nicht so verbreitet. Das gilt sowohl für Weblogs von BibliothekarInnen (oder Menschen aus verwandten Berufen), als auch für institutionelle Weblogs, also Bibliotheken, die z. B. ihre Neuigkeiten per Weblog annoncieren.

Den wohl aktuellsten internationalen Überblick über bibliothekarische Weblogs findet man im LISwiki. Im September 2007 finden sich zwar 44 persönliche deutschsprachige bibliothekarische Weblogs[Fn3], aber immerhin 56 Weblogs[Fn4] von persischen KollegInnen (die oft aber in englischer Sprache schreiben).

Im englischsprachigen Raum gab es schon einige Bemühungen mit dem Ziel, nähere Informationen zur Biblioblogosphäre zu sammeln und auszuwerten. So hat Meredith Farkas 2005 eine Umfrage gestartet deren Ergebnisse sie auf ihrer Seite „Why we blog”[Fn5] zusammengefasst hat. Es ging den KollegInnen damals schon primär um “to share ideas with other/to communicate with colleagues, friends, family”.

Die neueste Umfrage von Farkas fand im August 2007 statt und ist noch nicht komplett ausgewertet, teilgenommen haben 839 KollegInnen weltweit[Fn6], in den zwei Jahren seit der ersten Umfrage hat sich die Zahl der TeilnehmerInnen deutlich erhöht (2005 waren es 165).

Ich bin zumeist etwas misstrauisch, wenn sich AutorInnen mit dem Thema Weblogs befassen, ohne selbst praktische Erfahrungen damit gemacht zu haben. Wenn man nur von der „Außenseitersicht“ an das Thema herangeht, kommt es manchmal zu überwiegend theoretischen Erkenntnissen, die Faszination des Weblogschreibens (und -lesens) erschließt sich aber erst nach den subjektiven Erfahrungen damit.

Heidi Stieger hat – soweit ich weiß – keine praktischen Erfahrungen mit dem Schreiben von/in Weblogs, aber das tut der Qualität ihrer Arbeit keinerlei Abbruch. Sie beschäftigt sich im ersten Teil mit dem Phänomen Weblog allgemein, analysiert an einem Beispiel wie die verschiedenen Publikationsformen (Mailingliste, Fachzeitschriften, Weblogs) ein bestimmtes Thema (RFID) wann und in welcher Tiefe behandeln. Im letzten Teil versucht sie einen Blick auf die Zukunft zu werfen, wobei sie die Ergebnisse der Expertenbefragung miteinbezieht.

Das Kapitel „Phänomen Weblog” beschäftigt sich mit den Grundlagen des Bloggens, der Geschichte dieses Phänomens und erklärt einige Fachbegriffe, die zum Verständnis der Technik wichtig sind (Permalink, Trackback, Blogroll etc.) Dieser Teil ist informativ und anschaulich geschrieben. Jene, die mit der Weblogszene nicht vertraut sind, finden hier nützliche Informationen für den Einstieg in die Materie.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Übersicht über die deutschsprachigen bibliothekarischen Weblogs. Mit Hilfe eines Kriterienkatalogs untersucht Heidi Stieger die zum Zeitpunkt der Publikation aktiven Weblogs und stellt diese mit einem Screenshot vor. Die Beschreibung erstreckt sich auf Autor/in, Absicht/Umfang, Features, zeitliche Aspekte und endet mit einem Fazit zu dem jeweiligen Weblog. Sie unterscheidet hier noch nach Weblogs von BibliothekarInnen (also eher persönlich geprägt) und Weblogs von Institutionen, wobei man das aber nicht so eindeutig trennen kann. So würde ich medinfo eher in die erste Kategorie einordnen, obwohl das Weblog inzwischen auch ein Publikationsorgan der AGMB (Arbeitsgemeinschaft für medizinisches Bibliothekswesen) ist. In ihrer Zusammenfassung stellt die Autorin noch einmal die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten von Weblogs dar.

Die vorgestellten Fachblogs dienen den unterschiedlichsten Zwecken und haben teilweise mehrere Funktionen, so ein Ergebnis: Sie dienen als Filter für Neuigkeiten aus dem Bibliothekswesen, zur Informationsverwaltung, sind Publikationsorgan, Schwarzes Brett, Nachrichtenbörse, Projektdokumentation, Archivierungssystem, Arbeitsinstrument, Fachportal, Forum, Plattform für den lebendigen Informationsaustausch, dokumentieren Aktivitäten, machen Positionen deutlich und vermitteln diese nach außen.

Nach der Vorstellung der Weblogs vergleicht Stieger die Besonderheiten der einzelnen Informationsdienste Forum, Newsgroup und Mailingliste, die alle interaktive, asynchrone Kommunikationsmittel sind, um danach die Fachzeitschriften mit Fachblogs zu vergleichen und ihr Ergebnis übersichtlich in einer Matrix darzustellen.

Hinter der Analyse des Unterschieds der verschiedenen Publikationsformen Weblog, Mailingliste und Fachzeitschrift verbirgt sich eine ziemliche Fleißarbeit. Anhand eines Kriterienkatalogs wird hier am Beispiel RFID untersucht, wann und in welcher Form das Thema in den Informationsdiensten besprochen wurde. Verglichen werden die Mailingliste INETBIB, die Fachzeitschrift BuB. Forum für Bibliothek und Information und das Weblog netbib. Für Kenner wenig überraschend ist das Ergebnis des Vergleichs, das die Autorin in fünf Thesen zusammengefasst:

These 1: Fachblogs verweisen mehrheitlich auf Medienseiten, andere Weblogs und Homepages und bringen so selten neue Inhalte, da sie nicht als Primärquellen fungieren.

These 2: Fachblogs können über Fachzeitschriften hinaus einen neuen Kontext herstellen, indem sie auf andere Quellen verlinken, die auch gegensätzliche Meinungen und Diskussionen unmittelbar miteinbeziehen können.

These 3: Mit Fachblogs ist ein sehr schnelles Publizieren möglich. Sie können über aktuelle Informationen diskutieren, bevor die Zeitschriften die Informationen aufgreifen.

These 4: Fachblogs ermöglichen viel Freiheit. Themen können authentisch, subjektiv und kontrovers behandelt werden.

These 5: Fachblogs, Foren und Fachzeitschriften besetzen unterschiedliche Nischen und ergänzen einander.

Die Thesen werden anhand des Beispiels RFID in den Publikationsmedien verifiziert, wobei auch nicht überrascht, dass das Weblog bei der Behandlung des Themas zeitlich deutlich vor Mailingliste und Zeitschriftenaufsatz liegt. Neben der Aktualität ist bei Weblogeinträgen sehr häufig zu beobachten, dass Diskussionen zu „heißen” Themen stattfinden, die auf der Mailingliste INETBIB nicht zu finden sind. Auch kritische Anmerkungen zu Produkten oder Dienstleistungen sind in der Fachliteratur eher selten zu finden. Für mich eigentlich der wichtigste Vorteil von Fachblogs: Die Authentizität, die subjektiven Texte der SchreiberInnen und die Möglichkeit kontrovers zu diskutieren.

Die Expertenbefragung bildet den letzten Teil der Arbeit, hier wurde u.a. gefragt, wie die Weblogautoren die Zukunftsaussichten von (bibliothekarischen) Weblogs und die Bedeutung für die berufliche Weiterbildung einschätzen. Obwohl leider nur zehn von dreizehn angeschriebenen deutschsprachigen BloggerInnen auf die (meist offenen) Fragen geantwortet haben, kann man von einem repräsentativen Ergebnis zumindest für die deutschsprachige bibliothekarische Fachweblogszene sprechen.

Das bibliothekarische Fachblog als Kommunikationsinstrument fördert den lebendigen Informationsaustausch und die Zusammenarbeit unter Bibliothekaren mit Hilfe der Kommentarfunktionen, Trackbacks und Blogrolls. Es lassen sich Netzwerke zwischen Bibliothekare bilden und Experten auf bestimmten Gebieten ausmachen. Für One-Person-Librarians, die oft fachlich isoliert sind, eignen sich diese Funktionen besonders.

Dass die Feststellung im Fazit der Arbeit den Tatsachen entspricht, kann sicher jede/r, der oder die ein Weblog betreibt, unterschreiben. Über die Kommentarfunktionen von Weblogs ergeben sich oft „automatisch” Kontakte zu KollegInnen, die sich mit ähnlichen Fragestellungen oder Problemen beschäftigen und es geht etwas persönlicher zu als auf großen Mailinglisten.

Im Anhang finden sich noch der Kriterienkatalog für die Klassizifizerung der Weblogs, die genauen Daten zum Fallbeispiel RFID und die Fragen sowie die (anonymisierten) Antworten der Expertenbefragung.

Einzig die Darstellung der Tabellen beim Fallbeispiel, die im DIN A4-Format schlicht nicht lesbar sind, hat mir gar nicht gefallen.

Bemerkungen
Diese Besprechung ist eine gute Gelegenheit, einmal mit einem kleinen Missverständnis aufzuräumen, dem auch Heidi Stieger unterlegen ist: netbib fungiert nicht als eine Art Pressespiegel für das Bibliothekswesen. Unsere Tagline (Untertitel) “Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen” veranlasst auch andere Leser zu der Annahme, wir würden nur Zeitschriften bzw. Zeitungsartikel annoncieren. Die kommen bei uns zwar auch vor, sind aber keineswegs das Hauptgeschäft, sondern eher eine Art “Abfallprodukt”. Der Begriff Zeitungen wurde früher als Synonym für Nachrichten benutzt. Die Presseauswertung, falls man es so nennen mag, findet bei uns nur nebenbei statt. Hauptaugenmerk sind Informationen zu Entwicklungen in und von Bibliotheken, Archiven und anderen Informationsanbietern.

Literatur

Braun, Barbara; Braun, Volker (2007) Erfahrungsbericht über den Einsatz eines Weblogs in der Bibliothek der Medizinischen Fakultät Mannheim. In: GMS Medizin – Bibliothek – Information 2007;7(1) www.egms.de/de/journals/mbi/2007-7/mbi000059.shtml (geprüft am 30.9.2007)

Hartl, Margit; Bauer, Bruno (2007) „Ein Weblog als Informations- und Kommunikationsinstrument an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien: 1 Jahr UBMUW-INFO.” In: GMS Medizin - Bibliothek - Information 2007; 7(1) www.egms.de/de/journals/mbi/2007-7/mbi000060.shtml (geprüft am 30.9.2007)

Heller, Lambert (2007) „Authority 3.0, oder: Ist Bloggen wissenschaftlich relevant?” netbib weblog, http://log.netbib.de/archives/2007/09/05/authority-30-oder-ist-bloggen-wissenschaftlich-relevant/ (geprüft am 30.9.2007)

Hilger, Horst (2007) „BSZ - FachBlogs für BibliothekarInnen.” http://www2.bsz-bw.de/cms/recherche/links/infedo/infedoBiblblogs.html (geprüft am 30.9.2007)

Stieger, Heidi (2006) Fachblogs von und für BibliothekarInnen – was nützen sie? Ein Blick auf den deutschsprachigen Raum. arbido 4/2006, S.61-65 (geprüft am 30.9.2007)

Fußnoten


Edlef Stabenau ist Bibliothekar an der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Hamburg-Harburg und dort im Benutzungsbereich tätig. Seit 2001 beschäftigt er sich mit dem Thema Weblogs, RSS und anderen "neumodischen" Dingen und schreibt regelmäßig mit anderen engagierten KollegInnen im „kurioesen Bibliotheksboten worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen“, besser bekannt als netbib Weblog (http://log.netbib.de).