> > > LIBREAS. Library Ideas # 1

Die Staatsbibliothek zu Berlin in Cees Nootebooms "Allerseelen"


Zitiervorschlag
Cees Nooteboom, "Die Staatsbibliothek zu Berlin in Cees Nootebooms "Allerseelen"". LIBREAS. Library Ideas, 1 ().


„Er verlangsamte seine Schritte und blieb dann auf der Brücke über den Landwehrkanal stehen. Eisschollen, graue, durchsichtige Placken, reglos im schwarzen Wasser. Und wenn sie stehen bliebe? Aber sie blieb nicht stehen. Jemandem zu folgen war eine Einmischung. Diesmal hatte er ihr Gesicht nicht gut sehen können, das matte Weiß war flächenhaft vorbeigeschwebt. Von gestern erinnerte er sich an den mürrischen Ausdruck, die Narbe. So ein Quatsch. Und er war zu alt dafür. Er musste einfach tun, was er immer tat, eine Tasse Kaffee oben in der Cafeteria trinken, Kaffee zu einer Mark, Totenwasser aus dem Fluß Lethe, und dann nach unten in die große Halle zurückgehen und die Zeitung am breiten Fenster lesen, aus dem man die Nationalgalerie sehen konnte. Dort schliefen immer ein paar Obdachlose auf Stühlen, eine zerknitterte Zeitung als Alibi über sich. Er gab seinen Mantel und die Kamera an der Garderobe ab, zeigte den beiden Bewacherinnen, die alles sehen wollten, was man hinein- und wieder hinausnahm, seine leeren Hände und ging nach oben. Seit die Studenten aus dem Osten dazugekommen waren, war es hier viel voller geworden, schließlich saß man hier besser als in der Humboldt-Universität. Iranerinnen - mit - Kopftüchern, Chinesen, Wikinger, Neger, eine artenreiche Schmetterlingssammlung, die in großer Stille Honig aus den Büchern sog. Sie sah er nirgends. In der Halle unten waren Fotos ausgestellt, diesmal Lager und Hunger. Es war wohl so, daß die Unfähigkeit zu trauern sich in ihr Gegenteil verkehrt hatte und daß sich eine zwingende, unaufhörliche Trauer in den Seelen mancher niedergeschlagen hatte, ein schweigender Klosterorden, der keine Antwort auf das Böse hatte finden können und es nun im Namen der anderen mit sich trug. Im Vorbeigehen schaute er sich die Bilder an. Einer Sache ins Auge sehen, so lautete der Ausdruck. Leiden, Hunger, immer hatte es mit Augen zu tun. Schädel, die einen mit einer Bestürzung ansahen, die nie mehr vergehen würde, Fotos, bei denen man während des Schauens älter wurde. Die schlafenden Obdachlosen unter The Herold Tribune und der Frankfurter Allgemeinen waren ohne Mühe Teil der Ausstellung geworden. Das wenigstens sah nach dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts aus. Und mit einemmal wusste er auch, wo er sie finden konnte, denn für El País musste man ins angrenzende Gebäude, ins Ibero-Amerikanische Institut. Wenn man den Weg kannte, konnte man innen durch. Dann war man mit einem Schritt in Spanien und mit dem nächsten bereits in Buenos Aires, Lima oder São Paolo. Er sah die Nación, Granmam Excelsior, El Mundo, aber El País war nicht da. Die hatte sie.

„Die hast du schon gelesen", sagte sie auf spanisch, „es ist die von gestern. Die hinken hier immer hinterher." Und weg war sie. Schwarzer Pullover. Schultern. Kleine Zähne. Er starrte in den Excelsior, ohne etwas zu sehen. Neue Morde in Mexiko. Etwas, was Zedillo gesagt hatte. Zeugen verschwunden. Die Leiche eines Drogenhändlers. Ihr Akzent war nicht südamerikanisch gewesen, aber auch nicht spanisch. Irgend etwas hatte er wiedererkannt, ohne genau darauf zu kommen, was, ebensowenig wie er etwas über dieses Gesicht hätte sagen können, obwohl er es so gerne wollte. Kompakt, geballt, aber das konnte man von einem Gesicht natürlich nicht sagen. Immerhin hatte sie ihn wahrgenommen, gestern, das war schon eine ganze Menge. Er verfolgte ihre Bewegungen in der Ferne. Zu einer Art Pult, Lampe anknipsen, Lichtschein auf den kurzen Händen, Bücher hinlegen, zurechtrücken, Gefühl für Ordnung. Stift, Block. Jetzt zurück, viel zu nah, aber sie schaute nicht. Sie nicht. Computer einschalten, für einen Moment das graue Nichts ertragen, dann Bilder, Sätze, doch noch zu weit für ihn, um etwas erkennen zu können. Verspringende Reihen, starren, Formulare ausfüllen. Nach vorn, zum Schalter, anstellen. Nicht wippend oder mit den Füßen scharrend wie die anderen, die auf Bücher warteten. Lesend, nicht aufschauend. Formen von Gefräßigkeit. Diese Zähne konnten ein Buch fressen. […] Jetzt war sie an der Reihe, da vorn. Diskussion. Der Bibliothekar tat sein Bestes. Er suchte ein Papier im Karteikasten, drehte sich um und hob dann zwei schwere Bücher aus einem Regal, in dem schon viel andere Weisheit in Stapeln bereitlag. Sie warf einen Blick hinein, nickte und ging zu ihrem Platz zurück. Jetzt sah er nur noch einen Rücken. Keinen Vermeer-Rücken, soviel war sicher. Das war auch nicht möglich bei diesen Augen. Was konnte man eigentlich über jemanden denken, den man überhaupt nicht kannte? Dieser Rücken verriet nichts. Ein schwarzes Rechteck, an dem Fragen abprallten. Und was wollte er selbst hier mit seiner armseligen mexikanischen Zeitung? Worin bestand seine Legitimation? Rechts von sich hörte er das leise Klicken von Computertasten. Er liebte Bibliotheken. Man war allein und gleichzeitig unter Leuten, die alle mit irgend etwas beschäftigt waren. Hier war es klösterlich still, und nach einer Weile konnte er die unterschiedlichen Arten von Geräuschen unterscheiden, Schritte, wenngleich gedämpfte, das Hinlegen schwerer Bücher, Geraschel von Seiten, die umgeschlagen wurden, ein geflüstertes Gespräch, das kurze, immer wiederkehrende Geräusch eines Fotokopierapparats. Dies war das Revier von Spezialisten, jeder hier beschäftigte sich mit etwas, das mit Spanien oder Lateinamerika zu tun hatte, hier hatte er nichts zu suchen. Sein einziges Alibi waren die Zeitungen und Zeitschriften sowie die Tatsache, daß er Spanisch sprach.

Nach oben in die große Bibliothek ging er regelmäßig. Nur spezielle Bücher mußte man bestellen, der Rest stand in der sogenannten Handbibliothek, französische, deutsche und englische Klassiker, niederländische Zeitschriften, die verschiedensten Enzyklopädien, Stunden konnte man hier verbringen, und das tat er auch regelmäßig, ein schon etwas älterer Student, der niemandem unangenehm auffiel. Hier in der spanischen Abteilung fiel er übrigens auch nicht auf, Olav Rasmussen, Spezialist für portugiesische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, wer wollte einem was? Er legte die Zeitung hin und ging zu einem der kleinen zellenartigen, jedoch offenen Räume, wandte sich zu den offenen Bücherschränken vorn am Ausgabeschalter und zog den erstbesten dicken Band heraus, D. Abad de Sentillon, Diccionario de argentinismos. Nun mußte er seine Identität anpassen, Philip Humphries, assistant professor at Syracuse University, Spezialist für Gaucholiteratur. Er legte den dicken Band auf seinen Arbeitsplatz und knipste das Licht an damit sich hier niemand anders hinsetzte, erhob sich dann wieder als Umberto Viscusi, beschäftigt mit einer Magisterarbeit über spanische Mystiker, und ging zu der langen Reihe der Karteikästen, um so zu tun, als suche er etwas. Er fand alles mögliche, und nach wenigen Minuten hatte er vergessen, daß er nur so tat, als ob. Einige der Karten waren noch von Hand beschriftet, andere auf Schreibmaschinen getippt, die nicht mehr existierten. Willkürlich notierte er Titel aus verschiedenen Karteikasten, angestachelt durch einen geheimen, schreiberlinghaften Genuß. Ha?m Vidal Sephira, l'Agonie des judéo-espagnols, José Orlandis, Semblanzas visigodas, Juan Vernet, La Ciencia en Al-Andalus, Cartulario del Monasterio de Santa Maria de la Huerta, Menéndez-Pidal, Dichtung und Geschichte in Spanien. Auch dies war also eine Sammlung, eine Buchhaltung - im eigentlichen Sinne des Wortes - der Welt, der aktuellen wie der vergangenen Wirklichkeit. Er dachte, wie leicht man sich darin verlieren könnte, und fragte sich, ob es auch Bücher und Veröffentlichungen gebe, nach denen nie mehr gefragt wurde, so daß das Wissen, das in ihnen zusammengetragen war, dort irgendwo in einem Magazin weiterschwelte, wartend, bis jemand sich plötzlich für diesen vernachlässigten Zeitabschnitt interessierte, das jüdische Viertel von Zaragoza im dreizehnten Jahrhundert, den Verlauf einer Feldschlacht zwischen längst vergessenen mittelalterlichen Fürsten, die Kolonialverwaltung Perus im siebzehnten Jahrhundert, alles genauso ungültig geworden wie Sandriffel und Wolkenformationen auf Zenobias Fotos und trotzdem aus dem einfachen Grund aufbewahrt, weil es irgendwann existiert hatte, irgendwann zu einer lebendigen Wirklichkeit von Menschen gehört hatte, etwas, das jetzt noch als radioaktiver Abfall dort irgendwo in verstaubten Büchern oder auf einem Mikrofilm als unzulängliche Verdopplung weiterschlummerte, Widerspiegelung eines Fragments, als sei diese Welt selbst in einen nie endenden Papierwickel gerollt und müsse so noch einmal existieren , der Lärm von Schlachtfeldern, das Protokoll einer Verhandlung, all das unaufhörliche Wollen und Agieren, erstickt und ohnmächtig geworden unter stets wieder neuen Schichten flüsternden, raschelnden Papiers, wartend auf das Auge des Zauberers, das sie noch einmal zum Leben erwecken würde. Er schaute zu den Leuten, die da saßen und arbeiteten, jeder verbunden mit einer für ihn unsichtbaren, an einen Ort und eine Zeit gebundenen Wirklichkeit. Bibliotheken, dachte er, waren dazu da, um Dinge zu bewahren, natürlich hatten sie auch mit der Gegenwart zu tun, die sich im übrigen mir jeder Minute in eine Vergangenheit verwandelte, doch das Bewahren war ein Ausdruck von etwas anderem, einem verbissenen Kampf selbst des geringfügigsten Ereignisses gegen das Vergessenwerden, und das konnte nichts anderes sein als Überlebenstrieb, die Weigerung zu sterben. Wenn wir etwas, gleichgültig was, von der Vergangenheit sterben lassen, dann kann uns das genauso passieren, und das ließ sich nur durch diese Aufbewahrsucht beschwören. Es war unwichtig, ob irgend jemand noch je die Nebenlinien des aragonischen Adels im zehnten Jahrhundert erforschen wollte oder das Taufregister der Kathedrale von Teruel im sechzehnten Jahrhundert oder die Entwurfszeichnung des Hafens von Santa Cruz de Tenerife, es ging vielmehr dar um, daß sich die Vergangenheit als Vergangenheit noch irgendwo befand und damit weiterexistierte, bis die Beschreibung der Welt, gemeinsam mit der Welt, aufgehört hatte.

Aus: Nooteboom, Cees: Allerseelen. Frankfurt/Main: suhrkamp, 1999