> > > LIBREAS. Library Ideas # 1

Ein Tag in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz


Zitiervorschlag
Lucia Jay, "Ein Tag in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz". LIBREAS. Library Ideas, 1 ().


Es ist kurz vor neun Uhr. Eine Menschenschlange hat sich vor dem Eingang der Berliner Staatsbibliothek Haus 2 in der Potsdamer Straße gebildet. Die durchsichtigen Folientüten mit der Aufschrift „Staatsbibliothek zu Berlin“ (ohne den gewohnten Zusatz „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“) in den Händen, in denen allerlei Lernutensilien wie Laptop, Bücher, Block, Stifte, Kaugummis, Labellos und Traubenzucker auszumachen sind, stehen StudentInnen, DoktorandInnen und WissenschaftlerInnen brav in Reih und Glied in Erwartung des Kampfes um die besten Plätze. Denn das Gesetz des frühen Vogels, der den Wurm fängt, ist auch unter dem Dach der Staatsbibliothek nicht außer Kraft gesetzt. In der Schlange ist es üblich, schon mal den Blick schweifen zu lassen und so zu kontrollieren, wer heute da ist. Man kennt ja die Meisten, zumindest vom Sehen. Bei diesem alltäglichen Bild ist von der hehren Atmosphäre, die der Bau bei seiner feierlichen Eröffnung verbreitete, kaum etwas spürbar: Die große Eingangshalle, die heute eher verschmutzt und daher vernachlässigt wirkt, galt mehr der Repräsentation als der Leserfreundlichkeit. Die Stabi als Leseschiff - jedenfalls ließ sich Scharoun vom Bild eines Schiffes inspirieren, was bei einem Bremerhavener nicht verwundert. Dass es dabei nicht um einen Wissenstanker, sondern eher um ein Kreuzfahrtschiff ging, bestätigen die langen, mit farblich inzwischen nicht mehr identifizierbarer Auslegware überzogenen Gänge, die man zwischen „Heck“ und „Bug“ zurücklegen muss. Die Lampen erinnern gleichsam an eine 70er-Jahre-Adaption von Kronleuchtern, die das gesamte Gebäude erhellen. Die gegenwärtigen Leserschlangen am Eingang zum Lese- und Nutzungsbereich zeigen, dass die „Schwellenangst“ vor einer Universalbibliothek, die bis zum Ende der 80er Jahre kaum genutzt wurde, überwunden ist. Am Eingang findet sich die erste Hürde, an welcher sich zeigt, wer zu den alten Stabi-Hasen zählt und wer ein Neuling ist. Während die Neulinge umständlich ihre mitgebrachten Sachen sortieren, kommt es bei den alten Hasen wie aus der Pistole geschossen: „Zwei eigene, zwei Stabi-Bücher und einen PC“. Gemeint ist der Inhalt der erwähnten Folientüte, den die Leser später auf ihrem Arbeitsplatz verteilen werden. Sie bekommen daraufhin einen Zettel über ihr Eigentum ausgehändigt und gehen zielstrebig über die große Treppe nach oben zu den Lesesälen. Ein unbeteiligter Zuschauer mag sich beim Anblick der eher an System-Gastronomie erinnernden „Benutzerabfertigung“ fragen, ob die Alltagsnutzung wohl noch Raum lässt, die beabsichtigte, repräsentative Funktion des Eingangsbereiches wahrzunehmen.

Eine große Treppe führt in den Stabi-Lesesaal, der in verschiedene Fachbereiche aufgeteilt ist. Bei der Platzsuche spielen diese allerdings keine Rolle, die meisten Nutzer haben ihre Bücher und Kopien sowieso dabei, und so geht es vor allem darum, einen möglichst atmosphärisch angenehmen Platz, zum Beispiel mit Blick auf die große Fensterfront, zu ergattern. Sitzt der eine Leser lieber in einer ruhigen und abgelegenen Ecke, ist es für einen anderen gerade wichtig, am Gang mit Blick auf das Laufpublikum zu sitzen, um eventuell ein bekanntes Gesicht für den vor-, zwischen- oder nachmittäglichen Kaffee zu erspähen.

Es heißt hier nicht nur „sehen und gesehen werden“, sondern auch „treffen und getroffen werden“. Hier, unter den großen Lampen und dem spitz zulaufenden Glasdach, verabreden sich die „Stabilos“ und „Stabiletten“, hier begegnet man alten und schließt neue Bekanntschaften. Kein Wunder, dass die Stabi unter Akademikern als Berlins Top-Adresse für Kontakte und als inoffizieller Heiratsmarkt gehandelt wird. Der große Lesesaal bietet mit seinen zahlreichen Nischen, Treppen und Ebenen ein hervorragendes Gelände für Partnerwahl, Kontaktaufnahme und Stelldichein. Man kann unbeobachtet beobachten und ganz „zufällige“ Begegnungen bzw. Zusammenstöße gekonnt inszenieren. Für die alten Hasen in der Stabi ist dies eine leichte Übung. Ob sich Hans Scharoun mit seiner Vorliebe für Treppen und verschobene Ebenen, die immer wieder Flure und Lesesäle unterbrechen, darüber bewusst war, dass diese heute einen so wichtigen Kommunikationsfaktor für die StudentInnen darstellen?

Inzwischen ist es halb eins. Mittagspause für alle Lernenden. Spätestens jetzt wird deutlich, was vorher noch verdeckt blieb: Wer zu wem gehört oder gehören möchte, wird spätestens in einer weiteren Schlange, nämlich der in der Cafeteria, deutlich. Man schätzt sich mit Blicken, hoch oder gering, in jedem Fall schätzt man sich ein, plaudert eher weniger über Wissenschaft und Prüfung. Nicht nur für Soziologen ist es ein Leichtes, in der Mittagspause noch eine ganz eigene Kaste der Stabi-Lernenden zu erkennen: die Einzelgänger. Sie bringen Bücher oder Laptop mit in die Cafeteria und beugen sich, ohne jedes Interesse an ihrem sozialen Umfeld, ihre Tasse Bohnenkaffee - mehr aus Gewohnheit, denn als bewusste Entscheidung zur Nahrungsaufnahme - schlürfend über ihre Arbeit. Dieses für den (Hobby-)Soziologen ideale Studiengelände wartet förmlich, als Pendant zur Klassifikation des Wissens, auf eine Klassifikation derer, die hier das Wissen sammeln. Klassifikationsmerkmal: Besuchsgewohnheiten. Man tuschelt, dass Juristen immer am gleichen Platz sitzen (wenn er ihnen nicht durch einen überambitionierten BWLer weggeschnappt wurde) und Punkt 17 Uhr die Staatsbibliothek verlassen. Zeigt sich hier schon die Veranlagung eines neuen Beamtentypus? Und wer bleibt am längsten – häufig bis zum Zapfenstreich - an Deck? Diese verantwortungsvolle Position wird meist von den Geisteswissenschaftlern gehalten, die kommen allerdings auch selten, ohne vorher nicht noch in Ruhe gebruncht zu haben...

Während man in den ersten Tagen gewöhnlich noch schmunzelt oder ungläubig den Kopf schüttelt über den Stabi-Habitus und die Schmink-Sessions vor den Spiegeln auf den Damentoiletten, dann ist man später umso überraschter darüber, wie schnell man sich diese Verhaltensformen selbst aneignet und sich spätestens nach der ersten Woche selbst dabei erwischt, beim Verlassen des Lesesaals mit wissendem Blick zu den entgegenkommenden Neuankömmlingen zu schielen, die sich unsicher die große Treppe hinauf wagen. Eine Woche Lernen in der Staatsbibliothek und man steht über den Dingen auf der MS Stabi und fühlt sich mit allen Wassern gewaschen.


Lucia Jay hat Lateinamerikanistik, Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin studiert. Sie ist freie Autorin für die TAZ und arbeitet in der Online-Redaktion des Cornelsen-Verlages.